Deutschland hat laut Studie den billigsten Dieselpreis der EU
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Tankstellenpreise

Deutschland hat laut Studie den billigsten Dieselpreis der EU

Die Mineralölwirtschaft lässt ausrechnen, dass Deutschland ohne staatliche Abgaben den billigsten Diesel der EU hätte – an der Zapfsäule kostet der Liter trotzdem rund 2,32 Euro. SPD und Autoclub fordern Übergewinnsteuer und Preisdeckel, Kanzler Merz und die Branche blocken.

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An der Zapfsäule zahlen Autofahrer in Deutschland so viel wie nie: Super E10 kostete Anfang September im Bundesschnitt 2,259 Euro pro Liter, Diesel rund 2,32 Euro. Wenige Tage zuvor war der Preis für Super E10 auf einen Rekordwert von 2,215 Euro geklettert.

Eine Studie im Auftrag der Mineralölwirtschaft rechnet nun vor, dass Deutschland eigentlich den billigsten Diesel der Europäischen Union haben müsste. Erstellt hat sie die Beratungsfirma Frontier Economics für den Wirtschaftsverband Fuels & Energie (EN2X), zu dessen Mitgliedern BP, Shell und Esso gehören.

Kernergebnis der Analyse zum deutschen Dieselpreis im EU-Vergleich: Rechnet man alle staatlichen Aufschläge und Eingriffe in den Markt heraus, hat Deutschland den niedrigsten Dieselpreis und den zweitniedrigsten Benzinpreis in Europa. An der Zapfsäule zahlen Autofahrer hierzulande dennoch teils 50 bis 70 Cent pro Liter mehr als in vielen Nachbarländern.

Was die 1,28 Euro Differenz ausmacht

Zwischen Mai und August 2026 kostete der Liter Diesel durchschnittlich 2,23 Euro; nach Abzug aller staatlichen Kosten bleibt ein Residualpreis von 0,95 Euro – nur in Polen liegt er noch niedriger. Als Kostentreiber nennen die Autoren der Ergebnisse der Frontier-Economics-Studie Energiesteuer, CO2-Preis und Mehrwertsteuer – und vor allem die EU-Richtlinie für erneuerbare Energien (RED).

Über den Zukauf von Zertifikaten – etwa von E-Auto-Besitzern – verteuert die RED den Liter Diesel laut Frontier Economics um 18 Cent, Benzin um 17 Cent. In den meisten anderen EU-Staaten sind es drei bis neun Cent; nur die Niederlande liegen höher.

Kosten der EU-Erneuerbaren-Richtlinie je Liter Kraftstoff

Zukauf von Zertifikaten, laut Frontier Economics

Quelle: Frontier Economics im Auftrag von EN2X

Für den 31. August 2026 wies das Statistisches Bundesamt einen Tagesdurchschnitt von 2,23 Euro je Liter Diesel und einen Preisabstand von 1,52 Euro zu Polen aus.

Die Branche verweist auf Rotterdam und den Weltmarkt

Für EN2X-Hauptgeschäftsführer Christian Küchen ist die Sache klar: „Der Benzinpreis an deutschen Tankstellen ist zu rund 60 Prozent durch Steuern, Abgaben und Regulierung bedingt, beim Diesel ist es die Hälfte.“ In einem begleitenden „Realitätscheck“ argumentiert der Verband, der Tankstellenpreis folge den internationalen Produktmärkten in Rotterdam und nicht allein dem Rohölpreis.

Mehr als 70 Prozent der deutschen Raffineriekapazitäten gehörten Unternehmen ohne eigenes Tankstellennetz, umgekehrt gehörten rund 65 Prozent der Tankstellen zu Gruppen ohne Raffinerien. Die gestiegenen Konzerngewinne bestreitet Küchen nicht, führt sie aber auf den Weltmarkt zurück: Russische Raffinerien seien von ukrainischen Drohnen getroffen worden und das Land importiere Kraftstoff aus China; der Dieselpreis habe sich vom Rohölpreis entkoppelt.

