Russlands neue Jet-Drohnen fliegen der ukrainischen Luftabwehr davon. Im August 2026 setzte Moskau nach ukrainischen Militärdaten rund 2.850 dieser schnellen Flugkörper gegen die Ukraine ein – abgefangen wurde nur gut 60 Prozent von ihnen.
Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte die russischen Drohnenangriffe auf die Zivilbevölkerung am 11. September „allmählich immer terroristischer“. Am 12. September meldete er fast 500 seit dem Morgen gestartete Angriffsdrohnen, am 13. September rund 2.100 binnen einer Woche.
Zum Vergleich: Die älteren, propellergetriebenen Shaheds fängt die Ukraine weiterhin zu über 90 Prozent ab. Diesen Vorsprung hat Russland mit dem Turbojet-Antrieb zunichte gemacht – ein Wettrüsten, das derzeit Moskau gewinnt.
Von 450 auf 2.850 Drohnen in drei Monaten
Die Daten der ukrainischen Luftstreitkräfte zeigen einen sprunghaften Anstieg: etwa 450 Jet-Drohnen im Juni 2026, rund 1.500 bis 1.600 im Juli und etwa 2.850 im August. Die Ukraine schätzt, dass Russland inzwischen rund 3.000 Jet-Drohnen pro Monat produziert.
Eingesetzte russische Jet-Drohnen gegen die Ukraine 2026
Anzahl der jetgetriebenen Angriffsdrohnen pro Monat
Zielscheibe war vor allem Kyjiw und die Hauptstadtregion, auf die fast ein Fünftel aller gestarteten Drohnen entfiel, sowie der Schwarzmeerhafen Odesa. In fünf der nächtlichen Angriffe im August übertrafen die Jet-Drohnen zahlenmäßig die älteren, langsameren Modelle – in Kyjiw zeigt sich zugleich die Belastung der Bunker im Daueralarm.
Zu schnell für Abfänger und Maschinengewehre
Die alte Geran-2 flog mit Propellerantrieb rund 200 km/h – langsam genug für die ukrainischen Abfängerdrohnen, die etwa 300 km/h erreichen und weniger als 2.000 Dollar kosten. Die Jet-Varianten sind deutlich schneller: Die Geran-3 schafft knapp 330 km/h, die Geran-4 knapp 500, die Geran-5 fast 600 km/h.
Für den Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte, Yurii Ihnat, verengt das „das Spektrum einsetzbarer Gegenmaßnahmen erheblich“. Viele der billigen Systeme, die zum Rückgrat der Shahed-Abwehr geworden seien, funktionierten gegen Jet-Modelle nicht oder seien weniger wirksam.
Maschinengewehr-Teams haben kaum Zeit zum Feuern und erreichen Ziele in großer Höhe gar nicht. MANPADS reichen nur bis 4,5 Kilometer Höhe, während die Jet-Drohnen auf 5 bis 6 Kilometer steigen. Übrig bleiben elektronische Kampfführung, Kampfflugzeuge und Boden-Luft-Raketensysteme.
Wie Russlands Jet-Drohnen die Abwehr überholten
- Januar 2026Geran-5 erstmals im Kampf
Russland setzt die jetgetriebene Geran-5 erstmals gegen die Ukraine ein.
- April 2026Ausgeweiteter Einsatz
Laut dem Institute for the Study of War intensiviert Russland den Einsatz der Jet-Drohnen.
- Juni 2026Rund 450 Jet-Drohnen
Ukrainische Militärdaten zählen etwa 450 jetgetriebene Angriffsdrohnen.
- Juli 20261.500 bis 1.600 Jet-Drohnen
Der Einsatz steigt sprunghaft; ein Test neuer ukrainischer Abfänger scheitert teilweise.
- 29. August 2026Vier Abfänger im Feldtest
Verteidigungsminister Yevhenii Khmara meldet vier erprobte Abfänger-Typen gegen Jet-Shaheds.
- August 2026Abfangquote fällt auf gut 60 Prozent
Rund 2.850 Jet-Drohnen fliegen, während konventionelle Shaheds weiter zu über 90 Prozent abgefangen werden.
- 15. September 2026Erfolgreicher Test eines neuen Abfängers
Selenskyj meldet einen Treffer gegen eine Shahed; die Steuerung müsse noch verfeinert werden.
