Der israelische Botschafter Ron Prosor sieht durch den Wahlsieg der Linken in Berlin das jüdische Leben in der Stadt akut bedroht. Für die jüdische Gemeinschaft sei aus einer theoretischen Bedrohung „eine konkrete und unmittelbare Existenzgefahr“ geworden, sagte Prosor der Deutschen Presse-Agentur – wie die Jüdische Allgemeine über seine Warnung berichtet.
Prosor beschreibt kein Ausrutschen, sondern ein System: „Immer wieder werden neue rote Linien überschritten.“ Er wirft der Linken offene Nähe zu Clankriminellen und „Terror-Verherrlichern“ vor. Von der Partei verlangt er einen konkreten Plan, wie sie den „systematischen Israel- und Judenhass“ in den eigenen Reihen stoppe und „bis in die Wurzel“ bekämpfe. Die „Zeit der leeren Versprechen“ sei mit dem Wahlsonntag vorbei; entscheidend seien jetzt „konkrete Maßnahmen und überprüfbare Ergebnisse“.
„Das ist kein Randphänomen mehr, sondern ein tief verwurzeltes und weitreichendes Antisemitismusproblem.“
Wahlsieg mit rund 25 Prozent
Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September wurde die Linke mit Spitzenkandidatin Elif Eralp laut Hochrechnungen von ARD und ZDF erstmals stärkste Kraft in Berlin: rund 25 Prozent, eine Verdopplung gegenüber 2023. Die CDU landete bei etwa 20 Prozent, die SPD stürzte auf rund 12 Prozent, die AfD kam auf 16,3 Prozent. Eralp könnte die erste Regierende Bürgermeisterin aus den Reihen der Linken werden – und die erste mit türkischen Wurzeln.
Ergebnis der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026
Hochrechnungen von ARD und ZDF, Angaben in Prozent
Die Linke weist die Vorwürfe zurück
Bundeschefin Ines Schwerdtner betonte am Tag nach der Wahl in der Bundespressekonferenz, es gebe „eine klare Haltung“ beim Thema Antisemitismus; der Neuköllner Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak habe sich „von allen gewaltverherrlichenden Aufrufen und Aussagen“ distanziert. Eralp sagte, die Partei stehe „für den Schutz von jüdischem Leben genauso wie für den Schutz von palästinensischem und muslimischem Leben“. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow wies die Warnungen des Zentralrats scharf zurück: „Ich habe null Verständnis für eine derartige Erklärung.“
Was den Streit ausgelöst hat
Die Neuköllner Linken hatten jede Beziehung zu Issa Remmo bestritten. Ein Foto zeigt den PFLP-Unterstützer Ibrahim Ibrahim im vertrauten Gespräch mit dem Neuköllner Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak; laut dem Tagesspiegel traten beide schon im Juni 2025 gemeinsam als Redner vor dem Rathaus Neukölln auf. Wie n-tv über die Vorwürfe gegen die Neuköllner Linken berichtet, veröffentlichte Firas Remmo, der Sohn des Clanchefs, zudem einen Screenshot eines Chats mit Koçak, in dem sich beide „Bruder“ nennen.
Vom Rap-Auftritt zum Botschafter-Statement
- 30. August 2026„Death to the IDF“ bei Neuköllner Wahlkampfauftritt
Der Rapper Dahabflex tritt für den Linken-Bezirksverband Neukölln auf und rappt „Death to the IDF“ („Tod der israelischen Armee“), während Besucher tanzen. Der Berliner Landesvorstand nennt den Gewaltaufruf später „völlig inakzeptabel“.
- 20. September 2026Wahlsieg – und ein umstrittener Auftritt
Die Linke wird mit rund 25 Prozent stärkste Kraft. Am Wahlabend erscheint Issa Remmo, der als Chef des Berliner Remmo-Clans gilt, auf der Wahlparty der Neuköllner Linken – ebenso der PFLP-nahe Aktivist Ibrahim Ibrahim. Die PFLP wird vom Verfassungsschutz als extremistisch und von der EU als Terrororganisation eingestuft.
- 21. September 2026Prosor warnt vor Existenzgefahr
Israels Botschafter sagt der dpa, für die jüdische Gemeinschaft Berlins werde aus einer theoretischen Bedrohung eine „konkrete und unmittelbare Existenzgefahr“. Er fordert einen Plan gegen Israel- und Judenhass.
- 22. September 2026Die dpa-Meldung wird bundesweit aufgegriffen
Tagesspiegel, ZEIT, t-online, FOCUS, Jüdische Allgemeine und weitere Medien veröffentlichen Prosors Warnung.
Die Linke erklärte, Remmo sei nicht eingeladen gewesen und stehe nicht auf der Anmeldeliste. Spitzenkandidatin Elif Eralp sagte im RBB, der Mann sei „herausgeschickt“ worden: „Mit organisierter Kriminalität wollen wir wirklich nichts zu tun haben.“ Bundeschefin Schwerdtner kündigte an, den Fall Koçak parteiintern zu klären.
Sondierungen hängen an einer Bedingung
Zentralratspräsident Josef Schuster hatte der Linken schon am Wahlabend vorgeworfen, im Wahlkampf „wiederholt mit antisemitischen Grenzüberschreitungen“ aufgefallen zu sein; ihre Beteuerungen seien „nichts anderes als Lippenbekenntnisse“. Zugleich richtete er seine Warnung an SPD und Grüne vor der Koalition. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach verlangt nun eine „klare und konsequente“ Distanzierung vom Antisemitismus – nicht nur von der Parteispitze, sondern von jedem Mitglied der neuen Linksfraktion: „Ich erwarte nicht nur Worte, sondern gerade bei solchen Vorfällen wie gestern Taten.“
SPD-Bundeschefin Bärbel Bas nannte die Lage „ganz schwierig“: Mit einer Partei zusammenzuarbeiten, „die in Teilen oder auch in großen Teilen antisemitisch unterwegs ist“, müsse man sich „sehr genau überlegen“. Berlins Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf forderte vor einer möglichen Regierungsbeteiligung „eine konsequente Auseinandersetzung der Linken mit Antisemitismus in den eigenen Reihen“. Es dürfe nicht „zu einer ritualisierten Situation kommen, wo wir alle paar Wochen immer wieder dieselben Auseinandersetzungen mit zum Beispiel diesem Kreisverband Neukölln haben“.
Aus der Union kommt zusätzlicher Druck auf die Sicherheitsbehörden. Marc Henrichmann, Vorsitzender des für die Nachrichtendienste zuständigen Kontrollgremiums im Bundestag, nannte es besorgniserregend, dass in Berlin eine Partei Regierungsverantwortung übernehmen könnte, die sich nicht klar von Extremisten und offenbar auch organisierter Kriminalität abgrenzt. Der Innenexperte Alexander Throm sagte dem Handelsblatt, es müsse geprüft werden, „inwiefern sensible Daten der Sicherheitsbehörden noch mit Berlin geteilt werden können“.
Gegenposition und die nächsten Schritte
Nicht alle teilen die Zuschreibung. Der Publizist Nimrod Flaschenberg schrieb in Jacobin, die Linke sei „keine antisemitische Partei“; die Vorwürfe dienten vor allem dazu, sie als illegitim darzustellen. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte den offenen Antisemitismus in Berlin dagegen einen „Schandfleck“. Ob die Linke einen überprüfbaren Plan vorlegt, entscheidet über den Start der Sondierungen: Nach dem für Freitag geplanten Parteitag könnten die Gespräche laut Landesgeschäftsführer Bjoern Tielebein kommende Woche beginnen.
