Island stimmt mit 52,8 Prozent gegen EU-Beitrittsverhandlungen
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EU-Referendum

Island stimmt mit 52,8 Prozent gegen EU-Beitrittsverhandlungen

Beim Referendum am Samstag lehnten die Isländer die Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen mit der EU ab. Die Regierung von Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir akzeptiert das Ergebnis und setzt die Gespräche bis mindestens 2028 aus.

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Wie ZDFheute berichtet, stimmten beim Referendum am Samstag, dem 29. August 2026, 52,8 Prozent der Isländer gegen die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen. Auf das Ja-Lager entfielen 47,2 Prozent – der Unterschied beträgt lediglich rund 12.000 Stimmen.

Die Wahlbeteiligung erreichte 82,5 Prozent – laut F.A.Z. die höchste seit den Parlamentswahlen im April 2009. Insgesamt wurden nach Angaben des isländischen Rundfunks 225.031 Stimmen abgegeben.

Reykjavík war die einzige Region des Landes, in der das Ja-Lager vorne lag – in Reykjavík Nord und Reykjavík Süd gab es klare Ja-Mehrheiten. Im ländlichen Raum überwog dagegen die Sorge um Fischerei, Landwirtschaft und nationale Selbstbestimmung, wie die AP auswertet.

Ergebnis des Island-Referendums

Abstimmung über die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen

Quelle: Isländischer Rundfunk, 30.08.2026

Warum die Fischerei den Ausschlag gab

Fisch und andere Meeresprodukte machen rund 40 Prozent der isländischen Warenexporte aus. Die einflussreiche Fischindustrie führte die Opposition an – nach Angaben von DW sprachen sich rund 90 Prozent der Branchenunternehmen gegen einen Beitritt aus.

Die Agrarlobby warnte, viele Betriebe könnten durch einen Beitritt zur Aufgabe gezwungen werden, da sie wegen der harten Witterungsbedingungen nicht wettbewerbsfähig seien. Ministerpräsidentin Frostadóttir hatte versprochen, die Verhandlungen sofort abzubrechen, falls Brüssel keine ausreichenden Sonderrechte bei der Fischerei gewähren sollte – überzeugen konnte sie damit jedoch nicht genug Wähler, berichtet die Junge Freiheit.

Das sind keine Probleme, die Brüssel für uns lösen kann, sondern Aufgaben, die isländische Politiker bewältigen müssen.
Guðrún Hafsteinsdóttir, Vorsitzende der Unabhängigkeitspartei

Sicherheitspolitik und der Trump-Faktor

Die sozialdemokratische Regierungschefin Kristrún Frostadóttir hatte die Wiederaufnahme der Gespräche als „einen der bedeutendsten Schritte“ bezeichnet, mit dem sich Risiken für die Insel reduzieren ließen – eine Anspielung auf den Konflikt um Grönland und die wiederholten Drohungen von US-Präsident Donald Trump, die zu Dänemark gehörende Insel den USA einzuverleiben, wie die WELT berichtet.

Die linksgerichtete Koalitionsregierung, 2024 gewählt, hatte das ursprünglich für 2027 geplante Referendum vorgezogen, nachdem Trump Grönland-Pläne geäußert und Island dabei mehrfach namentlich verwechselt hatte. Die Gegner hielten dem entgegen, Islands Schutz sei durch die Nato und das 1951 geschlossene bilaterale Verteidigungsabkommen mit den USA ausreichend gewährleistet.

Chronologie: Von der Finanzkrise bis zum Referendum

Der Weg Islands zur EU war lang und wechselhaft.

Die Chronologie

  1. 2009
    Beitrittsantrag nach Finanzkrise

    Island stellt erstmals einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft.

  2. 2013
    Verhandlungen ausgesetzt

    Eine euroskeptische Mitte-rechts-Regierung setzt die Beitrittsverhandlungen aus.

  3. 2015
    Rückzug ohne formellen Antrag

    Island teilt der EU mit, nicht mehr als Beitrittskandidat betrachtet werden zu wollen; das Gesuch wird nicht formell zurückgezogen.

  4. 2024
    Linkskoalition gewählt

    Unter Kristrún Frostadóttir kündigt die neue Regierung ein EU-Referendum an.

  5. 29.08.2026
    Referendum

    52,8 Prozent stimmen gegen die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen.

Reaktionen: Regierung akzeptiert, Opposition triumphiert

Frostadóttir hatte vorab angekündigt, das Ergebnis unabhängig vom Ausgang zu akzeptieren. Nach der Auszählung bezeichnete sie das Ergebnis als „Sieg für die Demokratie“ und erklärte: „Ich betrachte das nicht als Rückschlag.“ Ihre Regierung werde die Beitrittsverhandlungen in dieser Legislaturperiode nicht fortsetzen – die Verhandlungen liegen damit bis mindestens 2028 auf Eis, wie SRF berichtet.

Gegenüber AP sagte sie, in den vergangenen Jahren seien Dinge geschehen, die sie nicht habe vorhersehen können, doch „diese Regierung wird das nicht weiterverfolgen“. Islands Beziehungen zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) sollen weiter gestärkt werden.

Bei der Wahlnachtveranstaltung der Nein-Kampagne waren der ehemalige Ministerpräsident Sigmundur Davíð Gunnlaugsson sowie die Fortschrittspartei-Vorsitzende Lilja Dögg Alfreðsdóttir anwesend. Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir hatte kurz vor dem Referendum versichert, Island werde bei den Verhandlungen die volle Souveränität über den Fischfang behalten – wie das erfolgen sollte, blieb jedoch unklar.

EU-Ratspräsident António Costa teilte Frostadóttir mit, die EU respektiere die demokratische Entscheidung der isländischen Wähler vollständig; Island bleibe „einer der engsten und vertrauensvollsten Partner der EU“. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos betonte, Islands Besonderheiten bei Fischerei und Landwirtschaft seien bekannt und müssten sorgfältig berücksichtigt werden, berichtet DW.

EU-kritische Politiker begrüßten das Votum: Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen erklärte, es erinnere daran, „dass ein anderes Europa möglich ist, ein Europa freier, souveräner Nationen, die freiwillig in Fragen von gemeinsamem Interesse zusammenarbeiten“. Nigel Farage gratulierte Island zur Wahrung seiner Unabhängigkeit. Deutsche Politiker zeigten sich enttäuscht, verwiesen aber auf die engen Verbindungen, wie ZDFheute berichtet.

Was das Nein für Island bedeutet

Abgestimmt wurde nicht über einen EU-Beitritt selbst, sondern lediglich über die Fortsetzung der seit 2013 ruhenden Verhandlungen. Bei einem erfolgreichen Abschluss hätten die Isländer in einem zweiten Referendum über die tatsächliche Mitgliedschaft entschieden.

Das Referendum ist formal nicht bindend, die Regierung hat aber zugesagt, es zu respektieren. Die Frage, ob der 2009 gestellte EU-Mitgliedsantrag formell zurückgezogen wird, soll dem Parlament überlassen bleiben, wie Al Jazeera berichtet.

Für Brüssel ist der Ausgang ein Rückschlag: Die EU hätte Island als wohlhabenden, stabilen und demokratischen Beitrittskandidaten gern als Beispiel einer gelungenen Erweiterung präsentiert. Mit dem Nein bleibt der vor 13 Jahren eingeschlagene EU-Kurs vorerst eingefroren, analysiert SRF.