Der 86-jährige Molkerei-Unternehmer Theo Müller fordert Bundeskanzler Friedrich Merz auf, die SPD aus der Regierung zu entlassen und mit wechselnden Mehrheiten zu regieren. Für seine Reformpläne komme aus seiner Sicht nur ein Partner infrage.
Die Sätze stammen aus einem Interview, das die „Welt am Sonntag“ veröffentlicht; WELT hatte die vorab veröffentlichten Aussagen Müllers zur AfD bereits am 11. September publiziert. Darin sagt Müller: „Da bliebe nur die AfD übrig.“ Sein Wunschszenario: „Schwarz und Blau. Dann wäre Deutschland bald saniert.“
Müller ist CSU-Mitglied und Mehrheitsgesellschafter der Unternehmensgruppe Theo Müller, zu der Marken wie Müller, Weihenstephan, Sachsenmilch und Homann gehören. Rund 35.000 Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen, dessen Ursprung die 1896 gegründete Molkerei Alois Müller im bayerischen Aretsried ist.
Der Anlass: AfD-Erdrutsch in Sachsen-Anhalt
Auslöser der Äußerungen ist die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026. Die AfD wurde dort mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen mit großem Abstand stärkste Partei und stellt mit 39 von 83 Sitzen die größte Fraktion. Die CDU kam auf 17,2 Prozent; für eine absolute Mehrheit reichte es für die AfD nicht.
Zweitstimmen bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026
Müller nannte das Ergebnis einen „Glücksfall“. Der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel, mit der er nach eigenen Angaben befreundet ist, habe er sofort gratuliert: „Gratuliere zum sensationellen Erfolg!“ Auf die Frage, ob er ihr das Kanzleramt zutraue, antwortete er: „Logisch.“
Für Müller ist der Ausgang ein Signal an die gesamte Republik: „Mit der bisherigen Politik kann es so nicht weitergehen.“ Aus dem Wahlergebnis leitet er die Forderung ab, die Koalition im Bund aufzugeben und die AfD als Partner zu akzeptieren.
Müller gegen Merz und die CDU
Müllers Vorschlag steht im offenen Gegensatz zum bisherigen Kurs von Kanzler Merz und der CDU. Merz hat eine Zusammenarbeit seiner Partei mit der AfD wiederholt ausgeschlossen; bei Merz’ Warnung vor einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt kurz vor der Wahl wurde das noch einmal deutlich.
Die CDU verfügt seit Jahren über einen Parteitagsbeschluss, der Koalitionen und vergleichbare Formen der Zusammenarbeit mit der AfD ablehnt. Auf Bundesebene regieren CDU und CSU weiterhin mit der SPD. Müllers Vorschlag würde damit nicht nur eine andere Abstimmungspraxis bedeuten, sondern das Ende der bestehenden Koalition voraussetzen.
Auch nach dem AfD-Wahlerfolg änderte der Kanzler seinen Kurs nicht. In der Generaldebatte des Bundestages am 9. September verwies Merz gegenüber AfD-Chefin Weidel darauf, dass die Partei trotz ihres hohen Stimmenanteils die angestrebte absolute Mehrheit in Sachsen-Anhalt verfehlt habe.
Aus der Union selbst kam ein ähnlicher Vorstoß schon im Juli: Der frühere CDU-Ministerpräsident Werner Münch erhob die Forderung nach einer AfD-Regierung.
Schuldenverbot, Ukraine, EU: Was Müller verlangt
Über mögliche Mehrheiten hinaus verlangte Müller ein Schuldenverbot, das Ende der Energiewende, den Abbau von Subventionen, eine restriktivere Migrationspolitik sowie die Einstellung der Entwicklungshilfe und der deutschen Unterstützung für die Ukraine.
Die Energiewende bezeichnete er als „Wende ins Nichts“. CO2-Zertifikatehandel, Einspeisevergütung und Subventionen für erneuerbare Energien sollten abgeschafft werden: „Das kann alles weg.“ Eine halbe Billion Euro habe die Wende bis heute gekostet, bis 2050 drohten weitere fünf Billionen.
