Merz nennt Antisemitismus die perfideste Ausländerfeindlichkeit
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Berliner CDU-Wahlkampf

Merz nennt Antisemitismus die perfideste Ausländerfeindlichkeit

Drei Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl nennt Bundeskanzler Merz Antisemitismus die „perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“ und verbindet das mit schärferer Migrationspolitik. Die taz wirft ihm vor, Jüdinnen und Juden damit zu Fremden zu machen.

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Antisemitismus sei „die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“. Mit diesem Satz hat Bundeskanzler Friedrich Merz am Donnerstagabend den Berliner CDU-Wahlkampf beendet – und eine Debatte über seine Wortwahl ausgelöst.

Der Auftritt am 17. September 2026 im Konrad-Adenauer-Haus, der Bundesgeschäftsstelle der Partei, war Merz' erster und einziger im Berliner Wahlkampf. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Extremisten von der Macht fernhalten“ und war zunächst intern geplant; erst am Veranstaltungstag wurde ein öffentlicher YouTube-Stream eingerichtet, dem laut taz rund 175 Zuschauer folgten.

Der Kanzler sagte, er hätte nicht für möglich gehalten, dass deutsche Staatsbürger, Jüdinnen und Juden sowie israelische Staatsbürger wieder Ziel von Angriffen von Teilen der Gesellschaft werden. „Wir dürfen das nicht dulden, dass in Deutschland oder in Berlin Ausländerkriminalität, Judenhass an der Tagesordnung sind. Dieses Land muss sich dagegen wehren“, sagte Merz – laut dem Spiegel-Bericht über den Wahlkampfabschluss.

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Einwanderungsland ja – Sozialstaat nein

Merz verband den Kampf gegen Antisemitismus mit seiner Migrationspolitik. Deutschland sei und bleibe ein Einwanderungsland: „Wir brauchen diese Menschen in Deutschland, die in unserem Arbeitsmarkt heute schon unverzichtbar sind.“ Kein Krankenhaus, kein Altenheim, keine Baustelle, keine Gaststätte und kein Hotel funktioniere ohne die Einwanderer, die hier lebten, arbeiteten und integriert seien.

Zugleich betonte er, Deutschland wolle keine Einwanderung in die sozialen Sicherungssysteme: „Und diejenigen, die sich an die Regeln nicht halten, ja, die müssen das Land auch verlassen.“ Ausdrücklich lobte er Innenminister Alexander Dobrindt für eine „fundamentale Korrektur“ der Einwanderungspolitik.

Evers macht Judenhass zum Wahlkampfthema

Die Rede war eingebettet in die zentrale Strategie der Berliner CDU. Spitzenkandidat Stefan Evers wirft der Linken seit Wochen vor, Antisemitismus in den eigenen Reihen zu dulden. Beim gemeinsamen Auftritt sagte er: „Diese Stadt der Freiheit darf nicht in die Hände von Extremisten, von extremen politischen Parteien fallen, von Parteien, die Judenhass offen in ihren Reihen dulden.“

Die CDU unterscheide sich von „denen, die nichts kennen als Spaltung: Sei es Vermieterfeindlichkeit oder Judenfeindlichkeit“, sagte Evers. Hintergrund ist der Streit um einen Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Linken-Wahlkampfveranstaltung in Berlin-Neukölln, der laut Berichten „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ skandiert haben soll. Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp zeigte sich „entsetzt“, vermied aber das Wort Antisemitismus.

Der Zentralrat der Juden hatte die Linke schon nach ihrem Parteitag im Juni scharf kritisiert; Präsident Josef Schuster nannte die Partei für Jüdinnen und Juden „unwählbar“. Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, forderte von SPD und Grünen eine klare Absage an eine Koalition mit der Linken.

Wie der Streit über Antisemitismus den Berliner Wahlkampf prägte

  1. Juni 2026
    Zentralrat nennt die Linke „unwählbar“

    Nach dem Parteitag der Linken kritisiert Präsident Josef Schuster die Partei scharf: Für Jüdinnen und Juden sei sie nicht wählbar.

