Mario Czaja fordert Friedrich Merz zum Rücktritt auf
Der frühere CDU-Generalsekretär Mario Czaja fordert den Rücktritt von Kanzler Friedrich Merz – am selben Tag rechnet Ex-Fraktionschef Ralph Brinkhaus in der Fraktionssitzung scharf mit Merz ab, der dort Mitverantwortung für das Wahldebakel einräumt.
Der frühere CDU-Generalsekretär Mario Czaja hat Bundeskanzler Friedrich Merz den Rücktritt verlangt. In der WELT-Talkshow „Meinungsfreiheit“ sagte er am Abend des 22. September 2026, ihm noch Zeit zu geben, mache keinen Sinn – es funktioniere nicht mehr mit Merz. Damit bricht die Revolte gegen den Kanzler offen aus der eigenen Partei aus.
Czaja, 2022 von Merz zum Generalsekretär gemacht und ein Jahr später geschasst, wirft ihm fehlende „emotionale Intelligenz“ vor. Wie die WELT über die Rücktrittsforderung des Ex-Generalsekretärs berichtet, habe Merz „grundlegendes Vertrauen verspielt“ – schon als er „auf dem Altar seiner eigenen Kanzlerschaft die Schuldenbremse gelockert“ und „das Erbe von Wolfgang Schäuble mit Füßen getreten“ habe. Die acht CDU-Ministerpräsidenten, die ihm Rückendeckung gaben, hätten „den Mut nicht gehabt“.
„Es ist an der Zeit, dass er den Platz frei macht. Es funktioniert nicht mehr mit ihm. Ihm noch Zeit zu geben, macht gar keinen Sinn.“
Mario Czaja, Ex-Generalsekretär der CDU
Merz räumt Mitverantwortung ein
Am selben Tag tagte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion erstmals nach dem Wahldebakel. Merz räumte nach Teilnehmerangaben Mitverantwortung ein: „Ich habe meinen Anteil an diesen Wahlergebnissen.“ Seine Rede wurde als „geschäftsmäßig“ beschrieben. Fraktionschef Thorsten Frei stellte sich dennoch hinter ihn: „Der Bundeskanzler hat unsere Unterstützung.“
Fraktionsmanagerin Catarina dos Santos-Wintz sprach von der „vollen Rückendeckung der Unionsfraktion“, räumte aber ein: „Wir sind gerade nicht gut genug.“ Der schärfste Angriff kam von Merz' Vorgänger als Fraktionschef: Ralph Brinkhaus attestierte der Union „ein Glaubwürdigkeitsdefizit, ein Zukunftsdefizit“, wie der Spiegel über Brinkhaus' Abrechnung mit Merz berichtet. Sein Satz, jeder müsse sich fragen, „ob und wie er diesem Land und dieser Partei noch helfen kann“, wurde als Aufforderung an Merz verstanden, Konsequenzen zu prüfen.
„Wir können nicht alles auf die Krisen oder auf die anderen Parteien schieben – wir müssen unsere Politik ändern.“
Ralph Brinkhaus, Ex-Fraktionschef der CDU/CSU-Fraktion
Mehr Tempo bei den Reformen
Parallel zum Personalstreit verteidigte die Koalition ihren Reformkurs. Kanzleramtschefin Nina Warken sagte beim parlamentarischen Abend von DIHK, BDA und BDI in Berlin: „Es gibt keine Absage an diese Reformen.“ Sie müssten mit großer Geschlossenheit und „schneller als bisher“ umgesetzt werden, die Koalition müsse „Knoten lösen“. Schon Mitte August hatte Hamburgs CDU-Chef Dennis Thering Ergebnisse statt einer Kanzlerdebatte verlangt.
Bei der Rente mahnte Warken, die Vorschläge der Rentenkommission seien als „Gesamtkunstwerk“ zu behandeln; für die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren brauche es Vertrauensschutz und Übergangsfristen.
Von der Niederlage zur offenen Revolte
Auslöser der Eskalation sind die Wahlen vom 20. September: In Mecklenburg-Vorpommern verfehlte die CDU erstmals in ihrer Geschichte die Fünf-Prozent-Hürde und flog aus einem Landtag, in Berlin verdrängte die Linke sie von Platz eins. Zwei Wochen zuvor hatte die AfD die Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen. Merz selbst nannte die Ergebnisse „desaströs“ und eine „tiefe Zäsur“, will aber Kanzler bleiben.
Die Eskalation in der Union
6. September 2026
Wahl in Sachsen-Anhalt
Die AfD gewinnt, die CDU verliert stark. Merz gerät innerparteilich unter Druck.
16. September 2026
Rückendeckung der Ministerpräsidenten
Acht CDU-Ministerpräsidenten sichern Merz in einer gemeinsamen Erklärung ihren Rückhalt zu.
20. September 2026
Debakel in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
Die CDU verfehlt in MV erstmals die Fünf-Prozent-Hürde, in Berlin verliert sie Platz eins an die Linke. Merz nennt das Ergebnis „desaströs“.
21. September 2026
Pressekonferenz nach den Gremiensitzungen
Merz sagt, es sei von niemandem „irgendeine personelle Frage“ gestellt worden; seine Äußerung zur Krankenversicherung sorgt für Unmut in der Union.
22. September 2026
Fraktionssitzung und Fernsehauftritt
In der Fraktion räumt Merz Mitverantwortung ein, Brinkhaus rechnet ab. Am Abend fordert Czaja in der WELT-Talkshow den Rücktritt.
Wie lange trägt der Rückhalt
Für den Kanzler sprang in der Fraktion vor allem Digitalminister Karsten Wildberger in die Bresche – kein Abgeordneter, erst seit dem Vorjahr in der CDU. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, gehandelt als möglicher Nachfolger im Kanzleramt, lehnte weitere Personaldebatten als „nicht zielführend“ ab und verwies auf die Erklärung der acht CDU-Ministerpräsidenten. CSU-Chef Markus Söder mahnte, die Union dürfe sich „nicht zum Hühnerhaufen entwickeln“.
Merz selbst hatte auf einer Pressekonferenz erklärt, es sei von niemandem „irgendeine personelle Frage“ gestellt worden. Für Unmut in der Union sorgte zudem seine Äußerung, im Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung liege ein „Gerechtigkeitsproblem“ – damit bewegte er sich auf SPD-Linie. Schon Mitte September wollte Merz laut einem Bericht eine indirekte Vertrauensfrage im CDU-Präsidium anstoßen.
Czaja rechnet nicht damit, dass Merz die Kurve bekommt: Die CDU-Basis werde „mit den Füßen abstimmen“, sagte er. Ob der Rückhalt der Fraktionsspitze trägt, zeigt sich beim nächsten Sachstreit. Bei der Rente sollen Frei zufolge nur noch „Detailfragen“ geklärt werden, die Beschlüsse „in einem Rutsch“ kommen – in der SPD gibt es Widerstand gegen die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.