Berechnungen des Münsteraner Professors Johannes Schwanitz zeigten, dass der Abstand zwischen Kraftstoff- und Rohölpreis seit August 2026 gewachsen ist. Gegen politische Preisregulierung argumentiert der Verbandschef mit den Erfahrungen anderer Länder – der Absatz vor dem Zitat.

Länder mit einer Preisregulierung wie Belgien oder Luxemburg haben tendenziell höhere Kraftstoffpreise als Deutschland.
Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer von EN2X

Ob die Orientierung der Konzerne am Rotterdamer Produktpreis die höheren Preise vollständig erklärt, lässt die Studie offen. Schon im Juni 2026 hatte EN2X eine erste Frontier-Kurzstudie vorgelegt, die staatliche Markteingriffe als wirkungslos bezeichnete – die Branche rüstet seit Monaten für dieselbe Debatte.

SPD und Klingbeil setzen auf eine Übergewinnsteuer

Die Veröffentlichung fiel mit einem Fraktionsbeschluss der SPD-Bundestagsfraktion zusammen, die die Schuld bei den Konzernen sieht: „Es ist absolut inakzeptabel, dass insbesondere die Mineralölhersteller vor dem Hintergrund dieser Krise extra abkassieren.“ Gefordert werden eine Übergewinnsteuer und ein Preisdeckel nach Luxemburger oder österreichischem Vorbild.

Die SPD geht noch weiter: „Auch die Möglichkeit, oligopolartige Strukturen im Rahmen eines kartellrechtlichen Verfahrens zu zerschlagen, muss auf den Tisch.“ Unterstützung kommt von anderer Seite: Grünen-Chefin Dröge fordert eine Übergewinnsteuer für Ölkonzerne.

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) macht die Mineralölkonzerne für die Preise verantwortlich. Bereits am 4. April 2026 hatte er mit den Finanzministern Spaniens, Portugals, Österreichs und Italiens in einem Brief an die EU-Kommission gefordert: „Angesichts der derzeitigen Marktverzerrungen und fiskalischen Zwänge sollte die Europäische Kommission rasch ein ähnliches EU-weites Abgabeninstrument entwickeln.“ In den September-Berichten ist zusätzlich von Polen als Unterzeichner die Rede.

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Innerhalb der schwarz-roten Koalition ist der Vorstoß umstritten. Kanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (beide CDU) lehnen eine Übergewinnsteuer ab; Merz verwies auf rechtliche Probleme, weil „normaler Profit“ und „Übergewinn“ kaum zu trennen seien. Reiche arbeitet parallel an einer nationalen Raffineriestrategie, ein erstes Treffen ist für Oktober 2026 geplant. Das ifo-Institut kritisiert Übergewinnsteuern als willkürlich und investitionshemmend.

Kroatien macht es vor – Berlin blockt bislang

Kroatien hatte rund eine Woche nach Beginn des Iran-Kriegs, am 10. März 2026, unter Premier Andrej Plenković einen fixen Höchstpreis eingeführt: zunächst für mindestens zwei Wochen höchstens 1,50 Euro pro Liter Super und 1,55 Euro pro Liter Diesel. Ohne den Eingriff hätten Autofahrer laut Plenković mit 1,55 Euro für Benzin und 1,72 Euro für Diesel rechnen müssen.

Das Instrument war nicht neu: Schon nach dem Ukraine-Krieg 2022 hatte Kroatien die Preise gedeckelt, den Mechanismus im Juli 2025 aber wieder aufgehoben. Ähnliche Modelle gibt es in Ungarn mit Höchstpreisen von umgerechnet 1,56 Euro für Diesel und 1,51 Euro für Benzin sowie in Belgien, Luxemburg und Österreich, wo Tankstellen werktags oder nur einmal pro Tag um zwölf Uhr erhöhen dürfen.

Von der EU-Sonderabgabe bis zum neuen Preisdeckel

  1. 6. Oktober 2022
    EU beschließt Sonderabgabe auf Energiekonzerne

    Der Rat der EU führt nach dem Ukraine-Krieg eine befristete Übergewinnsteuer ein: 33 Prozent auf Gewinne, die mehr als 20 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 liegen. EU-weit kommen 2022/23 rund 28,7 Milliarden Euro zusammen, in Deutschland gut zwei Milliarden.

