Rund 40 überwiegend junge Menschen haben am Dienstagnachmittag auf dem Marktplatz von Bad Doberan still gegen den AfD-Wahlkampfabschluss protestiert. Fünf Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern sprach dort Spitzenkandidat Leif-Erik Holm und inszenierte sich als bürgerlicher Mann – während hinter ihm im Landesverband radikale Kräfte stehen.
Die Gegendemonstranten hielten Schilder hoch: „Kein Bock auf alte Naive“, „Die AfD ist gegen Mietendeckel, Arbeitsrechte & Mindestlohn“. Sie protestierten ohne Sprechchöre und ohne Polizeiabsperrung, vorbei an der Bäder-Dampflok „Molli“ und einem Regenbogen auf dem Pflaster. Rund 150 überwiegend ältere Besucher verfolgten auf Bierbänken die Reden.
Auf der Bühne standen neben Holm der Direktkandidat Thomas de Jesus Fernandes, der mit „Mach dein Kreuz bei Jesus“ wirbt, und die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch. Holm verzichtete auf die scharfen Parolen seiner Parteifreunde: keine „millionenfache Remigration“, kein Geraune über gefälschte Briefwahlen, nur zwei Deutschlandfahnen.
Statt einer Vision versprach er ein halbes Prozent weniger Grunderwerbssteuer – mehr sei beim Landeshaushalt zunächst nicht drin. Radikal wurde Holm dann doch: Seine Forderung nach einer „Rückführungspolizei“ nach dem Vorbild der US-Einwanderungsbehörde ICE brachte den Marktplatz kurz in Wallung; wie Holm eine Spezialeinheit für Abschiebungen fordert, hatte er bereits Ende August in Grimmen erklärt.
Ein bürgerliches Gesicht, ein radikaler Unterbau
Holm, Bundestagsabgeordneter und früherer Radiomoderator, gilt mit dem „Charme eines Sparkassenbeamten“ als bürgerlichster Vertreter seiner Partei. In Bad Doberan wirkte er zwischen Lonsdale-Klamotten und Rockerkutten nach Einschätzung der taz „etwas deplatziert“. Im „WELT Talk Spezial“ sagte er am 10. September über die ausbleibende Einstufung seines Landesverbands:
„Vielleicht arbeiten bei uns die Verfassungsschutzbehörden noch etwas korrekter als anderswo. Aber es ist wichtig. Und insofern freue ich mich auch, dass es so ist.“
Die AfD könne so „Zeichen und Signale setzen: Seht her, das ist eine ganz normale bürgerlich-konservative Partei“, sagte Holm. In Bad Doberan nannte er das Ergebnis von fast 44 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt „ein richtig schönes Erdbeben“ und bezeichnete Ministerpräsidentin Manuela Schwesig als Typ „elender Populist“.
Wer auf Listenplatz zwei steht
Die Recherche der taz über Holms radikale Männer zeichnet nach, wen der Spitzenkandidat in seinem Landesverband gewähren lässt. Auf Platz zwei der Landesliste steht Thore Stein, Agrarwissenschaftler, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion und Schwiegersohn des weit rechten Netzwerkers Gernot Möring, der das Potsdamer „Remigrationstreffen“ initiierte.
Stein gehörte zu Studienzeiten der weit rechten Burschenschaft Raczeks zu Bonn an; ein Foto zeigt ihn 2009 bei einem Treffen des völkischen „Sturmvogels“, der sich bei seiner Gründung als „volkstreu eingestellte Deutsche“ beschrieb. 2022 sprach er im Podcast des Identitären-Projekts „Ein Prozent“ über eine „Renationalisierung“ der Landwirtschaft und erklärte, es gehe ihm um einen „gesunden Menschenschlag“.
