Alice Weidel behauptet im ZDF, die Linke wolle Reiche erschießen
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Wahlabend

Alice Weidel behauptet im ZDF, die Linke wolle Reiche erschießen

Am Wahlabend behauptet AfD-Chefin Alice Weidel live im ZDF, die Linke wolle Reiche erschießen. Der Satz hat einen realen Kern von 2020 – aus dem Zusammenhang gerissen. Moderatorin Shakuntala Banerjee kündigt einen Faktencheck an.

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AfD-Chefin Alice Weidel hat am Wahlabend des 20. September 2026 live im ZDF behauptet, die Linke wolle Reiche erschießen. Die ZDF-Moderatorin Shakuntala Banerjee reagierte sichtlich irritiert und kündigte an, die Aussage überprüfen zu lassen.

Weidel war zur Sondersendung „Wahlen im ZDF" zugeschaltet, während in Berlin das Abgeordnetenhaus und in Mecklenburg-Vorpommern der Landtag gewählt wurden. Die Hintergründe, was Weidel mit dem Vorwurf meint, reichen bis ins Jahr 2020 zurück.

Der Doppelwahlsonntag endete für die Linke erfolgreich: Sie wurde in Berlin stärkste Kraft. Weidel erklärte in derselben Sendung, die AfD habe die CDU „als Volkspartei abgelöst", und forderte Bundeskanzler Friedrich Merz zu Konsequenzen aus dem Wahlergebnis auf.

Wir haben eine Partei, Die Linke, als stärkste Kraft durch die Brandmauer-Politik der CDU, die enteignen will, die Reiche erschießen will, die gegen Kapitalisten vorgehen will mit Mietpreisdeckel, mit plansozialistischen Elementen.
Alice Weidel, AfD-Bundesvorsitzende

In Kassel fiel der Satz tatsächlich

Frei erfunden ist der Vorwurf nicht. Er hat ein reales Vorbild – gut sechs Jahre alt und aus dem Zusammenhang gelöst. Auf der Strategiekonferenz der Linken am 29. Februar und 1. März 2020 in Kassel stritt die Partei über einen „sozial-ökologischen Systemwechsel". Während einer Podiumsdiskussion zur Energiepolitik ergriff eine Frau aus dem Publikum das Wort.

Sie sagte, die Energiewende sei „auch nötig nach 'ner Revolution„. Und weiter: „Und auch wenn wir das eine Prozent der Reichen erschossen haben, ist es immer noch so, dass wir heizen wollen, wir wollen uns fortbewegen.“ Nach Recherchen mehrerer Medien gehörte die Frau dem Berliner Landesverband der Linken an und hatte kein erkennbares Amt. Ihr voller Name wurde nie öffentlich; bekannt wurde sie als „Sandra L.".

Ihr Beitrag rief im Saal Gelächter, vereinzelten Beifall, aber auch Raunen und Kopfschütteln hervor. Die Versammlungsleitung beendete ihren Redebeitrag.

Von Kassel bis zum ZDF-Wahlabend

  1. 29. Februar bis 1. März 2020
    Strategiekonferenz der Linken in Kassel

    Eine Teilnehmerin aus dem Berliner Landesverband sagt, die Energiewende sei auch „nötig nach 'ner Revolution„, selbst wenn man „das eine Prozent der Reichen erschossen“ habe. Co-Parteichef Bernd Riexinger antwortet mit dem Spruch, man wolle sie „für nützliche Arbeit" einsetzen.

  2. 3. März 2020
    Ein Videoausschnitt verbreitet sich

    Die Teilnehmerin entschuldigt sich über die dpa, Riexinger distanziert sich. CSU-Generalsekretär Markus Blume fordert seinen Rücktritt, CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak nennt die Haltung „abscheulich".

  3. 6. März 2020
    Aktuelle Stunde im Bundestag

    Auf Antrag der FDP-Fraktion debattiert der Bundestag über das Verhältnis der Linken zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung; Redner aller anderen Fraktionen kritisieren Riexinger.

  4. 31. Juli 2025
    Faktencheck widerlegt Parteitags-Behauptung

    Das CORRECTIV-Faktenforum stellt klar: Auf dem Linke-Parteitag in Chemnitz im Mai 2025 ist die Aussage, man solle Superreiche umbringen, nicht gefallen.

  5. 20. September 2026
    Weidel zitiert die alte Aussage im ZDF

    Die AfD-Vorsitzende erklärt die Kasseler Publikumsäußerung zur Aussage der Linken. Moderatorin Shakuntala Banerjee kündigt einen Faktencheck an.

