Merz: Ära unbedingter Freundschaft mit den USA ist vorbei
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Transatlantik

Merz: Ära unbedingter Freundschaft mit den USA ist vorbei

Drei Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl sagt Bundeskanzler Merz beim CDU-Wahlkampfabschluss, die Zeit der unbedingten transatlantischen Freundschaft sei wahrscheinlich vorbei – und stellt sich damit offen gegen US-Präsident Donald Trump.

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Drei Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat Bundeskanzler Friedrich Merz das Fundament der deutschen Außenpolitik infrage gestellt. Beim Wahlkampfabschluss der Berliner CDU im Konrad-Adenauer-Haus sagte er am Donnerstagabend, die Zeit der unbedingten transatlantischen Freundschaft sei wahrscheinlich vorbei. Der dpa zufolge gilt das nach Merz' Einschätzung „für längere Zeit".

Der Auftritt in der Parteizentrale, die den Namen des ersten CDU-Kanzlers trägt, war der letzte große Termin vor der Wahl am 20. September; an Merz' Seite stand Spitzenkandidat Stefan Evers. Ursprünglich war der Wahlkampfabschluss intern geplant, erst am Veranstaltungstag lief ein öffentlicher YouTube-Stream, dem laut der taz-Berichterstattung vom CDU-Wahlkampfabschluss rund 175 Zuschauer folgten.

Den Einschnitt begründete Merz mit einem Wandel jenseits des Atlantiks. Man sehe „eine Veränderung der politischen Haltung, eine Veränderung auch der Einschätzung des transatlantischen Bündnisses, die wir so möglicherweise nicht für möglich gehalten haben". Internationale Agenturen trugen den Satz noch am selben Abend als Ende einer Ära weiter.

Die Zeit der unbedingten transatlantischen Freundschaft ist wahrscheinlich vorbei.
Friedrich Merz, Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender

Das Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump gilt seit Monaten als beschädigt: Merz hatte das amerikanische Vorgehen im Iran-Krieg öffentlich kritisiert, hinzu kommen anhaltende Zollkonflikte. Nach dem Tagesspiegel-Bericht über die veränderten US-Beziehungen beschreibt der Kanzler die Entfremdung nicht als deutschen Rückzug, sondern als Folge einer amerikanischen Neuausrichtung.

Was den Bruch ausgelöst hat

Die Vorgeschichte reicht bis in den April 2026 zurück. Damals sagte Merz vor Schülern, die US-Unterhändler zur Beendigung des Iran-Kriegs würden „gedemütigt". Trump kündigte daraufhin den Abzug von rund 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an. Die Zollkonflikte zwischen Berlin und Washington blieben ungelöst.

Anfang September folgte die nächste Eskalation: Trump feierte den AfD-Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt öffentlich als „MGGA". Merz sagte ein geplantes Telefonat kurzfristig ab – der abgesagte Anruf bei Trump nach dem AfD-Jubel. Zehn Tage später stand er in Berlin und sprach vom Ende einer Ära.

Auch die eigene Reise fiel dem Terminplan zum Opfer. Am 16. September sagte Merz seinen Auftritt bei der UN-Generalversammlung in New York ab; Regierungsvertreter begründeten dies mit seiner Präsenzpflicht in Berlin – warum Wadephul die deutsche UN-Rede hielt. Einen Tag später trat er im Adenauer-Haus auf.

Von der „gedemütigt"-Bemerkung zum Ende der Freundschaft

  1. April 2026
    Merz verärgert Washington

    Der Kanzler sagt vor Schülern, die US-Unterhändler zur Beendigung des Iran-Kriegs würden „gedemütigt". Trump kündigt den Abzug von rund 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an.

  2. Anfang September 2026
    Trump feiert AfD-Sieg als „MGGA"

    Merz sagt ein geplantes Telefonat mit dem US-Präsidenten kurzfristig ab.

  3. 16. September 2026
    Merz sagt UN-Reise ab

    Regierungsvertreter begründen die Absage mit seiner Präsenzpflicht in Berlin.

  4. 17. September 2026
    Rede im Konrad-Adenauer-Haus

    Merz sagt: „Die Zeit der unbedingten transatlantischen Freundschaft ist wahrscheinlich vorbei."

  5. 20. September 2026
    Wahl in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern

    Merz lädt das CDU-Präsidium am Wahlabend zu einer formellen Sitzung ins Konrad-Adenauer-Haus ein.

China, Russland, USA – die alte Rechnung

Für die Entfremdung lieferte Merz eine ökonomische Formel. Lange habe Deutschland auf eine Arbeitsteilung vertraut: „Billige Produkte kommen aus China, Öl und Gas aus Russland, die Sicherheit aus den USA." Diese Dreiteilung, so seine Botschaft, trägt nicht mehr – deshalb steigen die Verteidigungsausgaben der Bundesregierung.

