Iran erklärt Ära der angemessenen Reaktionen für beendet
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Eskalation

Iran erklärt Ära der angemessenen Reaktionen für beendet

Parlamentspräsident Ghalibaf kündigt nach Raketenangriffen auf US-Kriegsschiffe eine neue Militärdoktrin an: Jede Aggression werde „schneller, härter und schmerzhafter“ beantwortet. Der Konflikt um die Straße von Hormus erreicht eine neue Stufe.

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Iran hat seine Militärdoktrin im Konflikt mit den USA offenbar grundlegend geändert. Parlamentspräsident und Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf erklärte am Sonntag, die Zeit der verhältnismäßigen Antworten sei vorbei. Künftig werde jede Aggression gegen iranische Interessen schneller, härter und schmerzhafter beantwortet.

Anlass sind die schwersten gegenseitigen Angriffe seit Wochen: Am Samstag feuerte die Revolutionsgarde erstmals ballistische Raketen auf zwei US-Kriegsschiffe in der Straße von Hormus. Die USA setzten daraufhin drei iranische Öltanker außer Gefecht, der Tanker M/T Kylo sank im Golf von Oman.

Der Schiffsverkehr durch die strategische Meerenge fiel auf den niedrigsten Stand seit Mai, der Ölpreis stieg auf 96,28 Dollar pro Barrel. Damit erreicht der Konflikt eine neue Eskalationsstufe, in der keine Seite derzeit diplomatisch beilegen kann.

Neue Drohkulisse aus Teheran

Ghalibaf, der erst im Mai mit 235 von 271 Stimmen als Parlamentssprecher bestätigt wurde, ist zugleich Chefunterhändler im Konflikt mit Washington. Seine Rede verbreitete er über seinen Telegram-Kanal. Ausgerechnet der Politiker, der monatelang Gesprächsbereitschaft signalisiert hatte, übernimmt nun die Eskalationsrhetorik der Hardliner.

Die Zeit der spiegelbildlichen Antworten ist vorbei. Ab jetzt wird jeder Angriff auf Irans Interessen und Sicherheit eine schnellere, heftigere und schmerzhaftere Reaktion erfahren.
Mohammad Bagher Ghalibaf, Parlamentspräsident und Chefunterhändler

Laut dem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Eskalation sagte Ghalibaf zudem, die Amerikaner müssten erkannt haben, dass die Ära der angemessenen Reaktionen zu Ende sei. Die tagesschau zitierte ihn mit den Worten: Sie sollten merken, bevor es zu spät ist, die Spielregeln haben sich geändert. Der Parlamentspräsident nutzte die Rede auch für innenpolitische Kritik: Die Iraner könnten Härten tolerieren, aber kein Missmanagement, sagte er mit Blick auf die Wirtschaftslage.

Raketen auf US-Kriegsschiffe als Auslöser

Unmittelbarer Anlass der Drohung war die militärische Eskalation des Vortags. Am Samstag feuerte die Revolutionsgarde nach eigenen Angaben mehrere ballistische Raketen auf einen US-Flugzeugträger und einen Lenkwaffenzerstörer, die nahe der Straße von Hormus patrouillierten. Es war der erste direkte Raketenangriff auf US-Militärschiffe in diesem Krieg.

Das US-Regionalkommando CENTCOM bestätigte den Angriff, dementierte aber Treffer und Verletzte. Als Vergeltung setzte das US-Militär nach eigenen Angaben drei iranische Öltanker außer Gefecht – einen vor der Insel Kharg, einen nahe Jask und ein unbeladenes Schiff im Golf von Oman. Das Pentagon veröffentlichte Aufnahmen eines sinkenden Schiffs, das es als M/T Kylo identifizierte.

CENTCOM-Kommandeur Brad Cooper drohte Bericht der Nachrichtenagentur AP: Wer auf zwei unserer Schiffe schieße, dem werde ein noch höherer wirtschaftlicher Preis auferlegt – die Außergefechtsetzung von dreien. Der iranische Sicherheitsratschef Mohsen Rezaei kündigte parallel eine Sperrzone in der Straße von Hormus an. Jedes Schiff, das dieses Gebiet in der Absicht befahre, die Meerenge zu passieren, und identifiziert werde, komme auf die Sanktionsliste.

