In der CDU wird offen erwogen, Bundesarbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas aus dem Kabinett zu werfen. Der Plan soll Kanzler Friedrich Merz als handlungsfähig zeigen und sein politisches Überleben sichern. Der Preis wäre die Koalition.
Ausgangspunkt ist der ZEIT-Bericht über die Ablösungspläne in der CDU, den die Wochenzeitung am 12. September 2026 veröffentlichte. Danach stammt die Idee nicht von Hinterbänklern, sondern von „sehr ernsthaften Leuten“ im Umfeld des Kanzlers; mehrere Quellen aus Merz' engem Kreis hätten bestätigt, dass das Szenario tatsächlich geprüft werde.
Entlässt Merz die SPD-Vorsitzende, dürfte die SPD ihre übrigen Minister aus dem Kabinett abziehen – die schwarz-rote Koalition wäre faktisch am Ende, der Kanzler stünde nur noch einer Minderheitsregierung vor. Genau diese Option hatte Merz im Februar 2026 auf dem Parteitag in Stuttgart „abschließend“ ausgeschlossen.
Der Plan: Bas raus, Merz bleibt
Zugespitzt hatte sich die Debatte an Christian von Stetten. Der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand, in dem nach ZEIT-Angaben 166 der 208 CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten organisiert sind, erklärte Bas am 11. September 2026 in der „Bild“-Zeitung für „nicht mehr tragbar“ und forderte ihren Rücktritt.
Von Stetten warf der Ministerin vor, seit Monaten Reformen zu blockieren, und kritisierte auch Finanzminister Lars Klingbeil: Dessen Haushaltsentwurf sei „nicht zustimmungsfähig“. Das „Experiment“, wichtige Arbeitsministerin im Reformkabinett und zugleich Vorsitzende der „Reformverweigerungspartei SPD“ zu sein, sei gescheitert.
Hinter dem Vorstoß steht Bas' Doppelrolle: Sie ist seit Mai 2025 Bundesarbeitsministerin und seit Juni 2025 neben Vizekanzler Klingbeil SPD-Kovorsitzende. Als Parteiführerin muss sie SPD-Positionen verteidigen, als Ministerin denselben Koalitionsvertrag umsetzen – das macht sie zur Projektionsfläche des Konflikts.
Wie der Plan binnen einer Woche Kontur bekam
- 6. September 2026Debakel in Sachsen-Anhalt
Die AfD erreicht 43,8 Prozent, die CDU stürzt auf 17,2 Prozent – der Auslöser der Krise der Bundes-CDU.
- 8. September 2026Ruf nach Merz' Ablösung
Der stellvertretende CDU-Landesvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Tino Schomann, fordert: „Er muss runter vom Sessel, und da muss ein anderer rauf.“
- 10. bis 11. September 2026Insa-Umfrage für die „Bild“
Nur 14 Prozent halten Merz für den richtigen Bundeskanzler, 78 Prozent lehnen ihn ab, 58 Prozent der Unionswähler sind gegen ihn.
- 11. September 2026Von Stetten fordert Bas' Rücktritt
Der PKM-Chef nennt die Arbeitsministerin in der „Bild“ „nicht mehr tragbar“ und auch Klingbeils Haushaltsentwurf „nicht zustimmungsfähig“.
- 12. September 2026ZEIT-Bericht „Operation Kanzlersturz“
Das Blatt beschreibt Kanzlerwechsel-Pläne in der CDU und im Kanzleramt diskutierte Szenarien bis hin zur Minderheitsregierung.
- 13. September 2026Aufgriff in mehreren Medien
FOCUS online, news.de und Apollo News berichten über den Rauswurf-Plan; ein CDU-Stratege nennt ihn „Wahnsinn“.
- 20. September 2026Landtagswahlen in MV und Berlin
In Mecklenburg-Vorpommern steht die CDU in Umfragen nur noch bei sieben Prozent.
Widerstand in der eigenen Partei
In der CDU stößt der Plan auf erheblichen Widerstand. Ein CDU-Stratege nannte ihn gegenüber der ZEIT „Wahnsinn“: „Die Folgen wären unabsehbar. Jede CDU-SPD-Regierung in den Bundesländern stünde vor dem Aus. Die AfD wäre einen Schritt näher an der Macht.“
Bemerkenswert ist die Distanzierung aus der Union selbst. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Bundestagsfraktion, Hendrik Hoppenstedt, widersprach von Stetten ungewöhnlich direkt, nannte Bas eine „zuverlässige Verhandlungspartnerin“ und forderte, das „dauernde öffentliche Herumgezerre um Personen und Pläne muss ein Ende haben“.
Kanzler Merz schloss sich der Rücktrittsforderung nicht an. Ein Bruch mit der SPD könnte eine Kettenreaktion in den Ländern auslösen, wo beide Parteien in mehreren Regierungen gemeinsam Verantwortung tragen.
