In der SPD-Führung ist offener Streit mit dem Kanzler ausgebrochen: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig soll Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in der Sitzung des SPD-Präsidiums am 7. September 2026 scharf angegangen sein. Teilnehmer der Runde sollen den Satz gehört haben, der zur Schlagzeile wurde: „Das Problem heißt Merz.“
Der „Spiegel“ berichtete am 10. September 2026 unter Berufung auf mehrere Teilnehmer über die Sitzung, wie der Tagesspiegel über Schwesigs Kritik im Präsidium berichtet. Die dts Nachrichtenagentur verbreitete die Darstellung anschließend bundesweit. Die Vorwürfe zielen nicht auf einzelne Projekte, sondern auf die Autorität des Kanzlers.
„Das Problem heißt Merz.“
Auslöser ist der AfD-Erdrutsch in Sachsen-Anhalt
Am 6. September 2026 hatte die AfD die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haushoch gewonnen: 43,8 Prozent, mehr als eine Verdopplung ihres Ergebnisses von 2021. Die CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab, die SPD verbesserte sich leicht.
Drei Tage später räumte Merz eigene Fehler ein und bekräftigte zugleich seinen Reformkurs. In der Koalition sucht seither jeder nach einer Antwort auf den Rechtsrutsch: Die SPD-Spitze mahnt Konsequenzen an, mit großer Sorge wird auf die Wahlen am 20. September in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern geschaut.
AfD-Erdrutsch in Sachsen-Anhalt
Stimmenanteile bei der Landtagswahl am 6. September 2026
Vorwürfe: Ton, Spritpreise, Beliebtheit
Den Schilderungen zufolge machte Schwesig den Kanzler für das schlechte Erscheinungsbild der Bundesregierung verantwortlich. Sie kritisierte vor allem seine Kommunikation: Merz rede „von oben herab“ und habe keinerlei Verständnis für die Sorgen und Nöte der Menschen. Zudem soll sie beanstandet haben, dass der CDU-Chef nichts gegen die steigenden Spritpreise unternimmt.
Bei ihren Haustürbesuchen im Wahlkampf werde sie häufig auf Merz angesprochen, soll die Wahlkämpferin aus Schwerin berichtet haben. Der Frust der Bürgerinnen und Bürger sei enorm, die Beliebtheitswerte nicht ohne Grund im Keller — der Sturz auf minus 1,9 Punkte im Politbarometer zeigt das. Der Kanzler ziehe die ganze Regierung mit nach unten, sagte Schwesig den Teilnehmern zufolge.
Öffentlich hatte Schwesig ihren Kurs schon zuvor formuliert: „Der Ton des Kanzlers muss anders werden. Er kann gerne einen Vorschlag ablehnen, muss aber einen eigenen machen und muss die arbeitende Mitte unterstützen.“ Damit verschiebt sich die Debatte weg von Einzelmaßnahmen hin zur politischen Autorität des Kanzlers.
Woidke mahnt Ergebnisse an, Jusos fordern Neustart
Widerspruch kommt aus der eigenen Partei. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke rief Union und SPD im Bund am Donnerstag zu raschen Ergebnissen statt neuem Knatsch auf. Entscheidend sei, Unterschiede nicht jeden Tag öffentlich zum Koalitionsdrama zu machen, sondern in internen Gesprächen nach tragfähigen Lösungen zu suchen.
