Annalena Baerbock (45) hat ihre Karriere an die erste Stelle gesetzt – nicht ihre Kinder. Diese Reihenfolge dreht sie jetzt um. In dem Rolling-Stone-Interview über ihr neues Leben sagt die frühere Bundesaußenministerin, was künftig Priorität hat.
„Ich habe in meiner vorherigen Lebensphase meinen Beruf an erste Stelle gesetzt. Jetzt setze ich meine Kinder wieder an die erste Stelle.“
Baerbock war Bundesaußenministerin der Grünen, ihre beiden Töchter wuchsen in dieser Zeit weitgehend abgeschirmt auf. Sie nennt den Vorrang des Berufs eine freie und bewusste Entscheidung, über die sie sich nicht beklage.
Zugleich räumt sie ein, ihre Töchter hätten eine ruhigere Kindheit gehabt, wenn ihre Mutter nicht Spitzenpolitikerin gewesen wäre. Schwer zu tragen sei die Dauerbeobachtung gewesen: Es sei „natürlich nicht nur schön“ gewesen, dass jeder ihre Mutter gekannt und sich eine Meinung über sie gebildet habe.
Neu ist die Kritik an ihrer Rolle nicht: In einem SZ-Interview hat Baerbock über ihre Abrechnung mit dem Sexismus in der Politik gesprochen und beschrieben, wie hart die Anfeindungen wurden.
Von den UN an die Columbia University
Der Neustart hat einen konkreten Auslöser: Baerbocks einjährige Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung endete Anfang September. Der Bericht über das Ende ihrer UN-Amtszeit datiert es auf den 8. September 2026, Nachfolger ist Khalilur Rahman aus Bangladesch. Im Interview spricht Baerbock von „vor zwei Wochen“; 2025 war sie mit großer Mehrheit gewählt worden – als fünfte Frau in diesem Amt.
In wenigen Wochen tritt sie eine Professur an der Columbia University in New York an. Dort wird sie als Co-Direktorin des Weiterbildungsstudiengangs „Master of Public Administration in Global Leadership“ arbeiten. Mit ihren Studierenden will sie teilen, was sie „bei den VN in diesen stürmischen geopolitischen Zeiten erlebt“ hat.
Aus dem UN-Jahr zieht sie eine grundsätzliche Lehre: Andere Weltregionen seien „so viel resilienter und damit auch risiko- und innovationsfreudiger“ als Europa – ob bei der Versorgung ländlicher Gebiete per Drohne oder bei der Gleichstellung von Frauen.
Über die feministische Außenpolitik hätten sich in Deutschland „ja einige gerne lustig gemacht“, sagt Baerbock; bei den Vereinten Nationen erlebe sie deren Umsetzung. Als Beispiel nennt sie Ruanda, wo die Frauenquote im Parlament bei mehr als 50 Prozent liegt: „Das ist keine woke Idee, das ist eine Lehre des Völkermords.“
Von der UN-Spitze an die Columbia University
- 2025Wahl zur Präsidentin der UN-Generalversammlung
Annalena Baerbock wird mit großer Mehrheit gewählt – als fünfte Frau in diesem Amt.
- 8. September 2026Ende der UN-Amtszeit
Nachfolger wird Khalilur Rahman aus Bangladesch.
- 23. September 2026Interview-Auszüge in deutschen Medien
Redaktionen von rollingstone.de, WELT, n-tv und weiteren Häusern verbreiten die Kernaussagen des Gesprächs.
- 25. September 2026Rolling Stone 10/26 erscheint
Das Heft mit dem vollständigen Gespräch kommt in den Zeitschriftenhandel.
- Herbst 2026Professur an der Columbia University
Baerbock wird Co-Direktorin des Weiterbildungsstudiengangs „Master of Public Administration in Global Leadership“.
Neue Wohnung in Manhattan
Mit ihren beiden Töchtern hat Baerbock nach eigenen Angaben gerade eine neue Wohnung in Manhattan bezogen. Vor rund zwei Jahren hatte sie sich von ihrem Ehemann Daniel Holefleisch getrennt.
Die Anonymität der Millionenmetropole beschreibt sie als Entlastung: „Aber gerade tut mir eine Großstadt wie New York mit ihrer Anonymität saugut, wo man einfach eine von Millionen ist und nicht ständig medial beobachtet und bewertet wird.“
Ihrem Heimatland bleibt sie verbunden und schließt eine Rückkehr nach Deutschland nicht aus. „Ich liebe mein Heimatland, und vor allem bleibe ich im Herzen Dorfkind“, sagt die gebürtige Hannoveranerin.
Vermissen wird sie vor allem eines: deutsches Essen. Auf die Frage nach ihrem Sehnsuchtsgericht antwortet die 45-Jährige mit einem Markenprodukt aus der Tiefkühltruhe.
„Iglo-Rahmspinat für Kartoffeln und Spiegelei.“
Ihr schärfster Satz gilt der AfD
Politisch bleibt Baerbock auch auf Distanz deutlich. Ihre schärfste Passage in dem Gespräch richtet sich gegen die AfD.
„Dass in Teilen unseres Landes Rechtsextremisten der AfD stärkste Kraft sind, kann niemanden, der seine Heimat, unsere Freiheit und Demokratie liebt, ruhig schlafen lassen, egal wie weit man weg ist.“
Bei der laufenden UN-Generalversammlung in New York fehlte Baerbock in diesem Jahr; dort traten unter anderem US-Präsident Donald Trump und Außenminister Johann Wadephul auf. Die Kritik an der AfD trägt sie trotzdem aus dem Ausland nach Deutschland hinein.
Ein Rückweg nach Berlin bleibt offen
Eine Rückkehr nach Deutschland schließt Baerbock nicht aus, einen Zeitpunkt nennt sie nicht. Fest steht bislang nur der nächste Schritt: die Lehre an der Columbia University, die in wenigen Wochen beginnt.
Ob sie dauerhaft in New York bleibt oder wieder in der deutschen Politik arbeitet, lässt sie offen. Eine Entscheidung dazu fällt frühestens nach ihrem ersten Semester.
