Ökonomen: Von Klingbeils Steuerpaket bleibt real kaum etwas übrig
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Steuerreform

Ökonomen: Von Klingbeils Steuerpaket bleibt real kaum etwas übrig

Zehn Milliarden Euro Entlastung hat Schwarz-Rot versprochen. Forscher von IW, ifo und DIW rechnen vor, dass davon für Normalverdiener real fast nichts ankommt – und aus der Unionsfraktion drohen rund 20 Abgeordnete mit Ablehnung.

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Zehn Milliarden Euro Entlastung hat Schwarz-Rot versprochen. Führende deutsche Wirtschaftsforscher haben nachgerechnet – und kommen zu einem bemerkenswert einheitlichen Ergebnis: Für Normalverdiener bleibt davon real kaum etwas übrig.

Am 2. September 2026 brachte das Bundeskabinett den Entwurf der Einkommensteuerreform 2027 auf den Weg. Am 10. und 11. September legen Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), des ifo Instituts und des DIW Berlin ihre Nachrechnung von Klingbeils Steuerpaket vor. Das Paket soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten und ab 2028 rund zehn Milliarden Euro jährlich kosten.

Was die Koalition versprochen hat

Das Paket greift in zwei Stufen – ab 1. Januar 2027 und mit voller Wirkung 2028. Profitieren sollen laut Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) „insbesondere kleine und mittlere Einkommen sowie Familien mit Kindern“. Auf die Einigung der Koalition auf das Reformpaket hatte sich der Koalitionsausschuss am 2. Juli verständigt.

  • Grundfreibetrag: 12.348 Euro (2026), 12.564 Euro (2027), 12.900 Euro (2028)
  • Kindergeld: 259, 267 und 272 Euro je Kind und Monat
  • Kinderfreibetrag: 9.756, 10.056 und 10.236 Euro
  • Arbeitnehmer-Pauschbetrag: von 1.230 auf 1.430 Euro
  • Spitzensteuersatz von 42 Prozent erst ab 70.600/70.601 Euro zu versteuerndem Einkommen statt ab 69.879 Euro
  • Reichensteuer von 45 Prozent künftig schon ab 250.000 Euro (bisher 277.826 Euro), neuer Satz von 47 Prozent ab 280.000 Euro
  • Gegenfinanzierung: Handwerkerleistungen nur noch zu 15 Prozent absetzbar (höchstens 900 Euro), Pauschsteuer auf Minijobs steigt von zwei auf fünf Prozent

Das Finanzministerium rechnet vor, dass die Entlastung um 600 Euro für Familien ab 2028 betragen soll: Eine berufstätige Familie mit zwei Kindern und 60.000 Euro zu versteuerndem Einkommen würde um gut 600 Euro jährlich entlastet. Ein Paar aus Pflegekraft und Busfahrer mit je 2.800 Euro brutto und zwei Kindern käme auf 632 Euro, eine Einzelperson mit 5.000 Euro brutto auf rund 192 Euro.

Von der Einigung im Koalitionsausschuss bis zur Kritik der Ökonomen

  1. 2. Juli 2026
    Einigung auf die Grundzüge

    Der Koalitionsausschuss von Union und SPD verständigt sich auf eine Einkommensteuerreform mit rund zehn Milliarden Euro Entlastungsvolumen.

  2. 10. August 2026
    Referentenentwurf wird bekannt

    Die Kritik entzündet sich daran, dass kein Ausgleich der kalten Progression vorgesehen ist.

  3. 31. August 2026
    Warnung aus dem Wirtschaftsministerium

    Staatssekretär Thomas Steffen (CDU) schreibt an das Finanzministerium und warnt vor einer „inflationsbedingten heimlichen Steuererhöhung“.

  4. 2. September 2026
    Kabinett beschließt den Entwurf

    Finanzminister Klingbeil fehlt, weil er wegen einer Flugzeugpanne in den USA feststeckt.

