Ein Einfamilienhaus mit 20.000 Kilowattstunden Gasverbrauch zahlt in diesem Winter rund 280 Euro mehr fürs Heizen als vor einem Jahr. Der durchschnittliche Gaspreis liegt nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox bei 12,52 Cent je Kilowattstunde, vor einem Jahr waren es 11,14 Cent – rund zwölf Prozent mehr.
Auslöser ist der seit Februar 2026 andauernde Iran-Krieg. Er hat Lieferausfälle und Preissteigerungen auf den Weltenergiemärkten ausgelöst, weil die Straße von Hormus faktisch blockiert ist. Die Folgen erreichen die Verbraucher wenige Wochen vor Beginn der Heizperiode 2026/27.
Das Statistische Bundesamt weist für August 2026 eine Teuerung der Energieprodukte um 10,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat aus – der stärkste Anstieg seit über drei Jahren. Verivox erwartet Gaspreiserhöhungen zwischen 10 und 20 Prozent zum Jahreswechsel. Wie der Staat gegensteuern soll, ist zwischen SPD und CDU strittig.
Was hinter den 10,5 Prozent steckt
Die Inflationsrate lag im August 2026 bei 2,9 Prozent, nach 2,8 Prozent im Juli und 2,3 Prozent im Juni. Die Preise für Energieprodukte insgesamt lagen um 10,5 Prozent über dem August 2025; im Juli waren es 8,3 Prozent, im Juni 3,4 Prozent. Den letzten höheren Wert gab es im Februar 2023 mit 19,1 Prozent.
Destatis-Präsidentin Ruth Brand sagte, auch im August seien gestiegene Energiepreise hauptverantwortlich für die Gesamtteuerung gewesen. Besonders deutlich zeige sich die „vor allem durch den Iran-Krieg verursachte“ Teuerung bei den Kraftstoffen, die um 27,7 Prozent zulegten. Leichtes Heizöl verteuerte sich um 49,6 Prozent.
Die Haushaltsenergie insgesamt aber war im August 2026 um 0,7 Prozent günstiger als ein Jahr zuvor. Strom verbilligte sich um 5,5 Prozent, Erdgas einschließlich Betriebskosten um 2,9 Prozent, Fernwärme um 1,0 Prozent. Destatis führt das teils auf die seit Jahresbeginn umgesetzten Entlastungen der Bundesregierung zurück.
Der Widerspruch zu den 10,5 Prozent erklärt sich dadurch, dass leichtes Heizöl nur einen geringen Anteil an den Konsumausgaben für Haushaltsenergie hat. Die 10,5 Prozent beziehen sich auf alle Energieprodukte, nicht auf die durchschnittliche Heizrechnung.
Energiepreise im August 2026 im Vorjahresvergleich
Veränderung in Prozent gegenüber August 2025
Erzeuger und Großhandel ziehen stärker an
Auf der Erzeugerstufe sind die Ausschläge größer. Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte lagen im August 2026 um 4,6 Prozent über dem Vorjahresmonat – der höchste Wert seit April 2023, wie die Destatis-Pressemitteilung zu den Erzeugerpreisen ausweist. Gegenüber Juli zogen sie um 1,1 Prozent an.
Haupttreiber war die Energie mit plus 8,3 Prozent. Mineralölerzeugnisse verteuerten sich um 40,5 Prozent, Rohbenzin (Naphtha) um 44,4 Prozent, leichtes Heizöl um 65,3 Prozent und Kraftstoffe um 37,7 Prozent. Erdgas in der Verteilung kostete 7,5 Prozent mehr, Strom 1,7 Prozent; Fernwärme war 0,5 Prozent günstiger.
Auch Vorleistungsgüter wurden teurer, um 6,1 Prozent, getrieben von Metallen mit plus 14,8 Prozent. Pellets, Briketts und Scheite schlugen mit 36,6 Prozent zu. Als Ursache nennt das Bundesamt ausdrücklich die „Kriegshandlungen im Iran und Nahen Osten“. Die Großhandelspreise lagen 6,8 Prozent über dem Vorjahr – vor allem wegen Mineralölerzeugnissen (+36,1) und Nichteisen-Metallen (+27,4).
Gaspreis erreicht höchsten Stand seit 2022
Am Markt fallen die Ausschläge noch größer aus. Der richtungsweisende TTF-Erdgasterminkontrakt für die Lieferung in einem Monat erreichte an der Börse Amsterdam in der Woche vor dem 18. September zeitweise 83,75 Euro je Megawattstunde – der höchste Stand seit Ende 2022. 2026 hat sich der Preis fast verdreifacht; Mitte September 2025 lag er unter 32 Euro.