Den Vorwurf, Deutschland löse sich aus dem Bündnis, wies er zurück. „Es war überfällig, dass wir jetzt mehr Verantwortung für uns selbst übernehmen„, sagte Merz. Mit dem Begriff seines Vorgängers Olaf Scholz machte er Ernst: Die Zeitenwende sei „nun Realität geworden“, sie sei „schon fast ein Epochenbruch".

Auslöser der Passage war auch ein Termin am selben Tag in Straßburg: Kanadas Premier Mark Carney hatte vor dem Europäischen Parlament gesprochen, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen brachte eine „assoziierte EU-Mitgliedschaft" Kanadas ins Gespräch. Die Süddeutsche Zeitung deutete Merz' Satz als Beginn neuer Konstellationen; Trump antwortete mit einer neuen Zolldrohung.

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1,3 Prozent Wachstum – und Streit um die Rente

In der Wirtschaftspolitik gab der Kanzler die Richtung vor: Für 2026 stellte Merz ein Wachstum von rund 1,3 Prozent in Aussicht. Die Bundesrepublik sei auf dem Weg heraus aus der Krise, die Volkswirtschaft habe das Tal verlassen.

Wir sind auf dem Weg raus aus der Krise. Wir sind raus aus diesem Tal einer schrumpfenden oder stagnierenden Volkswirtschaft.
Friedrich Merz, Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender

Die Zahl liegt deutlich über der Prognose, die die Regierung im Frühjahr 2026 vorgelegt hatte. Wegen des Iran-Kriegs und sprunghaft gestiegener Öl- und Gaspreise war sie damals auf 0,5 Prozent gesenkt worden. Zuletzt hoben Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Erwartungen wieder an; wesentlicher Treiber sind die Milliardenausgaben des Staates für die Infrastruktur.

Reformen hält Merz trotzdem für nötig – vor allem bei der Rente. Die junge Generation solle erstmals eigenes, nicht rein beitragsfinanziertes Kapital aufbauen: „Wir nehmen niemandem etwas weg. Wir eröffnen neuen Chancen für uns alle." Kritiker sehen in der geplanten Streichung der Rente nach 45 Beitragsjahren allerdings ein Wegnehmen.

Einwanderung, Antisemitismus, S-Bahn

In der Innenpolitik bekannte sich Merz zum Einwanderungsland. Ohne Zuwanderung funktionierten Krankenhäuser, Altenheime, Baustellen, Gaststätten und Hotels nicht: „Wir brauchen diese Menschen in Deutschland.„ Zugleich forderte er: „Und diejenigen, die sich an die Regeln nicht halten, ja, die müssen das Land auch verlassen.“

Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) lobte Merz für eine „fundamentale Korrektur" der Einwanderungspolitik. Beim Antisemitismus wurde der Kanzler grundsätzlich: Er habe nicht für möglich gehalten, dass jüdische und israelische Menschen in Deutschland wieder Ziel von Angriffen würden.

Die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit ist Antisemitismus.
Friedrich Merz, Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender

Für den Weg durch die Hauptstadt hat der Kanzler eine eigene Routine. Wenn es der Terminplan zulässt, fahre er „hin und wieder mit der S-Bahn" über die Linien S1, S2 oder S25 zum Brandenburger Tor – mit einem kleinen Umweg an der Reagan-Plakette vorbei.

Ein Kanzler kämpft auch um sich selbst

Rund 350 Anhänger drängten sich im Foyer des Konrad-Adenauer-Haus, das aus allen Nähten platzte. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann beschwor die Einheit: „Wir müssen kämpfen." Für Merz war es der erste große Auftritt in der Parteizentrale, nachdem die CDU in Sachsen-Anhalt noch auf Distanz zu ihm gegangen war.

Der Abend war auch ein Test für seinen Rückhalt in der eigenen Partei. Die Lage der Union bleibt angespannt: In Mecklenburg-Vorpommern könnte die CDU an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, in Berlin liegt sie in Umfragen knapp hinter der Linken mit Spitzenkandidatin Elif Eralp.

Acht CDU-Ministerpräsidenten hatten Merz schriftlich die Treue zugesichert. Für den Wahlabend am 20. September lud er das CDU-Präsidium zu einer formellen Sitzung ins Konrad-Adenauer-Haus ein – die geplante Vertrauensfrage im CDU-Präsidium.

Sollte die CDU an diesem Sonntag verlieren, dürfte der Satz aus dem Adenauer-Haus auch in der eigenen Partei neu bewertet werden. Offen ist, ob Washington auf Merz' Absage an die unbedingte Freundschaft reagiert – und ob der Kanzler nach dem 20. September dieselbe Mehrheit hinter sich hat wie an diesem Abend in seinem Foyer.