Jens Spahn hat am Abend des 15. September 2026 sein letztes Parteiamt abgegeben – freiwillig, aber unter dem Druck einer Affäre, die seine Partei seit dem Sommer beschäftigt. Auf dem Bezirksparteitag der CDU Münsterland in der Anne-Frank-Gesamtschule in Havixbeck trat der 46-Jährige nicht erneut als Bezirksvorsitzender an.
Zur neuen Bezirkschefin wählten die Delegierten die von Spahn vorgeschlagene NRW-Schulministerin Dorothee Feller. Sie kam auf 106 der 111 abgegebenen Stimmen – nach CDU-Angaben 95,5 Prozent, wie SPIEGEL-Bericht zum Bezirksparteitag festhält. Eine Gegenkandidatin gab es nicht.
Für den Bezirksverband endet damit eine kurze Ära: Spahn hatte den Vorsitz im Münsterland erst vor zwei Jahren übernommen und damit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann abgelöst, der den Posten 21 Jahre lang innegehabt und nicht mehr kandidiert hatte.
Entschuldigung ohne Rückkehr in die Parteispitze
Spahn betrat den Saal kurz vor Sitzungsbeginn als einer der Letzten; es wurde still, als der Noch-Bezirksvorsitzende ans Mikrofon trat. In der Rede räumte er ein, das Vertrauen vieler Parteifreunde enttäuscht zu haben, und entschuldigte sich ausdrücklich.
Die Delegierten antworteten mit langanhaltendem, kräftigem Applaus. Wortmeldungen in der anschließenden Aussprache gab es nicht. Dass der Abschied dennoch ein Einschnitt ist, machte Spahn selbst deutlich:
„Ich weiß, dass es notwendig ist, logische Konsequenz, aber es fällt mir nicht leicht, mit Ende des heutigen Abends nach 30 Jahren kein Amt mehr in unserer Partei zu haben.“
An der Basis blieb Skepsis. Wie Tagesspiegel-Bericht zur Stimmung an der Basis zu entnehmen ist, schlug ein Mitglied vor, Spahn hätte einfach in den USA bleiben sollen.
Ein anderes Mitglied sagte, Vergebung liege in der DNA der Partei, und verwies darauf, dass Spahns Verhalten in Deutschland nicht rechtswidrig sei. Mehrere Vorstandskollegen zweifelten, dass er schnell aus dem politischen Exil zurückkommen kann.
Leihmutterschaft, Parteiprogramm und ein krasser Widerspruch
Auslöser des Rückzugs ist die Leihmutter-Affäre: Spahn hatte publik gemacht, dass er und sein Ehemann Daniel Funke mithilfe einer Leihmutter in den USA einen Sohn bekommen haben. In der Union wurde das scharf kritisiert – Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, und die CDU lehnt eine Legalisierung ab.
Spahn hatte diese ablehnende Haltung in der Vergangenheit selbst vertreten. In seiner Rede sprach er von einem „krassen Widerspruch“ zwischen seinen persönlichen Entscheidungen und dem, was er vor vielen Jahren nach eigenem Eingeständnis öffentlich zu dem Thema gesagt habe und wofür die Partei programmatisch stehe.
Der Druck war groß: Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Spahn öffentlich gerügt, aus der Union kam eine Rücktrittsforderung eines CDU-Landeschefs. Ende Juli trat Spahn als Spahn tritt als Fraktionschef zurück. Der Bezirksvorsitz im Münsterland war sein zweites und letztes Parteiamt.
Schon vor dem Parteitag hatte Spahn sich in einem Brief an die CDU-Parteifreunde in seinem Wahlkreis Steinfurt/Borken entschuldigt: „Ich war zu feige, bei diesem sensiblen Thema offen Farbe zu bekennen.“
Von der Leihmutter-Geburt bis zum letzten Parteiamt
- Juli 2026Sohn per Leihmutter in den USA
Spahn und sein Ehemann Daniel Funke machen die Geburt ihres Sohnes publik. In der Union bricht scharfe Kritik los, weil Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist.
- Ende Juli 2026Rücktritt als Fraktionschef
Nach öffentlicher Rüge durch Bundeskanzler Friedrich Merz tritt Spahn vom Vorsitz der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag zurück.
- Vor dem 15. September 2026Entschuldigungsbrief an den Wahlkreis
In einem Brief an die Parteifreunde in Steinfurt/Borken schreibt Spahn, er sei zu feige gewesen, bei diesem sensiblen Thema offen Farbe zu bekennen.
- 15. September 2026Letztes Parteiamt abgegeben
Auf dem Bezirksparteitag in Havixbeck tritt Spahn nicht erneut an, um 19.50 Uhr gibt er sein Amt ab. Eine Minute später sitzt er in den Reihen der Mitglieder.
- Ab 15. September 2026Feller führt den Bezirk
Feller wird mit 106 von 111 Stimmen gewählt und richtet den CDU-Bezirk Münsterland auf die Landtagswahl 2027 aus; Spahn wechselt in den Haushaltsausschuss.
Die Nachfolgerin will die Landtagswahl 2027 gewinnen
Feller ist 60 Jahre alt, Juristin und stammt aus Dorsten. Vor ihrem Amtsantritt als NRW-Schulministerin im Jahr 2022 war sie Regierungspräsidentin in Münster. In ihrer Vorstellungsrede nannte sie eine erfolgreiche Landtagswahl 2027 als wichtigste Aufgabe.
Es gebe keine Alternative zu einer CDU-geführten Landesregierung in NRW und „erst recht keine blaue Alternative“, sagte sie. Die CDU müsse „jetzt erst recht“ mehr zuhören und fragen, „wieso der Populismus so erfolgreich ist“.
Aus der Basis hieß es über sie, sie sei „fachlich und menschlich eine tolle Persönlichkeit“ und könne „Menschen unterschiedlicher Strömungen zusammenbringen“. Der Wechsel an der Bezirksspitze fiel damit deutlich aus.
Stimmen für Dorothee Feller beim Bezirksparteitag Münsterland
Von 111 abgegebenen Stimmen entfielen 106 auf die einzige Kandidatin
Was bleibt: Mandat, Haushaltsausschuss, Netzwerk
Spahn bleibt Bundestagsabgeordneter und arbeitet künftig unter anderem als Mitglied des Haushaltsausschusses, wo er über die Ausgaben des Bundes mitentscheidet. Sein Mandat gibt er nicht auf.
Der Wechsel im Vorstand hatte eine weitere Folge: Der Münsteraner Bundestagsabgeordnete Stephan Nacke gab sein Amt ebenfalls ab – zwei Münsteraner im Bezirksvorstand seien einer zu viel.
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst bedankte sich in einer Videobotschaft für Spahns Arbeit: „Ich freue mich auf unsere weitere Zusammenarbeit. Und ich wünsche dir und deiner kleinen Familie alles Gute.“ Als Abschiedsgeschenk erhielt Spahn eine Flasche Eierlikör.
Um 19.50 Uhr gab Spahn sein letztes Amt ab; um 19.51 Uhr nahm er in den Reihen der Mitglieder Platz, sein Namensschild am Vorstandstisch wurde gegen das vorbereitete von Feller ausgetauscht. Ob er je in die Bundesspitze zurückkehrt, ist offen – mehrere Vorstandskollegen bezweifeln es.
