Wer an der „Rente mit 63“ festhält, lässt alle anderen zahlen. Mit dieser Rechnung wendet sich ein SPD-naher Ökonom gegen die eigene Partei: Peter Bofinger, Mitglied der Rentenkommission der Bundesregierung, dringt auf die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente und beziffert die Kosten auf fünf bis zehn Milliarden Euro im Jahr.
Auslöser ist ein Interview, das der SPIEGEL am Freitag, 11. September 2026, veröffentlichte. Darin erneuert Bofinger sein Plädoyer für die Abschaffung der Rente mit 63. Der Ökonom ist Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, war von 2004 bis 2019 „Wirtschaftsweiser“ und sitzt auf Vorschlag der SPD im 13-köpfigen Beratergremium.
Bofinger warnt seine Partei ausdrücklich davor, an der Regelung festzuhalten. Für die SPD ist das heikel: Die „Rente mit 63“ gilt als sozialpolitische Errungenschaft der Sozialdemokraten, ihre Streichung ist Teil des Reformpakets, das Union und SPD vollständig umsetzen wollen.
„Wenn wir die ›Rente mit 63‹ erhalten, wird es für alle anderen teurer.“
Ein Bonus ohne Rechtfertigung
Bofinger bestreitet, dass die Abschaffung die Fleißigen bestraft. Im Gegenteil falle „ein Bonus weg, der von den geleisteten Einzahlungen her nicht gerechtfertigt ist“, sagte er. Das Standardargument der Gegner – die Regelung würdige die Lebensleistung langjährig Beschäftigter – lässt er nicht gelten.
Wer länger arbeite, bekomme im deutschen System ohnehin eine höhere Rente: Wer 45 statt 40 Jahre Beiträge zahle, habe am Ende rund 12,5 Prozent mehr Rente zur Verfügung. „Das ist die Art, wie das deutsche Rentensystem Leistung honoriert“, sagte Bofinger.
Fünf bis zehn Milliarden Euro zulasten aller
Ein Beibehalten der Regelung müssten andere Gruppen bezahlen. „Die Kosten tragen alle Beitragszahler, die Arbeitnehmer ebenso wie die Arbeitgeber. Dann kommen noch alle anderen Rentenbezieher dazu, weil für die am Ende weniger Geld im Topf ist“, sagte Bofinger.
Seine Schätzungen liegen zwischen fünf und zehn Milliarden Euro jährlich. Zehn Milliarden Euro entsprächen in etwa einem halben Beitragspunkt in der gesetzlichen Rentenversicherung – also einer zusätzlichen Belastung für alle, die in die Rentenkasse einzahlen.
Was die Rente mit 63 heute ist
Die umgangssprachlich „Rente mit 63“ genannte Regelung wurde 2014 eingeführt. Sie erlaubt besonders langjährig Versicherten nach 45 Beitragsjahren den abschlagsfreien Renteneintritt vor der Regelaltersgrenze. Die Altersgrenze steigt jahrgangsweise und liegt inzwischen bei etwa 64,5 Jahren; für die Jahrgänge 1961 und 1962 sind es 64 Jahre und sechs bzw. acht Monate.
Rund 30 Prozent aller neuen Altersrenten entfallen auf diese Gruppe. Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung legte am 24. Juni 2026 ihren 80-seitigen Bericht mit 33 Empfehlungen vor – darunter die Empfehlung zur Anhebung des Eintrittsalters und die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren.
Anteil der Rente mit 63 an allen neuen Altersrenten
Renten für besonders langjährig Versicherte, Anteil an den neu bewilligten Altersrenten
Bas verspricht Vertrauensschutz
Am selben Freitag verteidigte Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) die Reform in der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Bundestag – und trat den Befürchtungen der Betroffenen entgegen. Beim Aus der „Rente mit 63“ sagte sie einen Vertrauensschutz für die Betroffenen zu: „Es wird einen Vertrauensschutz geben, darauf können sich alle verlassen.“
Ohne Reform drohten nach ihren Worten Rentenkürzungen und massiv steigende Beiträge; der Sozialstaat müsse für die kommenden Jahrzehnte fit gemacht werden. Der Etat ihres Hauses ist mit 201,46 Milliarden Euro im Entwurf für 2027 der mit Abstand größte Einzelposten des Bundes – 2026 waren es 197,34 Milliarden Euro.
In derselben Debatte wurde die Koalition uneins. Der CDU-Abgeordnete Marc Biadacz mahnte, die Reformen dürften nicht in Frage gestellt werden; die SPD-Abgeordnete und Kommissionsmitglied Annika Klose nannte die Vorschläge eine Diskussionsgrundlage, die nicht in Stein gemeißelt sei. Grünen-Arbeitsmarktpolitiker Armin Grau nannte die Pläne „ungerecht und unsozial“.
Sieben Länderchefs gegen die Streichung
Gegen die Streichung stehen sieben der 16 Ministerpräsidenten. Dazu gehören die ostdeutschen Regierungschefs Manuela Schwesig (SPD), Michael Kretschmer (CDU), Mario Voigt (CDU), Sven Schulze (CDU) und Dietmar Woidke (SPD) sowie Anke Rehlinger (SPD, Saarland) und Andreas Bovenschulte (SPD, Bremen).
Unionsfraktionschef Thorsten Frei (CDU) sieht keinen Spielraum: „Nein, diesen Verhandlungsspielraum sehe ich wirklich nicht“, sagte er – sonst könne das gesamte Reformpaket scheitern.
Kanzleramtsministerin Nina Warken (SPD) stellte Härtefallregeln in Aussicht, Merz sprach sich für Übergangszeiten aus; die Fraktionsspitzen von Union und SPD schlossen Änderungen am Konzept nicht aus. Von einem Einlenken gegenüber den Ost-Länderchefs kann dennoch keine Rede sein.
Chronologie: Der Streit um die Rente mit 63
- 2014Start der Rente mit 63
Besonders langjährig Versicherte können nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei vor der Regelaltersgrenze in Rente gehen.
- 24. Juni 2026Rentenkommission legt Bericht vor
Das 13-köpfige Gremium empfiehlt in 33 Punkten die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren.
- 4. August 2026Frei schließt Verhandlungsspielraum aus
Der Unionsfraktionschef warnt, sonst könne das gesamte Reformpaket scheitern.
- 5. August 2026Sieben Länderchefs stellen sich dagegen
Die ostdeutschen Ministerpräsidenten sowie Rehlinger und Bovenschulte lehnen die Streichung ab.
- 27. August 2026Fraktionsspitzen schließen Änderungen nicht aus
Kanzler Merz spricht sich für Übergangszeiten aus.
- 11. September 2026Bas verspricht Vertrauensschutz, Bofinger fordert das Aus
Am selben Tag verteidigt die Arbeitsministerin die Reform im Bundestag und veröffentlicht der SPIEGEL Bofingers Forderung.
Wie es weitergeht
Union und SPD wollen die Empfehlungen der Kommission vollständig in Gesetzesform gießen. Merz hatte betont, man könne es sich nicht erlauben, einzelne Maßnahmen herauszunehmen oder abzuberufen. Ob die SPD der Abschaffung am Ende zustimmt, ist damit offen – und mit Bofinger widerspricht ihr nun ein Mann, den sie selbst in die Kommission entsandt hat.