Vom Rahmenabkommen zur erneuten Eskalation

Der Konflikt begann am 28. Februar 2026 mit US-amerikanischen und israelischen Angriffen auf den Iran. Im April einigten sich beide Seiten auf ein 60-tägiges Rahmenabkommen; Mitte Juni wurde ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das binnen Tagen zerfiel. Nach etwa einem Monat relativer Ruhe flammten die Kämpfe vergangene Woche wieder auf; bei US-Angriffen starben laut iranischen Angaben 18 Menschen.

Chronologie der Eskalation

  1. 28. Februar 2026
    Kriegsbeginn

    Die USA und Israel greifen den Iran an.

  2. April 2026
    Rahmenabkommen

    Beide Seiten einigen sich auf eine 60-tägige Waffenruhe; die USA beginnen eine Seeblockade gegen iranische Häfen.

  3. Mitte Juni 2026
    Memorandum of Understanding

    Das Abkommen wird unterzeichnet, zerfällt aber binnen Tagen.

  4. Ende August 2026
    Angriffe flammen wieder auf

    Nach rund einem Monat Ruhe kommt es zu neuen US-Angriffen; laut Iran sterben 18 Menschen.

  5. 5. September 2026
    Raketen auf US-Kriegsschiffe

    Die Revolutionsgarde feuert erstmals ballistische Raketen auf zwei US-Schiffe; die USA setzen drei iranische Öltanker außer Gefecht.

  6. 6. September 2026
    Ghalibaf erklärt Doktrinwechsel

    Iran kündigt das Ende proportionaler Reaktionen an; Rezaei droht mit einer Sperrzone bei Hormus.

Ölpreis und wirtschaftlicher Druck

Die Straße von Hormus bleibt der strukturelle Kern des Konflikts. Vor dem Krieg flossen nach Al Jazeera täglich rund 20 Millionen Barrel Öl hindurch, etwa ein Fünftel der Weltversorgung. Seit Kriegsbeginn ist der Schiffsverkehr von täglich 25 auf fünf Einheiten eingebrochen; der Verkehr in der strategisch wichtigen Meerenge sank auf den niedrigsten Stand seit Mai.

Der Ölpreis steigt: Brent-Rohöl schloss am Freitag bei 96,28 Dollar pro Barrel – der höchste Stand seit dem 24. Juli. In den USA erreichte Diesel mit 5,85 Dollar pro Gallone einen Rekordwert. US-Energieminister Chris Wright nannte dagegen einen Durchsatz von neun Millionen Barrel täglich und sprach von zwei Dritteln oder mehr der Vorkriegsströme; unabhängige Daten zeichnen ein düstereres Bild.

Wirtschaftlich setzen beide Seiten auf Strangulierung: Die US-Seeblockade verhindert seit April, dass Iran Öl exportiert, und treibt die Inflation auf bis zu 80 Prozent. Das US-Finanzministerium sanktionierte zuletzt die türkische Investmentbank Golden Global Bank wegen angeblicher Unterstützung der Revolutionsgarde; Finanzminister Scott Bessent kündigte an, Iran wöchentlich mit neuen Bankensanktionen zu belegen.

Was steckt hinter der Drohung?

Militärfachleute interpretieren die schnellen Gegenschläge und das hohe Eskalationsrisiko als Versuch, die USA stärker unter Druck zu setzen. Belege für eine tatsächliche Neuausrichtung des Militärs gebe es aber noch nicht, sagt der Teheraner Politikanalyst Nader Karimi Juni – schon deshalb, weil Iran sich mit einer vollständigen Sperrung der Öl- und Gaslieferungen aus dem Persischen Golf selbst eine Null-Export-Politik auferlegen würde.

Schweizer Nahost-Experten beschreiben ein Grundmuster Ghalibafs: Er eskaliere rhetorisch, wenn er unter Druck stehe, und moderiere, wenn Spielräume entstünden. Ob hinter der Ankündigung eine echte Doktrinänderung steht oder politisches Theater, werde sich erst am nächsten US-Angriff und der dann folgenden iranischen Reaktion zeigen.