Neonazi-Vergangenheit des Ehemanns belastet Grünen-Kandidatin vor Wahl
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Sachsen-Anhalt

Neonazi-Vergangenheit des Ehemanns belastet Grünen-Kandidatin vor Wahl

Eine Woche vor der Landtagswahl muss Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz erklären, warum ihr Ehemann David Seidlitz 1995 als Neonazi geführt wurde. Ausgerechnet sie hatte 2019 die CDU wegen eines ähnlichen Falls attackiert.

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Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gerät die Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz unter Druck. Berichte vom 29. August 2026 legen nahe, dass ihr Ehemann David Seidlitz in den 1990er-Jahren in der Neonazi-Szene von Quedlinburg aktiv war. Ausgerechnet die Partei, die den Kampf gegen Rechtsextremismus zum Kern ihres Wahlkampfs macht, muss nun Fragen zu einem eigenen Funktionär beantworten.

Grundlage ist die Ausgabe 31 des Antifaschistischen Infoblatts von 1995. Darin wird David Seidlitz als „stadtbekannter Neonazi“ geführt, wie Tichys Einblick und die Junge Freiheit unter Berufung auf das Digitalisat schreiben. Das Magazin ordnet ihn einem „Unabhängigen Arbeitskreis“ um den früheren NF-Kader Steffen Hupka zu.

Instagram · @sziborraseidlitz

Dem damaligen Bericht zufolge gehörten dem Kreis stadtbekannte Neonazis wie Seidlitz, Ronny Dalchau, Christian Mohr und Lars Engelmann an. Das Heft berichtet von Schulungen, Seminaren und Wehrsportübungen. Auf derselben Seite ist ein Foto abgedruckt, dessen Bildunterschrift Seidlitz in der vorderen Reihe identifiziert.

Heutige Rolle bei den Grünen

Der 50-Jährige arbeitet heute hauptamtlich für die Grünen. Auf der Internetseite des Landesverbandes wird er als Regionalgeschäftsführer für „Sachsen-Anhalt Mitte“ geführt und ist dort für mehrere Kreisverbände zuständig. Damit ist ausgerechnet der Ehemann der Spitzenkandidatin ein hauptamtlicher Funktionär jener Partei, die im Wahlkampf gegen Rechtsextremismus antritt, wie BILD bestätigt.

Auch in den sozialen Medien wurde darauf hingewiesen, dass Seidlitz zuletzt Mitarbeiter des Grünen-Landtagsabgeordneten Wolfgang Aldag gewesen sein soll. Diese Angabe ist journalistisch nicht bestätigt.

Die Verteidigung der Politikerin

Von einer Compact-Journalistin direkt auf ihren Mann angesprochen, erklärte Sziborra-Seidlitz, ihr Ehemann sei ein „lupenreiner Demokrat, anders als die AfD in Sachsen-Anhalt“. Die Vorwürfe selbst sind nicht neu: Bereits am 19. Mai 2022 hatte der damalige AfD-Fraktionsvorsitzende Oliver Kirchner das alte Antifaschistische Infoblatt in den Landtag mitgebracht und David S. als Ehemann der Grünen-Politikerin benannt.

lupenreiner Demokrat, anders als die AfD in Sachsen-Anhalt
Susan Sziborra-Seidlitz, Grünen-Spitzenkandidatin

Damals erklärte Sziborra-Seidlitz im Parlament, die persönlichen Verhältnisse ihrer Familie gingen die Öffentlichkeit nichts an, wollte die Darstellung aber „geraderücken“. Sie bestätigte, dass ihr Mann mit Steffen Hupka befreundet gewesen sei, wies jedoch zurück, dass er ein Kader gewesen sei oder eine Zelle geleitet habe. Auf die konkrete Aussage, er habe dem „Unabhängigen Arbeitskreis“ angehört, ging sie ausdrücklich nicht ein.

Sie betonte, ihr Mann sei heute ein „lupenreiner Demokrat“ und „absolut ohne jeden Zweifel Antifaschist“. Sein Werdegang zeige, dass es „demokratisches Reifungspotenzial“ in den vergangenen 30 Jahren gegeben habe.