  2. Juli 2026
    Evers ersetzt Wegner als Spitzenkandidat

    Nach Kritik am Krisenmanagement beim Stromausfall im Januar verzichtet Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner auf die Spitzenkandidatur; Finanzsenator Evers übernimmt.

  3. August 2026
    Auftritt des Rappers Dahabflex in Neukölln

    Bei einer Linken-Wahlkampfveranstaltung soll er „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ skandiert haben.

  4. 15. September 2026
    77. Jahrestag von Adenauers Amtsantritt

    Merz nimmt das Datum in seiner Rede zum Anlass für einen historischen Vergleich.

  5. 17. September 2026
    Merz beendet den Berliner Wahlkampf

    Im Konrad-Adenauer-Haus nennt der Kanzler Antisemitismus die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit.

  6. 20. September 2026
    Wahl zum Abgeordnetenhaus

    In Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern wird gewählt.

Kritik: Juden werden zu Fremden gemacht

Der Satz des Kanzlers stieß auf scharfe Kritik. In dem taz-Kommentar zu Merz' umstrittener Formulierung schreibt die Inland-Ressortleiterin Dinah Riese, wer Antisemitismus als Ausländerfeindlichkeit bezeichne, mache Jüdinnen und Juden zu Fremden – ein Fremdmachen, das die Wissenschaft „Othering“ nennt.

Wer Antisemitismus als „Ausländerfeindlichkeit“ bezeichnet, sagt damit, ob nun absichtlich oder nicht: Jüdinnen und Juden in Deutschland sind anders. Die sind hier „fremd“.
Dinah Riese, Ressortleiterin Inland der taz

Riese sieht durch Merz' Wortwahl zudem eine „Hierarchie der Menschenfeindlichkeit“ eröffnet. Die Frankfurter Rundschau nannte die Formulierung „verunglückt“. Der Blog Apollo News deutete an, für einen Moment habe es so geklungen, als könnten Juden für den Kanzler keine Deutschen sein.

Adenauer-Vergleich und ein Satz zur Ukraine

Merz nutzte den Auftritt auch für eine grundsätzliche Begründung seines Reformkurses. Er verglich seine Regierungszeit indirekt mit dem Amtsantritt Konrad Adenauers, der sich am 15. September zum 77. Mal jährte: „Auch damals war die Zeit nicht einfach. Es gab erhebliche Widerstände.“ Er zitierte Adenauers „Ich wähle die Freiheit“.

Mit Blick auf die Ukraine sagte er: „Wer heute meint, die Ukraine in ihrem Kampf um die Freiheit aufzugeben, der hat morgen die Freiheit in ganz Europa aufgegeben“ – eine Spitze gegen Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Zur Wirtschaft erklärte Merz: „Wir sind auf dem Weg raus aus der Krise“, und nannte für 2026 ein Wachstum von rund 1,3 Prozent.

Außenpolitisch sagte der Kanzler, die Zeit der „unbedingten transatlantischen Freundschaft“ mit den USA sei wahrscheinlich für längere Zeit vorbei – das Ende der unbedingten Freundschaft mit den USA. Er berichtete, gelegentlich mit der S-Bahn zum Kanzleramt zu fahren und am Pariser Platz auszusteigen.

Kopf-an-Kopf-Rennen und die Kanzlerfrage

Die Veranstaltung fiel in eine Phase erheblicher innerparteilicher Anspannung. Seit Tagen wurde über einen möglichen Kanzlersturz spekuliert; die acht CDU-Ministerpräsidenten stellten sich in einem offenen Brief hinter Merz. In Mecklenburg-Vorpommern bangte die CDU mit sechs Prozent um den Einzug in den Landtag. Für den Wahlabend will Merz das CDU-Präsidium ins Konrad-Adenauer-Haus laden – Merz lässt das CDU-Präsidium entscheiden.

Kopf-an-Kopf-Rennen in Berlin drei Tage vor der Wahl

Sonntagsfrage zur Wahl zum Abgeordnetenhaus

Quelle: Forschungsgruppe Wahlen, September 2026

In Berlin lieferten sich CDU und Linke laut Forschungsgruppe Wahlen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Sonntag fällt die Entscheidung, ob Evers' Strategie aufgeht – und ob der Satz des Kanzlers der CDU am Ende nützt oder schadet.