In einem internen AfD-Chat aus dem Frühjahr 2026 schrieb Stein, angesichts des Vorgehens der Roten Armee 1945 „verbietet sich jegliche Teilnahme an Siegesfeiern zum 8./9.05“; die sowjetische Armee sei „kein antifaschistischer Befreier“ gewesen. David Jenniches nannte den 8. Mai im selben Chat „unsere katastrophale Niederlage“, Daniel Fiß das Gedenken eine „antideutsche Unterwerfungsveranstaltung“. Fiß, früher in der NPD-Jugend und einst führender Identitärer, arbeitet heute als Referent des Fraktionschefs Enrico Schult.
- Tommy Thormann, Direktkandidat auf Rügen, drohte linken Gegendemonstranten, man werde sie „in Grund und Boden verbieten“, wenn die AfD an die Macht komme.
- Sascha Gläser aus Rostock wurde laut Recherche 2012 wegen eines Banküberfalls in Duisburg verurteilt; die Partei erklärte, nichts von der Vorgeschichte gewusst zu haben, Gläser will das Mandat nicht annehmen.
- Nikolaus Kramer, Schults Vorgänger als Fraktionschef, teilte 2017 ein Foto der SS-Leibstandarte Adolf Hitler mit dem Spruch „Ein schwarzer Block ist nicht grundsätzlich scheiße“ und nennt sich „Remigrationsbeauftragter“.
- Haik Jäger, Polizist und AfD-Kreistagsmitglied, gehörte laut Recherche zum „Nordkreuz“-Netzwerk, das sich auf einen „Tag X“ vorbereitete; Ermittler fanden bei ihm 3.000 Schuss Munition.
- Christoph Grimm, AfD-Bundestagsabgeordneter, verteilte Identitären-Comics an Grundschulen und nannte den 8. Mai „ein Tag der Vernichtung“.
Am deutlichsten zeigt sich für die taz beim Personal, wer im Landesverband das Sagen hat: Dario Seifert, früher in der NPD-Jugend, war zwei Jahre lang für AfD-Ämter gesperrt – auch auf Druck Holms, der ihn aus der Partei werfen wollte. Im Mai 2026 wurde Seifert mit 92 Prozent zum Generalsekretär gewählt; Holm war dagegen machtlos und gilt der Recherche zufolge als „vorzeigbares, aber auch austauschbares Aushängeschild“.
Eine Anfrage der taz zu den genannten Personen ließ Holm unbeantwortet. An anderer Stelle kritisierte er deren Wortwahl teils, erklärte aber, die Betreffenden hätten politische Entwicklungsprozesse durchgemacht.
Von der Ämtersperre zum Wahlkampfabschluss
- Mai 2026Seifert wird Generalsekretär
Der frühere NPD-Jugendfunktionär Dario Seifert wird mit 92 Prozent zum Generalsekretär der AfD Mecklenburg-Vorpommern gewählt – gegen den Willen von Leif-Erik Holm.
- 9. August 2026Holm nennt 43 Prozent als Ziel
Beim Wahlkampfauftakt in Stralsund gibt Holm 43 Prozent als Zielmarke für eine AfD-Alleinregierung aus.
- 10. September 2026Holm freut sich über ausbleibende Einstufung
Im „WELT Talk Spezial“ begrüßt Holm, dass sein Landesverband als einziger in Ostdeutschland nicht als gesichert rechtsextremistisch gilt.
- 13. September 2026Wahlkampfabschluss wird beworben
Die AfD kündigt den „großen Wahlkampfabschluss“ auf dem Marktplatz in Bad Doberan für den 15. September an.
- 15. September 2026Kundgebung mit Gegenprotest
Rund 40 meist junge Menschen protestieren still, rund 150 meist ältere Besucher hören Holm, Fernandes und von Storch zu.
- 16. September 2026Recherche und TV-Duell
Die taz veröffentlicht die Recherche über Holms radikales Umfeld; im NDR treffen Schwesig und Holm im TV-Duell aufeinander.
- 20. September 2026Landtagswahl
In Mecklenburg-Vorpommern wird ein neuer Landtag gewählt.
