Sieben Männer sollen für die Hamas Waffen und Munition nach Berlin und Wien geschafft haben – nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft, um einen Mordanschlag zum zweiten Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel vorzubereiten.
Am 11. September 2026 hat die Bundesanwaltschaft in Berlin Anklage gegen sieben mutmaßliche Mitglieder der islamistischen Terrororganisation erhoben. Sie sollen als sogenannte Auslandsoperateure Waffen und Munition beschafft und damit einen geplanten Anschlag in Deutschland oder Österreich vorbereitet haben.
Der Staatsschutzsenat des Kammergerichts Berlin entscheidet nun über die Eröffnung eines Prozesses und den Termin. Die Anklage legt den Männern Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zur Last.
Hinzu kommen Verstöße gegen das Waffenrecht und in einigen Fällen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Die sieben Beschuldigten haben unterschiedliche Staatsangehörigkeiten und sitzen teils seit Monaten in Untersuchungshaft.
Die Hamas ist in Deutschland seit dem Überfall vom 7. Oktober 2023 verboten; die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte ein Betätigungsverbot erlassen. Wie präsent die Organisation bleibt, zeigt die Durchsuchung bei einer salafistischen Influencerin.
Anschläge in Berlin und Wien zum Jahrestag
Nach Darstellung der 214-seitigen Anklageschrift der Bundesanwaltschaft, die der Zeitung WELT exklusiv vorliegt, plante die Hamas spätestens seit Juli 2025 einen „konkreten Mordanschlag in Deutschland oder Österreich“.
Ziele waren Repräsentanten Israels, Menschen jüdischen Glaubens und proisraelisch eingestellte Personen. Als Hauptziele nennt die Anklage israelische Diplomaten, jüdische Gemeindezentren und proisraelische Demonstrationen.
Anlass und zeitlicher Rahmen war der zweite Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023. Die Taten sollten die geplanten Anschläge in Berlin und Wien laut Anklage „zeitgleich oder in enger Abfolge“ treffen – rund um den 7. Oktober 2025.
Bei dem Überfall am 7. Oktober 2023 töteten Hamas-Terroristen in Israel rund 1200 Menschen und verschleppten mehr als 250 Geiseln. Eine Warnung der VAE vor dem Hamas-Angriff soll es einem Bericht zufolge zehn Tage zuvor gegeben haben.
Vom Überfall zur Anklage
- 7. Oktober 2023Hamas-Überfall auf Israel
Rund 1200 Tote, mehr als 250 Geiseln. Deutschland erlässt kurz darauf ein Betätigungsverbot für die Hamas.
- Juli 2025Konkreter Anschlagsplan
Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft plant die Hamas spätestens jetzt einen Mordanschlag in Deutschland oder Österreich.
- August 2025Bekennervideo in Wien
Ein Beschuldigter nimmt maskiert und bewaffnet vor einer Hamas-Fahne ein Video mit Rache-Drohungen auf.
- 1. Oktober 2025Festnahmen in Berlin
Drei Verdächtige werden gefasst. In Moabit stellt die Polizei ein Sturmgewehr, acht Glock-26-Pistolen und mehr als 600 Schuss Munition sicher.
- November 2025Zugriff in Wien, Haftbefehl gegen A.
Österreichs Staatsschutz hebt ein Waffendepot aus. Der Brite Mohammed A. wird in London auf Grundlage eines Haftbefehls des Bundesgerichtshofs festgenommen.
- Ende März 2026Vier Hamas-Auslandsoperateure verurteilt
Das Kammergericht Berlin verhängt Haftstrafen von viereinhalb bis sechs Jahren gegen vier Männer.
- 11. September 2026Anklage gegen sieben Beschuldigte
Die Bundesanwaltschaft erhebt in Berlin Anklage. Der Staatsschutzsenat des Kammergerichts entscheidet über die Eröffnung.
Zwei Kanäle und ein Waffendepot in Moabit
Bis zur Festnahmewelle Anfang Oktober 2025 soll die Gruppe ein funktionsfähiges vollautomatisches Gewehr, 13 Pistolen und mehr als 700 Schuss Munition besorgt haben. Dafür nutzte sie laut Anklage zwei getrennte, aber koordinierte Beschaffungskanäle.
Bei der Übergabe eines Waffendepots im Innenhof eines Wohngebäudes in der Turmstraße in Berlin-Moabit stellten Ermittler am 1. Oktober 2025 ein vollautomatisches Sturmgewehr vom Typ Crvena Zastava, acht Glock-26-Pistolen und mehr als 600 Schuss Munition sicher. Die Waffen seien über eine Lieferkette durch Deutschland und Dänemark nach Berlin gebracht worden.
Der zweite Kanal brachte fünf Handfeuerwaffen und Munition von Kopenhagen über Berlin nach Wien, wo sie zusammen mit Kleidung und weiterer Ausrüstung in einem gemieteten Lagerraum deponiert wurden. Österreichs Staatsschutz hob das Depot im November 2025 aus und fand in einem Koffer fünf Pistolen und zehn Magazine.
