Die Nato weist die russische Darstellung, das Bündnis zweifle die deutschen Erkenntnisse zum Sprengstoffdrohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle an, als absurd zurück. „Die Behauptung des russischen Geheimdienstes, wonach die Nato keine Belege für eine russische Beteiligung an dem Drohnenvorfall in Leipzig gefunden habe, ist absurd", sagte ein Sprecher des Bündnisses am 16. September 2026 auf dpa-Anfrage.
Ausgelöst hatte die Reaktion eine über die Plattform X verbreitete Mitteilung des russischen Außenministeriums. Sie beruft sich auf den Auslandsgeheimdienst SWR: Aus Sicht der Nato gebe es keine Beweise für eine russische Beteiligung an dem Vorfall.
Stattdessen, so die russische Darstellung, deuteten die Erkenntnisse auf eine „ukrainische Verbindung". Berlin mache Russland nur verantwortlich, um massive Ausgaben für die Militarisierung im Jahr 2027 zu rechtfertigen. Belege für diese Behauptung legte Moskau nicht vor.
Die Nato hält dagegen: Ihre Geheimdienstexperten seien wie die deutschen Behörden zu dem Schluss gekommen, dass Russland hinter dem hybriden Angriff am 4. August steckt. „Russland hat nachweislich immer wieder versucht, verbündete Staaten zu destabilisieren und uns davon abzubringen, die Ukraine zu unterstützen", sagte der Bündnissprecher.
Der Fund vom 4. August
Entdeckt wurde die mit Sprengstoff präparierte Drohne am Abend des 4. August 2026 im Sicherheitsbereich des Flughafens Leipzig/Halle, nahe einer ukrainischen Frachtmaschine vom Typ Antonow AN-124. Eine Detonation hätte nach Einschätzung der Ermittler Teile des Flughafens zerstört.
Der Flughafen ist ein Nato-Drehkreuz: Er dient der Strategic Airlift International Solution (SALIS), ukrainische Antonow-Transportmaschinen laden dort regelmäßig Militärhilfe für die Ukraine und die östlichen Bündnisstaaten. Die Bundesregierung wertet den Vorfall als russischen Anschlagsversuch.
Nach den bislang öffentlich bekannten Ermittlungsergebnissen sollten rund 1,8 Kilogramm des Sprengstoffs Semtex an der Antonow-Maschine zum Einsatz kommen; das Flugzeug war mit rund 25.000 Litern Kerosin betankt. Zur Explosion kam es nicht, weil ein Zünder abriss – der Sprengstoff war in einer Gemüsedose verbaut.
Nach einem Bericht des Tagesspiegels führen die Ermittlungen offenbar direkt zum russischen Militärgeheimdienst GRU.
Von der entdeckten Drohne zur Nato-Absage
- 4. August 2026Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle
Im Sicherheitsbereich wird nahe einer ukrainischen Antonow AN-124 eine mit Semtex präparierte Drohne entdeckt und später entschärft.
- 1. September 2026Bundesregierung macht Russland verantwortlich
Innenminister Dobrindt und Außenminister Wadephul kündigen die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn und des Russischen Hauses in Berlin an.
- 7. September 2026Moskau ordnet Gegenmaßnahmen an
Russland schließt das deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg und die Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg.
- 15. September 2026Nato meldet mehr als 200 hybride Angriffe
Ein ranghoher Nato-Beamter sagt, der Sprengstoff Semtex deute auf eine direkte Beteiligung eines russischen Geheimdienstes hin.
- 16. September 2026Nato weist russische Zweifel zurück
Das Bündnis nennt die Darstellung des russischen Geheimdienstes absurd und stützt die deutschen Ermittler.
Berlins Vorwürfe und Moskaus Antwort
Am 1. September 2026 machte die Bundesregierung Russland offiziell für den versuchten Anschlag verantwortlich. Innenminister Alexander Dobrindt erklärte, Drohnenkonfiguration, Bauteile, Sprengstoff und Zünder seien aus anderen russischen Hybridoperationen und dem Krieg gegen die Ukraine bekannt.
In einer gemeinsamen Pressekonferenz von Wadephul und Dobrindt sagte der Innenminister: „Die Polizeiermittlungen, das Muster und die Geheimdiensterkenntnisse belegen eine russische Verantwortung für den versuchten Anschlag am Flughafen Leipzig." Außenminister Johann Wadephul sprach von erheblichem Schaden für die ohnehin massiv belasteten bilateralen Beziehungen.
Berlin ordnete die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn zum 18. September 2026 an, kündigte den Vertrag für das Russische Haus in Berlin, neue EU-Sanktionslistungen und schärfere Einreisekontrollen für russische Staatsangehörige an. Der russische Botschafter wurde ins Auswärtige Amt einbestellt.
Moskau reagierte mit Gegenmaßnahmen: Außenminister Sergej Lawrow kündigte die Schließung der Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg an, Deutschland musste sein Generalkonsulat in St. Petersburg schließen. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, nannte die deutschen Vorwürfe einen „weit hergeholten und konstruierten Vorwand".
Für die Nato steht hinter dem Fund ein staatlicher Akteur, nicht eine ukrainische Spur. Ein ranghoher Beamter des Bündnisses sagte über den verwendeten Sprengstoff:
„Semtex ist nichts, was man irgendeinem Jugendlichen in die Hand drückt, den man beim Videospielen rekrutiert hat.“
Die Zahlen hinter dem Verdacht
Die Nato warnt vor weiteren russischen Hybridangriffen auf das Bündnis: Allein im vergangenen Jahr wurden nach Angaben eines ranghohen Nato-Beamten in Brüssel mehr als 200 solcher Vorfälle erfasst – alltägliche Cyberangriffe nicht eingerechnet.
Von solchen Cyberangriffen gibt es allein gegen das Nato-Hauptquartier monatlich Tausende. „Die Zahl nimmt zu, die Schwere nimmt zu und die Risikobereitschaft nimmt zu", sagte der Beamte. Die Nato kündigte ein neues Netzwerk für kritische Energieinfrastruktur an, nach dem Vorbild des Netzwerks für Unterwasserinfrastruktur.
In Deutschland registrierte das Bundeskriminalamt allein 2025 mehr als 1000 verdächtige Drohnenüberflüge über militärische Einrichtungen und kritische Infrastruktur sowie 321 Sabotage-Verdachtsfälle. Die Bundesregierung stufte die Bedrohungslage von „allgemein„ auf „hoch“ hoch.
Registrierte hybride Vorfälle in Nato und Deutschland
Hybridangriffe auf Bündnisstaaten, Drohnenüberflüge und Sabotageverdacht in Deutschland
Beweise bleiben unter Verschluss
Die Nato untermauerte ihre Bewertung nicht mit öffentlich ausgebreiteten Beweisen, sondern verwies auf die übereinstimmende Einschätzung ihrer Geheimdienstexperten. Auch die Bundesregierung hält die Beweismittel zurück. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Beweise gegen Russland als gerichtsfest bezeichnet.
Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Fiedler, verteidigt das: „dann gibt man nicht zwischendurch irgendwelche detaillierten Beweismittel der Öffentlichkeit preis, sondern die gehören hinterher in ein Gericht".
Das russische Generalkonsulat in Bonn muss am 18. September 2026 schließen. Ob Moskau den Leipziger Fall erneut aufgreift und ob die Beweise je öffentlich werden, ist ungeklärt.