SPD: „Die Nerven liegen blank“
Die SPD reagierte empört. Vizekanzler Klingbeil sagte bei einem „Bürgerfrühstück“ im niedersächsischen Celle: „Was soll das? Wir sind in verdammt schwierigen Zeiten. Wir müssen zusammenhalten in einer Regierung.“ Zugleich warnte er die CDU vor einer „zweiten Mehrheit“ von Union und AfD im Bundestag: „Aber das will ich nicht.“
Aus der SPD-Fraktion kam Rückendeckung für Bas. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Dagmar Schmidt warf der Union vor, mit dem Dauerfeuer auf die Ministerin von den eigenen Problemen abzulenken. Der Ton war schon zuvor rau – Schwesigs Angriff auf Merz im SPD-Präsidium liegt nur zwei Tage zurück.
„Offensichtlich liegen die Nerven in der Union blank. Statt nach außen auszuteilen und ein Dauerfeuer gegen Bärbel Bas zu richten, sollte sich die Union lieber auf die Gemeinsamkeiten in der Koalition konzentrieren.“
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf nannte die Vorwürfe „nicht viel mehr als ein hilfloses Ablenkungsmanöver“. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer Dirk Wiese rief die Union auf, „die Nerven zu bewahren“, der wirtschaftspolitische Sprecher Sebastian Roloff sagte dem „Spiegel“, in der Wirtschaft frage „niemand nach Personalrochaden im Kabinett“.
14 Prozent für Merz, 29 Prozent für die AfD
Der Druck auf Merz ist in Zahlen messbar. In der Insa-Umfrage für die „Bild“ vom 10. und 11. September 2026 (1.003 Befragte, Fehlertoleranz ±3,1 Punkte) halten nur noch 14 Prozent der Befragten den CDU-Chef für den richtigen Bundeskanzler, 78 Prozent verneinten die Frage. Selbst in den eigenen Reihen schwindet der Rückhalt: 58 Prozent der CDU/CSU-Wähler sprachen sich gegen Merz aus, nur 36 Prozent standen hinter ihm. Wie deutlich der Rückhalt schwindet, zeigen die Insa-Zahlen zu Merz' wachsender Unbeliebtheit.
Parallel verschiebt sich die Parteienlandschaft zugunsten der AfD. Im Insa-Sonntagstrend für die „Bild“ erreicht die AfD 29 Prozent (plus einen Punkt zur Vorwoche), die Union verharrt bei 20 Prozent – ein Rückstand von neun Punkten. Die Grünen klettern auf 14 Prozent und schieben sich an der SPD (13 Prozent) vorbei, die Linke liegt bei 10 Prozent; FDP (4) und BSW (3) würden den Bundestag verfehlen.
Insa-Chef Hermann Binkert zufolge wäre derzeit nur eine Kenia-Koalition aus Union, Grünen und SPD mit zusammen 47 Prozent rechnerisch tragfähig.
Insa-Sonntagstrend: AfD führt klar vor der Union
Prozentwerte für die „Bild“, September 2026
Der 20. September als Eskalationspunkt
Die Auseinandersetzung fällt in die heiße Phase vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am 20. September 2026. In Mecklenburg-Vorpommern kommt die CDU in Umfragen nur noch auf sieben Prozent und nähert sich der Fünf-Prozent-Hürde; die AfD führt dort mit 36 Prozent vor der SPD mit 33 Prozent.
In Niedersachsen sank die CDU laut einer Insa-Erhebung um drei Punkte auf 22 Prozent und liegt nur noch hauchdünn vor der AfD (21 Prozent); lediglich 18 Prozent der Niedersachsen wünschen sich dort eine CDU-geführte Regierung. In Sachsen-Anhalt hatte sich das CDU-Ergebnis am 6. September mit 17,2 Prozent mehr als halbiert, die AfD erreichte 43,8 Prozent.
Als mögliche Nachfolger von Merz werden in der Partei Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst und Hessens Regierungschef Boris Rhein gehandelt – Wüst gilt als regierungsfähig, zögert aber; Rhein ist wegen seines Kurses und seiner geringen bundespolitischen Bekanntheit umstritten. Zugleich könnten Teile der CDU den Rauswurf von Bas mittragen, um Merz zu retten.
Ob die CDU den Plan tatsächlich verfolgt, entscheidet sich womöglich schon am 20. September. Der Molkerei-Unternehmer Theo Müller hat am 12. September gefordert, Merz solle die SPD aus der Regierung werfen und mit wechselnden Mehrheiten regieren – Müllers Forderung nach Regieren mit der AfD zeigt, wie offen diese Option inzwischen diskutiert wird.
