US-Geheimdienste schätzen die am Flughafen Leipzig/Halle entdeckte Sprengdrohne als „typisch“ für Geräte des russischen Militärgeheimdienstes GRU ein. Das berichtet der US-Sender ABC, wie FOCUS online am 27. August meldet. Die Bewertung erfolgte demnach gemeinsam mit deutschen Sicherheits- und Nachrichtendiensten.
Ein namentlich nicht genannter US-Geheimdienstler sagte dem Sender, die Drohne weise Muster auf, wie sie beim russischen Militärgeheimdienst GRU bekannt seien. Sowohl die angebrachten Sprengstoffe als auch die Konstruktion des Sprengkörpers seien „typisch“ für Geräte des GRU. Dass die Bombe nicht explodierte, lag laut den Angaben daran, dass der Auslösemechanismus vom Sprengkörper getrennt war.
Aus Washington kam damit die deutlichste Zuordnung des Anschlagsversuchs. Deutsche Regierungsstellen äußerten sich zunächst zurückhaltender, doch Sicherheitskreise gehen davon aus, dass die Drohne aus dem Umfeld russischer Nachrichtendienste stammt. Als Ziel galten am Flughafen geparkte ukrainische Antonow-Frachtflugzeuge, die für Rüstungs- und Hilfstransporte genutzt werden.
Was in der Nacht zum 5. August geschah
In der Nacht zum 5. August wurde gegen 23:42 Uhr eine erste mit Militärsprengstoff bestückte Drohne nahe mehrerer geparkter ukrainischer Antonow-Frachtflugzeuge entdeckt. Sie sollte offenbar ein ukrainisches Frachtflugzeug angreifen, das für den Transport von Rüstungsgütern genutzt wird. Der Zünder war defekt, der Anschlag misslang.
Kurz darauf, gegen 00:03 Uhr, kollidierte eine zweite Drohne mit einem DHL-Frachtflugzeug. Die Maschine war wegen der sofortigen Sperrung des Flughafens durchgestartet und wurde nach Hannover umgeleitet. Am Leitwerk fanden Ermittler eine Beschädigung; eine Untersuchung ergab, dass es sich nicht um einen Vogelschlag gehandelt haben soll.
Am 14. August entdeckten Ermittler eine dritte Drohne auf einem Feld in Kabelsketal westlich des Flughafens. An der Fundstelle lagen nach ersten Einschätzungen rund 50 Gramm des hochexplosiven Militärsprengstoffs Hexogen. Zuvor war in Kursdorf eine an einem Baum befestigte Antenne samt Elektronik sichergestellt worden; daran fanden sich DNA-Spuren, die bislang keiner Person zugeordnet werden konnten.
Die Funde im Überblick
- 4. August 2026Erste Sprengdrohne gefunden
Gegen 23:42 Uhr wird am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff bestückte Drohne nahe ukrainischer Antonow-Frachtflugzeuge entdeckt.
- 5. August 2026Kollision mit DHL-Frachtflugzeug
Kurz nach Mitternacht kollidiert eine zweite Drohne mit einem DHL-Flugzeug; Maschine wird nach Hannover umgeleitet.
- 14. August 2026Dritte Drohne und Hexogen entdeckt
Auf einem Feld in Kabelsketal finden Ermittler eine dritte Drohne und rund 50 Gramm Militärsprengstoff Hexogen.
- 27. August 2026ABC-Bericht zur GRU-Spur
US-Geheimdienste sehen laut ABC Muster des russischen Militärgeheimdienstes GRU; der SVR weist die Vorwürfe zurück.
Berlin spricht von neuer Gefahrenstufe
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, Deutschland werde „zunehmend zum Ziel von hybriden Angreifern“. Gegenüber n-tv erklärte er, die Täter würden „bezahlen“, und man arbeite intensiv an einer Zuordnung. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einer „neuen Gefahrenstufe“ und einem „professionellen hybriden Bedrohungsszenario“.
„Deutschland wird zunehmend zum Ziel von hybriden Angreifern.“
Dobrindt blieb bei der Täterfrage zurückhaltend: „Es ist nicht Aufgabe eines Bundesinnenministers, Verdachtsmomente zu erklären, sondern Beweise zu bringen.“ Der Grünen-Politiker Konstantin von Notz nannte den Fall eine brutale Zuspitzung: „Stellen Sie sich mal vor, dieser Anschlag wäre gelungen und wir hätten ein explodierendes Flugzeug auf einem deutschen Flughafen gehabt, neben Ferienfliegern, die aus Mallorca nach Hause kommen.“
Der frühere BND-Vizechef Arndt Freytag von Loringhoven sagte, es scheine sehr wahrscheinlich, dass Russland im Fall Leipzig der Täter sei. Er kritisierte das Zögern Berlins als Schwäche signalisierend. Innenminister Dobrindt hatte in den Tagen zuvor vor einem Waffenversteck nahe Berlin gewarnt – ein Hinweis auf die angespannte Sicherheitslage.
Moskau weist jede Verantwortung zurück
Russland bestreitet jede Beteiligung. Der Auslandsgeheimdienst SVR warf deutschen Politikern und europäischen Medien vor, „vorschnell“ Schlüsse zu ziehen, bevor die Ermittlungen abgeschlossen seien. Die russische Botschaft in Berlin nannte den Vorfall eine „unüberlegt konstruierte Provokation“, die allein den Interessen Kiews und des „militaristischen Flügels“ in Europa diene.
Die Bundesanwaltschaft ermittelt unter Leitung von Generalbundesanwalt Jens Rommel wegen des Verdachts des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr. Die Behörde sprach von einem „schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland“.
„Wir werden unsere Methoden stark verschärfen, um all das zu zerstören, was Kiews Kriegsmaschine aus dem Westen speist. Und wir tun dies bereits.“
Leipzig als logistische Drehscheibe im Fokus
Der Flughafen Leipzig/Halle gilt als wichtiger Frachtknoten und Umschlagplatz für militärische Hilfslieferungen für die Ukraine. Die dort stationierten Antonow-Maschinen sind Teil der Nato-Transportreserve. Ermittler vermuten deshalb, dass die Drohne nicht zufällig auftauchte, sondern darauf angelegt war, Flugzeuge am Boden zu beschädigen, Lieferwege zu stören und Deutschland unter Druck zu setzen.
Zudem prüfen Ermittler Verbindungen zu früheren Fällen: 2024 war über DHL ein Paket mit Brandsatz verschickt worden, das kurz vor der Verladung in eine Frachtmaschine Feuer fing. In Litauen stehen mehrere Männer vor Gericht, die nach Angaben der dortigen Staatsanwaltschaft für russische Dienste gearbeitet haben sollen.
Die Frage, ob Berlin den Anschlag öffentlich Russland zuordnet, bleibt offen. Die US-Geheimdienste haben ihre Bewertung bereits geliefert – und mit ihr eine direkte Spur zum Kreml.
