Evonik bestätigt Abbau von 3.200 Stellen – 2.150 in Deutschland
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Chemieindustrie

Evonik bestätigt Abbau von 3.200 Stellen – 2.150 in Deutschland

Evonik bekräftigt nach der Strategieklausur den Abbau von 3.200 Stellen – 2.150 davon in Deutschland, obwohl der Konzern nach eigener Aussage gut verdient. Die Aktie feiert den Umbau mit fast 5 Prozent Plus, alle sechs großen deutschen Werke bekommen neue Rollenprofile.

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Evonik streicht weltweit rund 3.200 Arbeitsplätze – und legt die Last überproportional auf Deutschland: 2.150 der Stellen fallen hierzulande weg. Der Essener Spezialchemiekonzern verdient nach eigener Aussage gerade gut, die Aktie legt am Dienstag deutlich zu, und trotzdem gehen zwei Drittel der Jobs in der Bundesrepublik verloren.

Auslöser ist die jährliche Strategieklausur von Vorstand und Aufsichtsrat. Am Dienstag, 22. September 2026, bekräftigte Evonik in Essen mit seiner Mitteilung zur geschärften Wachstumsstrategie den Abbau – die Zahl 3.200 war schon im Juni bekannt, neu ist die Konkretisierung. Interims-CEO Claus Rettig, seit August im Amt, fasst die Lage so zusammen:

Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter teilen eine Überzeugung: Wir befinden uns in einer strukturellen und ökonomischen Krise unserer Industrie.
Claus Rettig, Interims-CEO von Evonik Industries

Zwei Drittel der Stellen fallen in Deutschland weg

Ende 2025 zählte Evonik weltweit 31.053 Beschäftigte – fast 900 weniger als ein Jahr zuvor. Von 2027 bis Ende 2029 sollen nun weitere rund 3.200 Stellen wegfallen, rund 2.150 davon in Deutschland. Die erste Phase des Programms „Evonik Tailor Made“ (Oktober 2023 bis Ende 2026) umfasst bereits rund 2.800 Stellen; rechnet man die verkauften Töchter hinzu, könnte die Belegschaft um insgesamt rund 10.000 Menschen schrumpfen.

Die Begründung liefert das Unternehmen selbst: Europäische Standorte hätten bei den Energiekosten einen Wettbewerbsnachteil von 50 bis 70 Prozent gegenüber den USA und von 20 bis 40 Prozent gegenüber China. Investiert wird trotzdem außerhalb Europas – in Kanada und der Slowakei startete Evonik Wachstumsprojekte in Healthcare und Biotechnologie mit einem Gesamtvolumen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich; weitere Projekte in Asien und Amerika werden geprüft.

Evoniks Weg zum Stellenabbau

  1. Oktober 2023
    Erste Sparprogramme starten

    Bis Ende 2026 fallen in dieser Phase rund 2.800 Stellen weg.

  2. März 2024
    „Evonik Tailor Made“ beginnt

    Das Programm soll die Kostenbasis bis Ende 2026 um rund 400 Millionen Euro senken.

  3. 25. Juni 2026
    Zweite Phase angekündigt

    Rund 3.200 Stellen sollen von 2027 bis Ende 2029 wegfallen, 2.150 in Deutschland; das Polyester-Geschäft wird 2027 eingestellt.

  4. August 2026
    Vorstandschef Kullmann fällt aus

    Christian Kullmann scheidet überraschend krankheitsbedingt aus, Claus Rettig übernimmt interimistisch.

  5. 11. September 2026
    Hamburg und Bitterfeld schließen

    Beide Standorte mit zusammen rund 90 Beschäftigten werden 2027 aufgegeben.

  6. 22. September 2026
    Strategieklausur bestätigt den Abbau

    Alle sechs großen deutschen Standorte erhalten Rollenprofile, die Detailausarbeitung soll bis Ende 2026 stehen.