Von Storch beschimpft die Protestschilder
Beatrix von Storch verwendete in Bad Doberan mehr als sechs ihrer rund 25 Minuten Redezeit darauf, auf einzelne Protestschilder einzugehen. Sie unterstellte den Jugendlichen, nur „gegen uns“ zu sein und keine eigenen Argumente zu haben, und nannte die Schilder einen „intellektuellen Offenbarungseid“.
„Solange der Scheck von Mami und Papi kommt, kann man natürlich gut über die Notwendigkeit einer Energiewende fabulieren und dass wir die Welt retten müssen.“
Später rief sie den Demonstrierenden zu: „Keiner von euch sieht aus, als sei er Arbeiter.“ Zwei Teenagerinnen lösten sich aus der Protestgruppe, stellten sich zu zwei jungen Männern im AfD-Publikum, hielten ihnen Regenbogenherz-Hände vors Gesicht und verschwanden wieder.
Nach der Veranstaltung berichteten die Eltern Maria und Stefan, sie hätten den Reden applaudiert, während ihre Kinder gegen die AfD protestierten. „Es gibt eine krasse Spaltung zwischen Jung und Alt“, sagte Maria; Vater Stefan sagte: „Manchmal fliegen ganz schön die Fetzen.“
Die AfD liegt fünf Tage vor der Wahl vorn
In den Umfragen liegt die AfD fünf Tage vor der Wahl bei 37 Prozent und damit leicht vor der SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die die ZEIT am 17. September mit 32 Prozent führt. Zehn Tage zuvor lag die AfD in der ARD-Vorwahlumfrage zur Landtagswahl in MV bei 38 Prozent. Eine Sperrminorität gilt als sicher, die absolute Mehrheit ist nicht weit entfernt – zumal Grüne, BSW und CDU an der Fünfprozenthürde dümpeln.
Umfragewerte vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
AfD und SPD fünf Tage vor der Wahl
Der Rechtsextremismusexperte und Linkenpolitiker Daniel Trepsdorf nennt die AfD in Mecklenburg-Vorpommern ein „besonders dichtes Sammelbecken gewaltaffiner Rechtsextremisten und dubioser Charaktere“. Das habe System und werde von der Spitze um Holm „wohlwollend begleitet“. Im AfD-Umfeld stört das niemanden: „Ein Prozent“-Leiter Philip Stein sagte nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, es werde „drauf geschissen“, welche Vergangenheit die Leute hätten.
Ein TV-Duell und die offene Machtfrage
Ein Novum ist die direkte Konstellation: Formal ist Holm gar nicht Spitzenkandidat – Platz eins der Landesliste hatte sich Enrico Schult beim Nominierungsparteitag erkämpft, für Holm wurde das Etikett „Ministerpräsidenten-Kandidat“ erfunden. Er tritt ausschließlich im Schweriner Wahlkreis 8 direkt gegen Schwesig an.
Eine so direkte Konfrontation zweier Spitzenkandidaten im selben Wahlkreis gab es bei den vorangegangenen acht Landtagswahlen nicht. In dem TV-Duell zwischen Schwesig und Holm am 16. September warf ihm die Ministerpräsidentin vor, sich mit Menschen wie einem früheren Bankräuber als Landtagskandidaten zu umgeben; Holm wies das als unredlich zurück und erklärte, einzelnen Mitgliedern mit radikaler Vergangenheit müsse zugestanden werden, sich „geläutert“ zu haben.
Schwesig sagte, sie sei gesprächsbereit gegenüber allen demokratischen Parteien – die AfD zählte sie ausdrücklich nicht dazu. „Niemals darf unser Land in die Hände von Extremisten fallen“, sagte sie mit Blick auf die Wahl am 20. September.
Am 20. September entscheidet sich, ob die AfD mehr als eine Sperrminorität im Schweriner Landtag erreicht; Holm hat 43 Prozent als Zielmarke für eine Alleinregierung ausgegeben. Offen ist auch, wer im Landesverband künftig das Sagen hat – der bürgerlich auftretende Spitzenkandidat oder die radikalen Männer hinter ihm.