Nach Angaben der Anklage wurde die Waffenoperation auch aus dem Libanon koordiniert, wo ein Hamas-Operateur einen der Beschaffungskanäle überwachte. Die Türkei diente israelischen Angaben zufolge als logistische Drehscheibe.
Pistolen: beschafft und bei zwei Zugriffen sichergestellt
Angaben der Anklageschrift und der österreichischen Behörden
Bekennervideo und ein Verdächtiger in London
Wie konkret die Pläne waren, wurde erst im Juni 2026 öffentlich. Generalbundesanwalt Jens Rommel sagte beim Jahrespressegespräch seiner Behörde in Karlsruhe: „Bei einem der Beschuldigten wurde ein vorgefertigtes Bekennervideo sichergestellt.“
In dem Video sei ein Anschlag um den zweiten Jahrestag des Hamas-Überfalls angekündigt worden – also um den 7. Oktober 2025 herum. Nach Darstellung der Anklage wurde es bereits im August 2025 in Wien aufgenommen: maskiert und bewaffnet vor einer Hamas-Fahne drohte der Mann im Namen der Al-Qassam-Brigaden, des militärischen Flügels der Hamas, mit Racheakten in Europa.
Eine zentrale Rolle soll der 39 Jahre alte Brite Mohammed A. gespielt haben. Er war Anfang November 2025 in London auf Grundlage eines Haftbefehls des Bundesgerichtshofs Karlsruhe festgenommen worden und befindet sich noch in Auslieferungshaft – deshalb wird er gesondert verfolgt und ist nicht unter den sieben Angeklagten.
Der Bundesanwaltschaft zufolge nahm A. im Sommer 2025 zweimal fünf Pistolen und Munition entgegen und brachte sie nach Wien. Er habe eine „herausgehobene Rolle bei der Operation“ gespielt und sei direkt an die „Führungsebene der Hamas“ angebunden gewesen.
Laut WELT-Recherchen soll es sich bei A. um einen Sohn des früheren Hamas-Ministers Basem Naim handeln; er sei zudem früherer Leibwächter des damaligen Hamas-Chefs Ismail Haniyeh gewesen. Israels Auslandsnachrichtendienst Mossad erklärte im November 2025, das Waffendepot in Wien habe dem Hamas-Operateur Muhammad Naim gehört, dem Sohn von Bassem Naim.
Eine Zusammenkunft von Vater und Sohn in Katar lege nach Mossad-Angaben eine Billigung der Wiener Zelle durch die Hamas-Führung nahe. Die Hamas bestreitet jegliche Verbindung zu den festgenommenen Verdächtigen und bezeichnete die Vorwürfe als haltlos.
Ein V-Mann im eigenen Verfahren
Ein Detail aus der Anklageschrift wirft Fragen an die Sicherheitsbehörden auf: Einer der Angeschuldigten soll zur Tatzeit als Vertrauensperson für das Bundesamt für Verfassungsschutz tätig gewesen sein.
Aus den Akten gehe hervor, dass er regelmäßig Berichte an seinen V-Mann-Führer lieferte – dabei aber seine eigene aktive Rolle bei der Munitionsbeschaffung für die Hamas verschwieg oder herunterspielte.
Sechs Tage vor dem geplanten Anschlag
Die ersten drei Verdächtigen wurden am 1. Oktober 2025 in Berlin festgenommen – sechs Tage vor dem angeblich geplanten Anschlagstermin. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach damals von einer abgewendeten terroristischen Bedrohungslage.
„Wir gehen davon aus, dass diese Bedrohungslage konkret war.“
Die Beschuldigten seien seit Längerem im Fokus der Behörden und unter Beobachtung gestanden, auch der Verfassungsschutz sei involviert gewesen.
Knapp einen Monat nach den Berliner Festnahmen hoben Ermittler in Wien ein Waffenversteck aus, und in London wurde ein weiterer Beschuldigter auf Grundlage eines Haftbefehls des Bundesgerichtshofs festgenommen. In den Monaten darauf folgten weitere Festnahmen, unter anderem in Dänemark, Zypern und Berlin. Ein Verfahren gab die Bundesanwaltschaft an die Berliner Behörden ab, weil dem Beschuldigten keine Mitgliedschaft in oder Unterstützung der Hamas nachgewiesen werden konnte.
Es ist nicht das erste Verfahren der Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche Hamas-Mitglieder: Ende März 2026 verurteilte das Kammergericht Berlin vier Männer zu Haftstrafen von viereinhalb bis sechs Jahren. Nach Überzeugung des Gerichts waren sie als Auslandsoperateure für Waffendepots in mehreren europäischen Staaten zuständig, die für Anschläge genutzt werden sollten.
Über Kontakte zwischen diesen vier Männern und den nun Angeklagten ist bislang nichts bekannt. Der Staatsschutzsenat muss nun entscheiden, ob er die Anklage zulässt – und wann in Berlin der Prozess gegen die sieben mutmaßlichen Waffenbeschaffer beginnt.