Den Ukraine-Krieg nannte Müller „nicht unser Krieg“ und sagte mit Blick auf die Atomwaffen Russlands: „Wir sollten uns aus diesem Krieg heraushalten.“ Auch die Debatte über den AfD-Begriff „Remigration“ hält er für überzogen: Wer ein Recht habe zu bleiben, könne davon Gebrauch machen; wer illegal im Land sei, müsse gehen – „Das ist doch selbstverständlich.“
Als einzige Position, die ihm zu weit geht, nannte Müller einen Austritt Deutschlands aus der EU oder aus dem Euro. Damit widerspricht er Stimmen in der AfD, die einen Austritt aus europäischen Strukturen zumindest als Option diskutiert hatten.
„Ein Austritt aus der EU oder aus dem Euro ginge mir zu weit.“
Wie Müller und Weidel sich kennenlernten
Müllers Nähe zur AfD ist nicht neu. 2023 berichtete er dem „Handelsblatt“ von einem gemeinsamen Abendessen mit Weidel in Cannes. In der „Neuen Zürcher Zeitung“ nannte er sie „eine Freundin“, betonte aber: „Ich bin kein AfD-Mitglied, und ich möchte keines werden.“
Müllers Weg an die Seite der AfD
- 2023Abendessen mit Weidel in Cannes
Ein Bericht der Bild-Zeitung macht das Treffen mit der AfD-Chefin öffentlich; Müller nennt Weidel später in der NZZ „eine Freundin“.
- August 202585. Geburtstag mit bekannten Rechtsextremen
Bekannt wird, dass Müller mit bekannten Personen der extremen Rechten gefeiert hat, darunter offenbar Alice Weidel.
- 24. Februar 2026Eilantrag gegen Campact scheitert
Das Landgericht Hamburg erlaubt den Satz „Theo Müller unterstützt die AfD“ als zulässige Meinungsäußerung.
- März 2026Vorstoß nach der Wahl in Baden-Württemberg
Nach der Landtagswahl bringt Müller eine Zusammenarbeit von CDU und AfD ins Gespräch.
- 6. September 2026AfD siegt in Sachsen-Anhalt
Die AfD holt 43,8 Prozent, die CDU 17,2 Prozent; die absolute Mehrheit verfehlt die AfD.
- 11. September 2026WELT veröffentlicht Interview-Auszüge
Vorab erscheinen Müllers Aussagen über den „Glücksfall“ und seine Gratulation an Weidel.
- 12. September 2026Interview erscheint, Medien greifen es auf
Die „Welt am Sonntag“ veröffentlicht das Gespräch; Müller fordert Merz zu „Schwarz und Blau“ auf.
Campact nennt ihn AfD-Unterstützer – und siegt vor Gericht
Anfang 2026 kam es zu einem Rechtsstreit mit der Kampagnenorganisation Campact. Sie hatte bundesweit mit den Slogans „Alles AfD, oder was?“ und „Jetzt mit AfD-Geschmack“ gegen Müllers Nähe zur AfD protestiert – nach eigenen Angaben mit 28.000 Plakaten in 14 Städten und rund 2,2 Millionen Stickern.
Müller wollte den Satz „Theo Müller unterstützt die AfD“ per einstweiliger Verfügung untersagen lassen. Nach der Bewertung des Landgerichts Hamburg zur Campact-Aussage handelte es sich um eine zulässige Meinungsäußerung; es gebe „tatsächliche Anknüpfungspunkte“, und eine „durchgreifende Distanzierung von der AfD“ finde nicht statt. Der Eilantrag scheiterte am 24. Februar 2026.
Campact-Kampagnenleiterin Luise Neumann-Cosel wertete das Urteil als Bestätigung. Müller erklärte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, er akzeptiere den Spruch, und verzichtete auf weitere Rechtsmittel.
„Das Landgericht Hamburg hat uns auf ganzer Linie Recht gegeben: Campact darf weiter sagen, dass Theo Müller die AfD unterstützt.“
Campact kündigte an, die Kampagne „noch einmal ordentlich anzukurbeln“. Ob Müllers Vorstoß in der Union etwas bewegt, ist offen: Merz hat seinen Kurs bislang nicht geändert, und die CDU hält an ihrem Parteitagsbeschluss fest. Müller verweist darauf, dass ihm die Kritik wirtschaftlich nicht schadet – 2025 sei das bislang beste Jahr seines Unternehmens gewesen, 2026 werde es voraussichtlich noch übertreffen.
