Deutschlands größter Gasspeicher steht fast leer – und Betreiber ist der Staat selbst. Rehden in Niedersachsen, rund ein Fünftel der deutschen Speicherkapazität, ist zu weniger als zehn Prozent gefüllt und belegt damit bundesweit den drittletzten Platz.
Bundesweit sind die Gasspeicher so leer wie nie zu dieser Jahreszeit: Am 16. September lag der Füllstand bei rund 56 Prozent. Vorgeschrieben sind zum 1. November 80 Prozent für Kavernenspeicher und 45 Prozent für langsame Porenspeicher wie Rehden, woraus ein Gesamtziel von etwa 70 Prozent folgt.
Der Streit dahinter: Wer trägt die Kosten der Vorsorge – Markt, Staat oder Staatsunternehmen? Sefe, zu 100 Prozent in Bundesbesitz, bestätigte am 16. September erstmals öffentlich, zusätzlich Gas zu kaufen, und nennt es eine „eigenständige kommerzielle Geschäftsentscheidung“ ohne Anweisung des Bundeswirtschaftsministeriums. Zwei Tage später berichtete WELT, der Bund habe genau das angeordnet.
Der drittletzte Platz im Land
Sefe verweist auf der eigenen Website darauf, der Rehdener Porenspeicher verfüge über rund ein Fünftel der gesamten deutschen Speicherkapazität und leiste damit einen nachhaltigen Beitrag zur Versorgungssicherheit. Laut Reuters betreibt Sefe rund ein Viertel der deutschen Speicherkapazität.
Die von Sefe betriebenen Speicher kommen zusammen auf rund 34 Prozent – deutlich weniger als der Bundesdurchschnitt. Auch der von Uniper betriebene Speicher Breitbrunn in Bayern steht mit etwa zehn Prozent schlecht da. Ein Teil der deutschen Speicher ist dagegen bereits zu mehr als 70 Prozent gefüllt.
Füllstände in Prozent – von Rehden bis zur gesetzlichen Vorgabe
Füllstand der deutschen Gasspeicher am 16. September 2026 im Vergleich mit den Vorgaben zum 1. November
Gefüllt wird trotzdem kaum. Wegen des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus sind die Preise auch im Sommer extrem hoch: Der europäische Terminkontrakt TTF notierte Mitte September über 83 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Ende 2022.
Nach Rechnung der Initiative Energien Speichern verliert, wer heute einspeichert, rund 3,14 Euro je Megawattstunde – der sogenannte Sommer-Winter-Spread ist negativ. Einspeichern ist also ein Verlustgeschäft.
Vom Treuhänder zum Staatskonzern
Nach Russlands Vollinvasion in die Ukraine übernahm die Bundesnetzagentur im April 2022 die deutsche Gazprom-Tochter treuhänderisch. Nur Monate später, im November 2022, folgte die Verstaatlichung, um eine Insolvenz zu verhindern, die die Versorgungssicherheit gefährdet hätte. Seither heißt das Unternehmen Sefe – „Securing Energy for Europe“.
Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass durch die Übertragung der deutschen Tochter an ein Moskauer Unternehmen und die anschließend geplante Liquidierung die Gasversorgung in Deutschland bewusst sabotiert werden sollte.
Von der Treuhand zur Anweisung
- April 2022Treuhand für Gazprom Germania
Die Bundesnetzagentur übernimmt die deutsche Gazprom-Tochter treuhänderisch.
- November 2022Verstaatlichung und neuer Name
Der Bund übernimmt das Unternehmen ganz, um eine Insolvenz zu verhindern. Es heißt nun Sefe.
- 13. Juli 2026Taskforce sieht keinen Alarmismus
Bei einem Füllstand unter 45 Prozent konstatiert die Taskforce Energieversorgungssicherheit laut Protokoll ein Preis-, aber kein Mengenproblem.
- 8./9. September 2026Tiefster Septemberwert seit Aufzeichnungsbeginn
Der Speicherverband INES meldet rund 53 Prozent Füllstand.
- 15./16. September 2026Sefe bestätigt Gaskäufe
Reiche stockt die LTO-Ausschreibung auf, Sefe erklärt öffentlich eigene Gaseinkäufe ohne Weisung.
- 18. September 2026Bericht über eine Anweisung
WELT meldet, der Bund habe Sefe angewiesen, die Füllstände zu erhöhen – der erste Markteingriff des Jahres.