Der Vorwurf der Doppelmoral

Politische Brisanz erhält der Fall durch den Maßstab, den Sziborra-Seidlitz selbst an rechtsextreme Biografien anderer Parteien angelegt hat. Als 2019 die Neonazi-Vergangenheit des CDU-Politikers Robert Möritz bekannt wurde, gehörte sie zu dessen schärfsten Kritikerinnen. Gemeinsam mit ihrem Co-Vorsitzenden Sebastian Striegel veröffentlichte sie eine Pressemitteilung unter der Überschrift „Wie viele Hakenkreuze haben Platz in der CDU?“ und nannte Möritz' Deutung als „jugendliche Verfehlung“ unglaubwürdig.

Ein Ausstieg aus der Szene sei „immer ein aktiver Prozess“, hieß es damals. Tichys Einblick wirft deshalb die Frage auf, was dieses Kriterium beim eigenen Funktionär konkret bedeutet: Wann und unter welchen Umständen brach Seidlitz mit seinem früheren Umfeld, und war dem Landesverband die Vergangenheit bei der Einstellung bekannt?

Chronologie

  1. 1992
    Verbot der Nationalistischen Front

    Die rechtsextreme Organisation wird verboten; ihr früherer Kader Steffen Hupka zieht später nach Quedlinburg und organisiert dort die Szene.

  2. September/Oktober 1995
    Antifa-Infoblatt nennt David Seidlitz

    Das Magazin führt Seidlitz als „stadtbekannten Neonazi“ und ordnet ihn einem Neonazi-Kreis um Hupka zu.

  3. 2008
    Umzug nach Quedlinburg

    Susan Sziborra-Seidlitz folgt ihrem Mann nach Quedlinburg und tritt den Grünen bei.

  4. 2019
    Kritik an CDU-Politiker Möritz

    Als Grünen-Landesvorsitzende greift Sziborra-Seidlitz den CDU-Politiker wegen dessen Neonazi-Vergangenheit scharf an.

  5. 19. Mai 2022
    AfD bringt Vorwürfe in den Landtag

    Oliver Kirchner zitiert das Antifa-Magazin und nennt David S. als Ehemann der Grünen-Politikerin; Sziborra-Seidlitz äußert sich persönlich.

  6. 29. August 2026
    Medienberichte kurz vor der Wahl

    Tichys Einblick, Junge Freiheit, BILD und oe24 berichten über die Neonazi-Vergangenheit des Ehemanns; eine Compact-Journalistin konfrontiert die Kandidatin.

  7. 6. September 2026
    Landtagswahl

    In Sachsen-Anhalt wird gewählt; die Grünen bangen um den Wiedereinzug.

Ein schwerer Schlag im Wahlkampf-Endspurt

Der Vorgang kommt den Grünen im Endspurt denkbar ungelegen. Die Partei und gerade Sziborra-Seidlitz haben den Kampf gegen Rechtsextremismus zu ihrem zentralen Thema gemacht – etwa im TV-Duell gegen AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Zuletzt lagen die Grünen laut Infratest dimap bei 6 Prozent, Robert Habeck kämpfte in Magdeburg um jede Stimme.

Eine offizielle Stellungnahme des Grünen-Landesverbandes oder eine eigene öffentliche Äußerung von David Seidlitz lag in den ausgewerteten Quellen nicht vor. Tichys Einblick hält fest, dass gegenwärtig keine belastbaren Hinweise auf fortdauernde rechtsextreme Aktivitäten Seidlitz' vorliegen; ein glaubwürdiger Ausstieg vor rund 30 Jahren wäre kein Skandal. Erklärungsbedürftig sei vielmehr, dass die Partei bislang kaum öffentlich erläutert, wie der einst von ihr selbst geforderte „aktive Prozess“ des Ausstiegs konkret aussah.

Bis zur Landtagswahl am 6. September bleibt der Druck auf die Kandidatin hoch – und die Frage offen, ob die Grünen nach dem Vorbild ihrer eigenen Forderungen von 2019 nun Transparenz über die Vergangenheit ihres Funktionärs herstellen.