Sechs Werke bekommen feste Rollenprofile

In Deutschland bekommt jeder der sechs großen Produktionsstandorte ein eigenes Rollenprofil mit spezifischen Aufgaben; sie sollen „in den kommenden Jahren weiterentwickelt“ werden, die Umsetzung der „Zukunftsbilder“ beginne „in diesen Tagen“. Welcher Standort welche Aufgabe übernimmt, ist offen – wie das künftig verteilt werde, werde derzeit erarbeitet, heißt es in einem Bericht zum Stellenabbau bei Evonik. Die Detailausarbeitung soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein.

Zwei Töchter stehen zum Verkauf: die C4-Chemie Oxeno mit rund 1.000 Beschäftigten und die Infrastrukturbetriebe Syneqt mit rund 3.500 Beschäftigten in Marl und Wesseling, zusammen rund 4.300 Menschen. Bei Oxeno laufen bereits Gespräche mit Investoren, ein Ergebnis wird noch für 2026 erwartet; der Verkaufsprozess für Syneqt soll 2027 starten. Rettig dazu: „Wir sprechen bei Oxeno mit Investoren, im Falle Syneqts ist das noch nicht der Fall. Aber es ist klar, dass es in beiden Fällen zum Verkauf kommen wird.“

Evoniks Umbau in Beschäftigten

Stellenabbau und abgegebene Töchter im Überblick

Quelle: Evonik, WDR

Ohne Kündigungen, aber mit Abfindungen

Betriebsbedingte Beendigungskündigungen bleiben ausgeschlossen. Der Abbau läuft über die Nicht-Nachbesetzung frei werdender Stellen, frühere Übergänge in den Ruhestand und freiwilliges Ausscheiden gegen Abfindung – die sollen erstmals in größerem Stil eingesetzt werden, um Beschäftigte zum Gehen zu bewegen. Personalvorstand und Arbeitsdirektor Thomas Wessel verteidigt den Weg mit dem Selbstbild des Konzerns:

Evonik war und ist als Unternehmen bekannt, das soziale Verantwortung lebt und den Dialog mit den Arbeitnehmervertretern intensiv pflegt. Auch in diese große Transformation gehen wir gemeinsam und führen sie zusammen erfolgreich zum Ziel.
Thomas Wessel, Personalvorstand und Arbeitsdirektor von Evonik

Rettig führt Evonik seit August 2026 kommissarisch, nachdem Vorstandschef Christian Kullmann überraschend „bis auf Weiteres“ krankheitsbedingt ausgefallen war. Kullmann hatte den Umbau angestoßen, Rettig führt ihn fort. Vor Journalisten sagte Rettig, Kullmann habe seine Operation gut überstanden und sei auf dem Weg der Besserung; er sei zuversichtlich, dass Kullmann im kommenden Jahr zurückkomme.

Die Börse feiert den Umbau

Die Anleger reagierten positiv: Die Evonik-Aktie legte am 22. September um fast 5 Prozent zu. Die Börsen-Zeitung meldete ein Plus von 4,2 Prozent im frühen Handel und nannte Evonik den „beliebtesten Wert“ des Tages; nach Goldesel notierte das Papier gegen 10.17 Uhr bei 17,76 Euro, ein Plus von 2,6 Prozent und 33,23 Prozent seit Jahresbeginn. Der Dax startete bei 25.593 Punkten knapp über Vortagesniveau.

Der Abbau ist Teil einer Branchenkrise: Der Verband der Chemischen Industrie spricht von der schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte und erwartet 2026 ein Produktionsminus von 1,5 Prozent. Auch andere Konzerne kürzen: VW beschloss das Ende von vier Werken, Porsche baut 5000 weitere Stellen ab. Was der Umbau kostet, ließ Evonik offen – das erste Programm kostete bei 400 Millionen Euro jährlicher Einsparung rund 250 Millionen Euro. Bis Ende 2026 soll die Detailplanung stehen, 2027 beginnt die zweite Phase, bis 2030 soll der Umbau abgeschlossen sein.

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