Max Privorozki: AfD ist nicht die größte Bedrohung für Juden
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Sachsen-Anhalt

Max Privorozki: AfD ist nicht die größte Bedrohung für Juden

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle sagt, eine AfD-Regierung mache ihm keine Angst – und nennt zugleich Antisemitismus von links und in migrantischen Milieus als größere Gefahr.

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Zwei Wochen nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt und wenige Tage vor Jom Kippur sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, eine AfD-Regierung mache ihm keine Angst. Seine Sorge gilt dem Antisemitismus in der Gesellschaft – und einer Partei, die den Nationalsozialismus aus dem Geschichtsunterricht zurückdrängen will.

Max Privorozki führt die Gemeinde seit 1999 und sitzt im Vorstand des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt. Wie er die Lage einschätzt, ist in den zentralen Aussagen des Gemeindevorsitzenden nachzulesen – das Interview mit der Sächsischen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung erschien am 18. September 2026.

Die Redaktionen konfrontierten ihn mit einem Satz aus dem Bundestagswahlprogramm der AfD: Jüdisches Leben werde in Deutschland „vorwiegend von juden- und israelfeindlichen Muslimen“ bedroht. Privorozki wies die pauschale Zuschreibung zurück. Gefragt, ob er unter einer AfD-Regierung einen Freiheitsverlust fürchte, sagte er:

Mir macht die mögliche AfD-Regierung keine Angst. Ich will erst einmal abwarten, was die Partei tatsächlich umsetzen würde.
Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle

Kritik an der pauschalen Zuschreibung

Privorozki unterscheidet zwischen Religion und Ideologie. „Die Religion Islam und die Ideologie des Islamismus sollte man nicht vermischen. Auch Juden und Christen können Extremisten sein“, sagte er. Eine pauschale Schuldzuweisung an Muslime lehnt er damit ab.

Zugleich räumt er spürbare Folgen islamistischen Gedankenguts ein: „Die Auswirkungen von islamistischem Gedankengut sind für uns derzeit besonders spürbar: Kinder aus der Gemeinde kommen weinend nach Hause. Sie werden in der Schule gemobbt, weil sie Juden sind.“

In einigen Hallenser Stadtteilen mit hohem migrantischen Anteil würde er „auf keinen Fall“ eine Kippa tragen. Die Jüdische Gemeinde Halle zählt mehrere Hundert Mitglieder.

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Antisemitismus kommt massiv von links

Die AfD nannte Privorozki nicht die größte Gefahr für jüdisches Leben. In der Partei gebe es „definitiv Antisemiten“, sagte er – und verortete die eigentliche Bedrohung an anderer Stelle:

In der AfD gibt es definitiv Antisemiten. Aber die AfD ist nicht die größte Bedrohung für jüdisches Leben.
Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle

„Seit dem 7. Oktober 2023 kommt Antisemitismus auch massiv von links. Er hat in Universitäten und in Teilen der Linkspartei Einzug gehalten. Die könnte bald in Berlin eine Regierung anführen“, sagte Privorozki.

Für die Wählerinnen und Wähler der AfD zeigte er Verständnis: „Ich verstehe die Menschen, die die AfD wählen. Wohin man nur schaut, scheint das Land nicht zu funktionieren, in den Krankenhäusern, Schulen und bei der Bahn.“ Er glaube aber nicht, dass die AfD diese Probleme löse – die Zustimmung werde deshalb wieder zurückgehen.

Die Debatte über Antisemitismus reicht bis in die Bundespolitik: Merz' Warnung vor Antisemitismus als Ausländerfeindlichkeit fiel drei Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl.

Geschichtspolitik nennt er den gefährlichsten Punkt

Als eigentlich beunruhigend an den AfD-Plänen bezeichnete Privorozki deren Geschichtspolitik, die den Anteil des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht verringern will. „Natürlich gibt es mehr als die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945, aber es gab auch nicht in vielen Ländern eine solche Schreckensherrschaft. Und in keinem anderen Land haben Juden so gelitten wie in Deutschland“, sagte er.

Weitere Gewalt koppelt er nicht an die Partei: Die AfD sei ihm „bisher nicht mit Gewaltandrohungen gegen Religionsgruppen aufgefallen“, sagte Privorozki. Zugleich verwies er auf den Anschlag von 2019: „Womöglich gibt es immer noch Menschen, die die Tat von damals wiederholen möchten.“

Jom Kippur, Jahrestag und offene Regierungsbildung

Am 9. Oktober 2019 versuchte ein rechtsextremer Attentäter an Jom Kippur, in die Synagoge von Halle zu gelangen, und tötete zwei Menschen; 2020 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Noch heute erreichten die Gemeinde Nachrichten im Namen des Täters: „Der Attentäter von damals wurde 2020 zu lebenslanger Haft verurteilt, doch noch immer hinterlassen uns Menschen im Internet Nachrichten in seinem Namen: Er werde wiederkommen, in die Richtung geht das“, sagte Privorozki. An jedem Jom Kippur erinnert die Gemeinde mit einem besonderen Gebet an den Tag – „Am Montag werden wir es wieder sprechen.“

Vom Anschlag von Halle zur Regierungsbildung 2026

  1. 9. Oktober 2019
    Attentat an Jom Kippur

    Ein rechtsextremer Attentäter versucht, in die Synagoge von Halle zu gelangen, und tötet zwei Menschen. Max Privorozki ist im Gebetshaus.

  2. 2020
    Lebenslange Haft

    Der Täter von Halle wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

  3. 6. September 2026
    AfD wird stärkste Kraft

    Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kommt die AfD auf 43,8 Prozent und 39 von 83 Sitzen, das BSW auf 5,3 Prozent.

  4. 18. September 2026
    Interview erscheint

    Die Sächsische Zeitung und die Leipziger Volkszeitung veröffentlichen das Gespräch mit Privorozki.

  5. 21. September 2026
    Jom Kippur

    Die Jüdische Gemeinde Halle gedenkt des Anschlags von 2019 mit einem besonderen Gebet.

  6. 6. Oktober 2026
    Neuer Landtag tritt zusammen

    Für diesen Tag ist die konstituierende Sitzung des Landtags von Sachsen-Anhalt geplant.

  7. November 2026
    AfD plant Ministerpräsidenten-Wahl

    Nach MDR-Informationen will die AfD-Fraktion ihren Chef Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten wählen lassen; das BSW schließt eine Koalition mit der AfD aus.

Die Aussagen fallen in eine offene Regierungsbildung. Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 wurde die AfD mit 43,8 Prozent stärkste Kraft und stellt 39 der 83 Landtagsabgeordneten; das BSW kam auf 5,3 Prozent. Nach dem Zeitplan für die Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt strebt die AfD die Wahl ihres Fraktionschefs Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten noch im November an; BSW-Chefin Amira Mohamed Ali schloss eine Koalition mit der AfD aus.

Schon vor der Wahl hatte Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir vor einem AfD-Ministerpräsidenten als Sicherheitsrisiko gewarnt. Das amtliche Endergebnis will der Landeswahlausschuss am 22. September feststellen, der neue Landtag tritt am 6. Oktober zusammen. Ob die AfD im November tatsächlich einen Ministerpräsidenten zur Wahl stellt, ist nicht entschieden – und ob das für die Jüdische Gemeinde Halle etwas ändert, ebenfalls nicht. Privorozki will abwarten, was die Partei umsetzt.