„Es geht um konkrete Verbesserungen – bei Wirtschaft und Arbeitsplätzen, Energiepreisen, Infrastruktur, Bildung, Sicherheit und sozialem Zusammenhalt. Die Menschen wollen nicht wissen, wer sich in einer internen Debatte durchgesetzt hat. Sie wollen wissen, ob die Rechnung bezahlbar bleibt, ob Unternehmen investieren, ob der Staat Entscheidungen zustande bringt und ob sich ihr Alltag verbessert.“
Der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer forderte dagegen einen Neustart der Bundesregierung: „Reformen dürfen nicht nur Kürzungen bedeuten“, sagte er der Agentur AFP zufolge im ARD-„Morgenmagazin“. Die Wahl in Sachsen-Anhalt sei eine Zäsur; der Eindruck, in Berlin werde Politik gegen die Wähler gemacht, müsse eine Reaktion aus Berlin nach sich ziehen. „Wir müssen um jeden Einzelnen kämpfen, den wir noch zurückgewinnen können für die Demokratie.“
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Pascal Reddig verteidigte im Gespräch den Kurs der Koalition: „Unser Problem ist nicht, dass wir in den letzten Jahren zu viele Reformen gemacht haben, sondern zu wenig.“ Türmer nannte die Beliebtheitswerte der Regierung „unterirdisch“.
Brandbrief an Merz aus der CDU-Hochburg Großbeeren
Wie der Tagesspiegel über den Brandbrief aus Großbeeren berichtet, schrieb die CDU der als Hochburg geltenden Gemeinde bei Berlin einen Brief an Kanzler und Parteichef Merz. 33 Mitglieder sind namentlich aufgeführt, darunter Bürgermeister Martin Wonneberger.
„Wir brauchen keine CDU-Führung, die der Basis erklärt, warum ihre Politik eigentlich richtig sei. Wir brauchen eine CDU-Führung, die bereit ist, sich zu fragen, warum immer weniger Menschen diese Politik für richtig halten. Herr Merz, jetzt ist Führung gefragt!“
Einen Rücktritt forderten die Unterzeichner nicht; sie wollten Merz ein letztes Mal die Hand reichen, sagte Hepp der dpa. Der Unmut an der Basis reicht über Brandenburg hinaus — Parteifreunde attackieren den Merz-Kurs der CDU nach dem Absturz in Sachsen-Anhalt auch in der Landespartei.
Wahl in MV: Schwesig setzt auf ihren Amtsbonus
Schwesig stellt sich am 20. September 2026 mit ihrer SPD in Mecklenburg-Vorpommern zur Wiederwahl. Dort liegt die AfD mit Spitzenkandidat Leif-Erik Holm in Umfragen vorn, der Abstand schwankt je nach Erhebung: Eine Infratest-dimap-Befragung rund eine Woche vor dem Bericht sah die Sozialdemokraten mit 32 Prozent nur drei Punkte hinter der AfD (35 Prozent). Eine nur einen Tag zuvor veröffentlichte Forsa-Erhebung sah die AfD neun Punkte vorn.
Insgesamt hat Schwesigs SPD im Nordosten deutlich Boden gutgemacht — die Fokussierung auf die Spitzenkandidatin und ihren Amtsbonus scheint sich auszuzahlen. Die Regierungschefin ist zuletzt wiederholt bundesweit in Erscheinung getreten und fordert deutliche Änderungen am Rentenpaket der schwarz-roten Regierung.
Von der Wahl in Sachsen-Anhalt bis zum Urnengang am 20. September
- 6. September 2026Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Die AfD gewinnt haushoch mit 43,8 Prozent, die CDU stürzt auf 17,2 Prozent ab, die SPD verbessert sich leicht.
- 7. September 2026Sitzung des SPD-Präsidiums in Berlin
Schwesig soll Merz laut „Spiegel“-Bericht scharf kritisiert und gesagt haben: „Das Problem heißt Merz.“
- 9. September 2026Merz räumt Fehler ein
Nach dem CDU-Absturz bekräftigt der Kanzler seinen Reformkurs; die SPD-Spitze mahnt Konsequenzen an.
- 10. September 2026Der „Spiegel“ berichtet über die Präsidiums-Kritik
Woidke mahnt Ergebnisse an, Türmer fordert einen Neustart der Regierung, die CDU Großbeeren schreibt einen Brandbrief an Merz.
- 20. September 2026Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD in Umfragen vor Schwesigs SPD.
Offen ist, ob die SPD-Führung nach dem 20. September offen auf Distanz zum Kanzler geht — oder ob der Satz „Das Problem heißt Merz“ bis zum Wahlabend der einzige Ausrutscher bleibt.