  5. 6. September 2026
    CDU stürzt in Sachsen-Anhalt ab

    Bei der Landtagswahl fällt die CDU von 37,1 auf 17,2 Prozent, die AfD erreicht 43,8 Prozent.

  6. 9. September 2026
    Widerstand in der Unionsfraktion

    Berichte über rund 20 CDU/CSU-Abgeordnete, die den Steuerplänen in der bisherigen Form nicht zustimmen wollen.

  7. 10./11. September 2026
    Ökonomen legen Berechnungen vor

    IW, ifo und DIW kommen zum Ergebnis: real kaum Entlastung, teils sogar eine Mehrbelastung.

Inflationsausgleich statt Entlastung

Der Streit dreht sich um die kalte Progression. Steigen Löhne wegen der Inflation, rutschen Beschäftigte in höhere Steuerstufen, obwohl ihre Kaufkraft nicht gewachsen ist. Gleicht der Staat die Tarifeckwerte nicht vollständig an, steigt die reale Steuerlast, ohne dass ein Steuersatz offiziell erhöht wird.

Wofür die zehn Milliarden Euro ausgegeben werden

IW-Aufschlüsselung: 9,8 der zehn Milliarden Euro gelten als Inflationsausgleich

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), September 2026

IW-Ökonom Tobias Hentze hat die zehn Milliarden Euro aufgeschlüsselt: 5,1 Milliarden entfallen auf den höheren Grundfreibetrag, 2,9 Milliarden auf Kindergeld und Kinderfreibeträge, 1,1 Milliarden auf den Arbeitnehmer-Pauschbetrag, 0,7 Milliarden auf die Verschiebung der Spitzensteuersatz-Grenze. Echte zusätzliche Entlastung sieht er nur bei der Begünstigung von Sonn- und Feiertagszuschlägen – rund 0,1 Milliarden Euro.

Unterm Strich ordnet Hentze rund 9,8 der zehn Milliarden Euro als Inflationsausgleich ein. „Faktisch handelt es sich um eine Steuererhöhung, da der Lohn kaufkraftbereinigt höher besteuert wird“, sagt er. Es wäre nach seinen Angaben das erste Mal seit elf Jahren, dass die kalte Progression nicht vollständig ausgeglichen wird.

Ifo und DIW sehen eine reale Mehrbelastung

Andreas Peichl, Leiter des ifo Zentrums für Finanzwissenschaft, kommt in der Grundfrage zum selben Ergebnis, warnt aber vor einer zu exakten Trennung zwischen Inflationsausgleich und zusätzlicher Entlastung, solange die endgültigen Berechnungsgrundlagen fehlen. Die Erhöhung von Grund- und Kinderfreibetrag sei ohnehin verfassungsrechtlich geboten.

Der weit überwiegende Teil der zehn Milliarden Euro ist keine zusätzliche Entlastung, sondern eine Rückgabe.
Andreas Peichl, Leiter des ifo Zentrums für Finanzwissenschaft

Über den bloßen Ausgleich hinaus gehe allenfalls die Abflachung der zweiten Progressionszone und die Verschiebung des Eckwerts auf 70.600 Euro – doch selbst dieser Effekt werde am oberen Ende durch höhere Steuern teilweise wieder eingesammelt, sagt Peichl. Sein Fazit: „Das ist ökonomisch eine Steuererhöhung, auch wenn kein Steuersatz steigt.“

Stefan Bach vom DIW rechnet vor, dass die Änderungen 2027 und 2028 nominal um gut sieben Milliarden Euro entlasten, die kalte Progression bei der zugrunde gelegten Inflation aber mit 12,6 Milliarden Euro belastet. Unter Einbeziehung der realen Entwertung des Kindergelds ergibt sich eine reale Mehrbelastung von 8,3 Milliarden Euro.