Reiche setzt auf Anreize statt Staatseinkauf
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lehnt einen staatlichen Gaseinkauf wie 2022 ab. Noch eine Woche vor der Berichterstattung sagte sie im Bundestag: „Aber der Staat darf nicht selbst zum Preistreiber werden. Sonst sind hohe Energiepreise das Ergebnis, und unsere Wirtschaft wird noch mehr belastet.“
Stattdessen will sie die für den Herbst geplante Ausschreibung sogenannter Long Term Options aufstocken. Dabei reserviert der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe bei Händlern Gasmengen für einen späteren Bedarfsfall und zahlt dafür eine Vergütung; wird die Option gezogen, müssen die Händler liefern.
Laut „Tichys Einblick“ wollte Reiches Ministerium bis zum 21. September klären, ob die Ausschreibungen genutzt und erhöht werden – einen Tag nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
Sefe erklärte, die Befüllung sei für das Unternehmen vorteilhaft: „Profitabilität und Versorgungssicherheit schließen sich daher nicht aus, sondern sind auch mit Blick auf die anstehende Privatisierung gleichermaßen von wesentlicher Bedeutung.“ Uniper teilte mit, man entscheide allein auf Basis wirtschaftlicher Kriterien. Der Staatskonzern will nach eigener Darstellung zusätzlich Gas befüllen.
Anweisung oder Zufall?
Am 18. September meldete WELT unter Berufung auf eigene Informationen, der Bund habe Sefe zum Erhöhen der Speicherfüllstände angewiesen. „Tichys Einblick“ berichtete ebenfalls, Reiche habe Sefe hinter den Kulissen zum Gaskauf angehalten, möglichst „in kleinen Schritten“, damit der Markt nicht aufschreckt.
Staatssekretär Frank Wetzel hatte auf dem VKU-Stadtwerkekongress dagegen jede Steuerung bestritten – und zugleich an die Branche appelliert, die 70 Prozent zu erreichen. Der Widerspruch zwischen Beteuerung und Bericht steht damit im Zentrum des Falls.
„Es gibt keine Weisungen des Bundes.“
Intern sah das Haus lange keinen Anlass zum Handeln. Protokolle, die der „Spiegel“ auswertete, zeigen: Die Taskforce Energieversorgungssicherheit hielt am 13. Juli 2026 bei damals unter 45 Prozent Füllstand „kein Grund für Alarmismus“ fest. Nach der Sitzung unternahm das Ministerium nach diesen Angaben nichts.
Der Vertreter des Finanzministeriums hielt damals dagegen, auch die Menge sei ein Problem. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) drängt seit Juni auf abgestimmte Gaseinkäufe und stellte öffentlich klar: „Das ist die Zuständigkeit der Wirtschaftsministerin.“
Was der Winter kostet
Die gesetzlichen Marken gelten in der Bundesnetzagentur als verloren. Präsident Klaus Müller sagte im Sender Phoenix, ein Füllstand von 80 Prozent sei „schon technisch fast nicht mehr zu schaffen“, und hielt auch die Marke selbst für nicht realistisch. Er verwies auf vier LNG-Terminals und Lieferungen aus Norwegen, Belgien, Holland und Frankreich.
Der Speicherverband INES hält bis zum 1. November höchstens rund 77 Prozent für erreichbar. Das reicht bei normalen Wintertemperaturen, nicht aber bei extremer Kälte wie 2010 – dann drohen laut Modellrechnungen schon im Januar Unterdeckungen. Eine strategische Reserve ist erst für 2027/28 geplant.
Die Rechnung kommt bei den Kunden an: Ein neuer Gasvertrag kostete Mitte September nach Verivox-Daten elf Cent je Kilowattstunde, im Februar waren es 8,2 Cent; Verbraucherschützer halten Preiserhöhungen von zehn bis 20 Prozent für möglich. Der Preis für 100 Liter Heizöl stieg seit Januar von unter 100 auf rund 179 Euro. Eine neue Umlage der Verbraucher für die Gasreserve soll es diesmal nicht geben – die Kosten tragen aus Sicht des Bundes die Unternehmen.
Für den Energie-Experten Georg Zachmann von der Denkfabrik Bruegel ist Sefes Zögern nachvollziehbar: „Auch ein Staatsunternehmen darf nicht ohne expliziten Auftrag eigenmächtig riskieren, Hunderte Millionen Euro zu verbrennen, um unwirtschaftlich Gas zu bunkern.“
Der ICIS-Chefanalyst Andreas Schröder sieht dagegen eine Taktik: Dem Betreiber Sefe und den Haltern der Rehdener Kapazitäten könne man vorwerfen, dass sie auf staatliches Eingreifen spekuliert haben. Offen bleibt, ob Reiche bis zum 1. November doch noch förmlich eingreift – oder ob es bei Zusagen bleibt, deren Kosten niemand offenlegt.