  2. 10. März 2026
    Kroatien deckelt Benzin und Diesel

    Premier Andrej Plenković legt Höchstpreise von 1,50 Euro für Super und 1,55 Euro für Diesel fest – zunächst für mindestens zwei Wochen. Ohne den Eingriff wären laut Regierung 1,55 und 1,72 Euro fällig gewesen.

  3. 4. April 2026
    Klingbeil bittet die EU-Kommission um eine EU-weite Abgabe

    Der Bundesfinanzminister und vier Amtskollegen aus Spanien, Portugal, Österreich und Italien fordern in einem Brief ein EU-weites Abgabeninstrument auf Übergewinne.

  4. 31. August 2026
    Diesel kostet 2,23 Euro, Abstand zu Polen 1,52 Euro

    Das Statistische Bundesamt weist einen Tagesdurchschnitt von 2,23 Euro je Liter Diesel aus.

  5. 9. September 2026
    Studie erscheint, Preise auf Rekordstand

    Super E10 kostet 2,259 Euro, Diesel rund 2,32 Euro. Die Frontier-Economics-Studie wird veröffentlicht, die SPD-Fraktion fordert Übergewinnsteuer, Preisdeckel und eine Schärfung des Kartellrechts.

Die deutsche Bundesregierung stellt sich bislang gegen eine Spritpreisbremse. Österreichs Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) warnte vor Nebenwirkungen, im Extremfall könnten „die Zapfsäulen leer“ bleiben.

Autofahrer fordern Preisbremse und eine Steuer für Klingbeil

Aus Ärger über die Untätigkeit der Politik fordert der Autoclub „Mobil in Deutschland“ direkte Entlastungen: Präsident Michael Haberland verlangt eine Spritpreisbremse nach dem Vorbild Kroatiens sowie eine „Übergewinnsteuer für Klingbeil“.

Warum nimmt man nicht die Mehrwertsteuer-Mehreinnahmen durch die hohen Spritpreise, laut Zahlen des Leibnitz-Instituts rund 490 Millionen Euro pro Monat, und entlastet damit die Autofahrer?
Michael Haberland, Autoclub „Mobil in Deutschland“

Damit rechnet der Club vor, dass der Staat an den hohen Preisen selbst verdient: Rund 490 Millionen Euro Mehrwertsteuer-Mehreinnahmen fallen Haberland zufolge pro Monat an. Dieses Geld solle an die Autofahrer zurückgehen – ob als Preisbremse oder als Direktzahlung, lässt er offen.

Wie es an der Zapfsäule weitergeht

Der deutsche Raffineriemarkt ist stark konzentriert: Zwölf Unternehmen teilen ihn sich, Shell hält 19 Prozent, die Klesch-Gruppe 18 Prozent; nur drei Raffineriebetreiber haben auch ein eigenes Tankstellennetz. Als Preistreiber gelten die eingeschränkte Schifffahrt durch die Straße von Hormus, eine im August unter dem Vorjahresniveau liegende weltweite Ölförderung, außergewöhnlich hohe Raffineriemargen sowie geringe Lagerbestände und niedrige Rhein-Pegel.

Der ADAC sah trotz auf knapp 100 US-Dollar gestiegenen Brent-Preises „deutlichen Erklärungsbedarf“ und fordert mehr Transparenz bei Raffinerie- und Großhandelspreisen. Sparmöglichkeiten gibt es trotzdem: Kurz vor zwölf Uhr mittags tanken lohnt sich, weil E10 danach um 14,6 Cent und Diesel um 18,4 Cent anziehen; Autobahntankstellen sind rund 33 Cent pro Liter teurer.

Ob nationale Eingriffe gegen die globale Marktlage – fehlende Raffineriekapazitäten, Iran-Krieg, Drohnenangriffe – etwas ausrichten können, ist offen. Die Branche pocht auf den niedrigsten Vorsteuerpreis Europas und warnt vor Investitionsschäden; SPD und Autofahrer-Verbände setzen auf Übergewinnsteuer, Preisdeckel und Kartellrecht. Wann die EU-Kommission liefert, sagt bislang niemand.