„Wenn die Koalition 2027/28 keine zusätzlichen Entlastungen beim Einkommensteuertarif nachlegt, werden auch Gering- und Normalverdiener real belastet – unter Einbeziehung der kalten Progression –, und nicht entlastet“, sagt Bach. Der Ausgleich hätte für beide Jahre zusammen rund 15 Milliarden Euro jährlich betragen müssen. Eine deutliche Abflachung des Mittelstandsbauchs hätte nach ifo-Berechnungen rund 39 Milliarden Euro gekostet – das Paket erreicht ein Viertel davon.

Gegenwind aus der eigenen Fraktion

Der Streit reicht über die Expertenebene hinaus. Schon vor dem Kabinettsbeschluss warnte Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Steffen (CDU) im Auftrag des von Katherina Reiche (CDU) geführten Wirtschaftsministeriums in einem Brief an das Finanzministerium: Es wäre „die erste Bundesregierung seit 2015, die keinen vollständigen Abbau der kalten Progression gesetzlich veranlasst“ – das Ergebnis sei eine „inflationsbedingte heimliche Steuererhöhung“.

Klingbeil konterte im Deutschlandfunk: „Das muss ja auch Katherina Reiche erklären, wie sie einen solchen Brief schreibt und trotzdem zustimmt. Also das versteht ja auch niemand in diesem Land.“ In der Unionsfraktion wächst der Widerstand: Nach dem Bericht über die rebellierenden Unionsabgeordneten wollen rund 20 CDU/CSU-Abgeordnete die Steuerpläne in der bisherigen Form nicht mittragen.

CSU-Finanzpolitiker Florian Dorn nannte die Pläne „peinlich und zu mickrig“, die CDU-Abgeordnete Caroline Bosbach fordert: „Da muss dringend nachgebessert werden.“ CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek will im parlamentarischen Verfahren prüfen, „wo man nachsteuern“ müsse, Dennis Radtke von der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft nannte die Entlastungen „mikroskopisch“.

Der Bund der Steuerzahler hatte schon im August kritisiert, dass Klingbeil die kalte Progression nicht vollständig ausgleichen will. Auch der Ökonom Frank Hechtner von der Universität Erlangen-Nürnberg warnt, die Entlastungen könnten durch steigende Sozialabgaben und Kaufkraftverlust nahezu aufgezehrt werden.

Rechnet man Steuern und steigende Sozialabgaben zusammen, zahlen viele Bürger und Betriebe am Ende sogar mehr.
Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler

Wie es weitergeht

Der Kabinettsbeschluss ist noch kein Gesetz. Der Entwurf geht nun in die Beratung von Bundestag und Bundesrat, wo Änderungen möglich und wahrscheinlich sind. Klingbeil zeigte sich offen für weitere Entlastungen, forderte aber CDU und CSU auf, Vorschläge zur Gegenfinanzierung vorzulegen – sein Ministerium würde weitere Entlastungen „positiv begleiten“.

Klingbeil verwies darauf, dass seine eigenen Finanzierungsvorschläge – höhere Erbschaftssteuer und höherer Spitzensteuersatz – von der Union abgelehnt worden seien. Merz signalisierte Bereitschaft, über „einzelne Aspekte“ der Steuerreform und das Entlastungsvolumen zu reden, bezeichnete den Spielraum im Haushalt aber als „nicht groß“.

Peichl kritisiert, dass das Paket kaum zusätzliche Arbeitsanreize schafft. Die größeren Hebel lägen beim Zusammenspiel von Sozialleistungen und Zusatzverdienst, beim Ehegattensplitting und beim Solidaritätszuschlag. Eine Reform dort könnte nach ifo-Berechnungen das Arbeitsangebot um 200.000 bis 400.000 Vollzeitstellen erhöhen, bei annähernd unveränderter Belastung des Staatshaushalts. Bei 47 Prozent Reichensteuersatz plus Solidaritätszuschlag erreicht die Grenzbelastung rund 49,6 Prozent.

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