Die teure Notlösung
Bis die Ukraine den nächsten Schritt im Rüstungswettlauf gemacht hat, bleibt ihr laut der Analyse der überforderten ukrainischen Abwehr nur eine teure Notlösung. Der stellvertretende Luftwaffenkommandeur Yuriy Cherevashenko beschreibt sie so:
„Ein oder zwei Monate lang müssen wir sie mit teureren Mitteln abschießen, also mit Raketen von Kampfjets. Oder mit Geschütztürmen, wenn sie sich bereits in der Nähe des Ziels befinden.“
Ein Großteil der Abwehr lastet auf Militärflugzeugen, die schnell genug sind, um mitzuhalten. Weil die Bestände an Luft-Luft-Raketen schwinden, weichen Piloten zunehmend auf ihre Bordkanonen aus – riskant, weil Drohnentrümmer die Maschinen treffen können.
Der Test der neuen ukrainischen Abfängerdrohnen im Juli 2026 verlief nicht wie geplant: Viele der Abfänger waren bei Geschwindigkeiten von teils über 400 km/h schwer zu kontrollieren, einige stürzten in Felder und Wälder.
Der stellvertretende Kommandeur des 3. Armeekorps, Maksym Zhorin, sagt: „Bei den Jet-Drohnen haben wir die Initiative komplett vergeigt, das ist eine Tatsache. Die Russen haben die Massenproduktion und den Einsatz von Jet-Shaheds aufgebaut, und wir wissen nicht einmal, was wir dagegen tun sollen.“
Der Durchbruch vom 15. September
Am Dienstag, dem 15. September 2026, meldete Selenskyj nach einem Briefing des Oberbefehlshabers Mykhailo Drapatyi den erfolgreichen Test eines weiteren, selbst entwickelten Abfängers: „Eine Shahed wurde erfolgreich getroffen, aber einige Aspekte der Steuerung des Abfängers müssen noch verfeinert werden. Die Arbeit geht weiter – es wird noch etwas mehr Zeit brauchen“, schrieb der Präsident.
In derselben Nacht wurden laut Selenskyj 93 Prozent aller russischen Drohnen abgefangen: „Das ist beachtlich. Aber natürlich wird mehr gebraucht“, sagte er. Die Quote schwankt je nach Angriffswelle stark – im Monatsdurchschnitt lag sie bei den Jet-Drohnen zuletzt nur bei gut 60 Prozent.
Chinas Bauteile und ein Winter voller Sorgen
Ein zentrales Problem bleibt die Herkunft der Bauteile: Turbojet-Antrieb, Navigationscomputer und Kommunikationselektronik bezieht Russlands Rüstungsindustrie laut der Analysefirma DroneSec aus China. Deren Chef Mike Monnik nennt das Drohnenprogramm „kritisch abhängig“ von kommerziell erhältlichen Dual-Use-Teilen.
Der schnelle Antrieb kostet einer Schätzung nach nur 45.000 Dollar, eine komplette Geran-5 rund 100.000 Dollar – verglichen mit Raketen, die pro Stück mehrere Millionen Dollar kosten, wenig.
Die Financial Times berichtet zudem, der Iran habe Russland 2026 um die Lieferung moderner Geran-Drohnen für seinen Krieg gegen Israel und die USA gebeten – eine Umkehr des ursprünglichen Verhältnisses, in dem Teheran Moskau mit Shahed-Drohnen versorgte.
Nach einem Sommer mit Erfolgsmeldungen ukrainischer Luftschläge tief in Russland – darunter der Drohnenangriff auf die Rosneft-Raffinerie Syzran – blickt die Ukraine mit Sorge auf den Winter. Es wird erwartet, dass Präsident Wladimir Putin erneut die Wärmeversorgung bombardieren lässt; jede Lücke in der Luftverteidigung dürfte die Zahl der zivilen Opfer erhöhen.
Der Militäranalyst Samuel Bendett vom Center for a New American Security beschreibt den Krieg als ständigen „Schwert-gegen-Schild“-Wettlauf, in dem der aktuelle russische Vorteil irgendwann durch schnelle und billige ukrainische Abfänger erodiert werde. Ob das gelingt, entscheidet sich in den nächsten ein bis zwei Monaten – bevor der erste Frost kommt.