Riexingers Spruch und die Entschuldigung

Auf dem Podium saß der damalige Linke-Co-Bundesvorsitzende Bernd Riexinger. Er wies den Beitrag nicht sofort zurück, sondern antwortete mit einem Scherz – und erntete dafür Beifall und Lachen im Saal.

Ich wollt' noch sagen, wir erschießen sie nicht, wir setzen sie schon für nützliche Arbeit ein.
Bernd Riexinger, damaliger Linke-Co-Bundesvorsitzender

Nachdem ein Videoausschnitt am 3. März 2020 die Runde machte, entschuldigte sich die Teilnehmerin über die Deutsche Presse-Agentur. Sie habe die Aussage „in der Aufregung und Gedankenlosigkeit" gemacht, sie widerspreche völlig ihren politischen Ansichten, sie verabscheue Gewalt gegen Menschen.

Riexinger distanzierte sich und bedauerte, den Kommentar nicht sofort unmissverständlich zurückgewiesen zu haben. Zuvor hatte er eingeräumt, seine Reaktion hätte „sehr viel unmissverständlicher„ sein müssen. Ein Parteisprecher der Linken nannte die Bemerkung „rhetorisch gemeint“ und „kein ernsthafter Vorschlag".

Kritik bis in die eigene Partei

Der Vorgang löste fraktionsübergreifend Empörung aus – auch in der eigenen Partei. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow kritisierte das Geschehen in Kassel scharf.

Wer Menschen erschießen will und von einer Revolution mit oder durch Gewalt schwadroniert, hat mit meinem Wertekanon nichts gemein.
Bodo Ramelow, Thüringischer Ministerpräsident (Linke)

Ramelow ergänzte, eine solche Aussage auf einer Konferenz seiner Partei sei inakzeptabel und hätte „nie lächelnd übergangen werden dürfen".

CSU-Generalsekretär Markus Blume forderte Riexingers Rücktritt vom Parteivorsitz. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak nannte die Haltung der Linken und Riexingers „abscheulich" und verband das mit dem Ausschluss jeder Zusammenarbeit. Auch FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff äußerte sich kritisch.

Am 6. März 2020 befasste sich der Bundestag in einer von der FDP-Fraktion beantragten Aktuellen Stunde mit dem Verhältnis der Linken zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Redner aller anderen Fraktionen griffen Riexinger an.

Ein Publikumsbeitrag ist keine Parteiposition

Für den angekündigten Faktencheck des ZDF ist ein Unterschied entscheidend: Die Kasseler Äußerung war ein Beitrag aus dem Publikum, keine beschlossene Position der Partei.

Genau das hat der Faktencheck zur aus dem Kontext gerissenen Aussage bereits 2025 geprüft. Auslöser war die Behauptung, auf dem Linke-Parteitag in Chemnitz (9./10. Mai 2025) habe jemand gefordert, Superreiche umzubringen. Auf den Aufzeichnungen des Parteitags findet sich dafür kein Beleg.

Auch im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 und im Leitantrag „Wir sind die Hoffnung„ steht kein Vorhaben, Milliardäre zu töten. Passagen wie „Unser Ziel: Milliardäre abschaffen“ oder „Kampfansage an die Milliardäre„ zielen auf die Besteuerung von Vermögen – auf dem Parteitag gab es Handtücher mit der Aufschrift „Tax the rich“.

Was der Wahlabend für die Linke bedeutet

Weidel erhob am Wahlabend eine sechs Jahre alte, von allen Seiten als inakzeptabel eingeordnete und später zurückgenommene Einzeläußerung zur Programmatik „der Linken". Die Linke hält dem entgegen, dass es weder Beschlusslage noch Programmziel ihrer Partei ist, Reiche zu töten. Zurück kommt der Angriff aus der Linken selbst: Heidi Reichinneks Heuchelei-Vorwurf an Weidel stammt aus der Generaldebatte des Bundestags.

Der scharfe Angriff hat auch mit dem Ergebnis des Abends zu tun: Die Linke wurde in Berlin stärkste Kraft und hat die Berlin-Wahl gewonnen und will Wohnungskonzerne vergesellschaften.

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Der Faktencheck des ZDF steht noch aus. In Berlin könnte Spitzenkandidatin Elif Eralp (Linke) erstmals Regierende Bürgermeisterin werden – ob Weidel ihre Erzählung von der „Partei, die Reiche erschießen will" bis dahin wiederholt, ist damit nicht entschieden.