Anlass war unter anderem, dass ein für Montag, den 14. September, in Oman geplantes Treffen zwischen Iran und mehreren Golfstaaten zur Straße von Hormus kurzfristig verschoben wurde. Brent-Rohöl kostete zu Wochenbeginn rund 108 US-Dollar je Barrel, etwa 60 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Auch der Strom-Großhandelspreis reagierte: Zu Wochenbeginn kostete Strom in Deutschland mehr als 256 Euro je Megawattstunde, am Montagabend erreichte er laut dem Anbieter 1KOMMA5° in der Spitze rund 740 Euro – knapp unter dem Jahresrekord von 747 Euro Ende Juni. Im September lag der Börsenstrompreis im Schnitt bei 147 Euro, rund 75 Prozent über dem Vorjahr, weil steigende Nachfrage über teurere Gaskraftwerke gedeckt wird.
Vom Kriegsbeginn zum Preisrekord
- Februar 2026Iran-Krieg beginnt
Öl- und Gasmengen verknappen sich weltweit, die Straße von Hormus wird faktisch blockiert.
- 10. September 2026Destatis meldet 10,5 Prozent Energiepreis-Plus
Die Inflationsrate liegt bei 2,9 Prozent; die Energieprodukte verteuern sich so stark wie seit über drei Jahren nicht.
- 12./13. September 2026Verivox warnt vor Gaspreiserhöhungen
Das Portal erwartet für Privathaushalte 10 bis 20 Prozent mehr zum Jahreswechsel.
- 14. September 2026Gaspreis springt auf 83,75 Euro
Der TTF-Kontrakt erreicht den höchsten Stand seit Ende 2022; Brent kostet rund 108 US-Dollar je Barrel.
- 18. September 2026Erzeugerpreise steigen um 4,6 Prozent
Leichtes Heizöl wird im Inland 65,3 Prozent teurer als im Vorjahr.
Was auf Gas- und Ölkunden zukommt
Hinter der Prognose von 10 bis 20 Prozent steht die Erwartung, dass stark gestiegene Großhandelspreise, niedrige Speicherfüllstände und der bevorstehende Winter zusammenwirken. Besonders schnell schlagen die Kosten bei Neukunden durch: Deren Tarife sind seit Februar um über ein Drittel gestiegen. Bestandskunden reagieren langsamer, würden aber früher oder später ebenfalls steigen, so Verivox-Energieexperte Thorsten Storck.
„Wer ein Einfamilienhaus mit 20.000 kWh beheizt, zahlt nun rund 280 Euro mehr.“
Beim Heizöl kosteten 100 Liter im September 2026 im Schnitt 156 Euro – nach 93 Euro im Vorjahr, ein Plus von 68 Prozent. Ein Vierpersonenhaushalt mit 2.000 Litern Jahresverbrauch zahlte beim Tanken 3.120 Euro statt 1.860 Euro. Energieexperten raten Verbrauchern mit Ölheizung, mit der Bestellung nicht zu lange auf sinkende Preise zu warten.
Der Anbieter 1KOMMA5° hält im schlimmsten Fall Gaspreise von mehr als 15 Cent je Kilowattstunde für möglich. Die Beschaffungskosten machen rund 50 Prozent des Endkundenpreises aus.
Beim Strom sind die festen Tarife bislang stabil: Der durchschnittliche Haushaltspreis lag im September 2026 bei 32,29 Cent je Kilowattstunde und damit rund zwei Cent unter dem Vorjahreswert von 34,63 Cent. Die höheren Öl- und Gaskosten sind hier noch nicht durchgeschlagen. RWE-Chef Markus Krebber erwartet, dass die Erzeugungskosten durch den Zubau von Erneuerbaren und Backup-Kraftwerken in den kommenden Jahren sinken und die Preise stabil bleiben.
Leere Speicher, offener Streit über Entlastungen
Die deutschen Gasspeicher sind vor dem Winter ungewöhnlich niedrig gefüllt. Der Präsident der Bundesnetzagentur hält die Speichervorgabe zum 1. November nicht mehr für erreichbar. In Österreich waren die Speicher zuletzt zu knapp 67 Prozent gefüllt.
Die Bundesregierung will Händler stärker zum Einlagern bewegen. Mit Reiches Vorstoß für höhere Ausschreibungen sollen mehr Gasmengen in die Speicher kommen; der wachsende Wettbewerb um LNG-Lieferungen erhöht den Druck.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten 2025 rund 3,8 Millionen Menschen in Haushalten, die mit Strom- und Gasrechnungen im Zahlungsverzug waren – das sind 4,6 Prozent der Bevölkerung, nach 5,0 Prozent im Vorjahr. Zugleich stiegen die Preise für Wohnungsnebenkosten wie Wasser, Müllabfuhr und Gebäudereinigung im August 2026 um 3,1 Prozent.
Die Bundesregierung plant angesichts der hohen Spritpreise kurzfristige Entlastungen, die genaue Ausgestaltung ist offen. Diskutiert werden eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe, eine erneute Absenkung der Energiesteuer („Tankrabatt“) sowie eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne, die SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil fordert und CDU und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ablehnen. Der Streit über Entlastungen beim Tanken ist bislang unentschieden.
CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann nannte erstmals konkrete Größenordnungen von 21 bis 25 Cent je Liter und einen Zeitplan: Anfang Oktober. Der Streit über den richtigen Weg ist damit nicht entschieden – und die Heizperiode beginnt, bevor die Koalition ihn entschieden hat.
