BioNTech schließt drei deutsche Werke und streicht 1.800 Jobs
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Pharmabranche

BioNTech schließt drei deutsche Werke und streicht 1.800 Jobs

Die monatelange Käufersuche ist gescheitert: BioNTech schließt seine Werke in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen und streicht rund 1.800 Stellen. Die IG BCE wirft dem Konzern kurzfristiges Kalkül vor, Curevac-Gründer Ingmar Hoerr spricht von Täuschung.

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Rund 1.800 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz: BioNTech schließt seine drei deutschen Produktionsstandorte Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen. Am Montag, dem 28. September 2026, bestätigte das Mainzer Unternehmen, dass die monatelange Suche nach Käufern gescheitert ist – wie ZDFheute über die Schließung der Werke berichtet. Tübingen schließt Ende 2027, Marburg Anfang 2028, Idar-Oberstein Ende 2028.

Betroffen sind knapp ein Viertel der weltweit rund 7.200 Mitarbeitenden. Mit dem Konzernbetriebsrat hat BioNTech ergänzende Abfindungskonditionen vereinbart; Details nannte das Unternehmen zunächst nicht. Der Einschnitt steht nicht allein: Evonik baut 3.200 Stellen ab, 2.150 in Deutschland, und Mercedes droht mit der Schließung zweier Werke.

Kein Käufer für die drei Werke

Einen Verkauf hatte BioNTech bis Ende September 2026 erreichen wollen. Interne Experten und professionelle Makler loteten die Verkäufe aus und sprachen mit internationalen, nationalen und mittelständischen Firmen sowie Investoren aus den Bereichen mRNA, Antikörper, Plasmide und Zell- und Gentherapie. Vertrauliche Gespräche gab es für jedes der drei Werke – zu einem Abschluss kam es in keinem Fall.

Als Grund für das Scheitern nennt das Unternehmen das schwierige Markt- und Investitionsumfeld. „Trotz intensiver Bemühungen aller Beteiligten und eines breit angelegten Verkaufsprozesses ist es leider nicht gelungen, einen Kauf zu realisieren“, sagte eine Unternehmenssprecherin. Ein anderes Geschäft glückte: Die Berliner Tochter JPT Peptide Technologies mit rund 130 Beschäftigten geht an die Münchner Dubag Group.

Von der Novartis-Übernahme bis zur Schließung

  1. 2020
    BioNTech übernimmt Marburg

    Das Werk auf dem Gelände der historischen Behringwerke kommt vom Schweizer Pharmakonzern Novartis und wird zu einer der größten mRNA-Produktionsstätten Europas ausgebaut.

  2. Sommer 2025
    Übernahme von Curevac angekündigt

    Die milliardenschwere Transaktion mit dem Tübinger Corona-Impfstoff-Konkurrenten zieht sich über Monate.

  3. 6. Januar 2026
    Curevac-Übernahme abgeschlossen

    BioNTech übernimmt den Tübinger Standort des einstigen Konkurrenten vollständig.

  4. Mai 2026
    Schließungspläne bekannt

    BioNTech kündigt den Abbau von bis zu 1.860 Stellen weltweit an; Curevac-Gründer Ingmar Hoerr erhebt den Täuschungsvorwurf.

  5. Juni 2026
    Moderna zeigt Interesse

    Konzernchef Stéphane Bancel nennt deutsche Produktionsstätten eine interessante Option – unter der Bedingung einer Partnerschaft mit der Bundesregierung.

  6. August 2026
    Prognose gesenkt

    BioNTech kürzt die Umsatzprognose für 2026 auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro; Ende August wird der Verkauf der Berliner Tochter JPT an die Dubag Group vereinbart.

  7. 28. September 2026
    Keine Käufer, Schließung bestätigt

    Rund 1.800 Beschäftigte in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein sind betroffen.

Marburg, Idar-Oberstein, Tübingen

In Marburg sind rund 540 Beschäftigte betroffen. Das Werk liegt auf dem Gelände der historischen Behringwerke; BioNTech hatte es 2020 vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und zählte danach zu den größten mRNA-Produktionsstätten Europas. Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) warnte laut dem Bericht der hessenschau zum Marburger Werk, ein Wegfall des Impfstoffstandorts sei ein Problem für ganz Deutschland und Europa.

In Idar-Oberstein geht es um bis zu rund 440 Stellen; der Standort ist auf kleinere Produktionschargen für mRNA-Produkte sowie Zell- und Gentherapeutika ausgerichtet und übernimmt Aufgaben in Analytik und Qualitätskontrolle. In Tübingen sind rund 820 Arbeitsplätze betroffen. Dort saß der einstige Corona-Impfstoff-Konkurrent Curevac, den BioNTech übernommen hatte.

Betroffene Beschäftigte je BioNTech-Standort

Angaben des Unternehmens zur geplanten Schließung

Quelle: BioNTech/Unternehmensangaben, 28. September 2026

Täuschungsvorwurf und scharfe Kritik

Curevac-Gründer Ingmar Hoerr wirft BioNTech Täuschung vor. Bei der Übernahme sei vereinbart worden, ein gemeinsames Unternehmen zu schaffen – „das wurde jetzt über den Haufen geschmissen“, sagte er. Der Bund beteiligte sich über die Förderbank KfW mit 300 Millionen Euro an Curevac; nach dem Aktientausch hält er nur noch rund 0,6 Prozent an BioNTech. Laut Bundeswirtschaftsministerium hatte BioNTech zugesagt, Tübingen bis Ende 2027 substanziell zu erhalten; der Konzern weist den Vorwurf des Vertragsbruchs zurück.

Die IG BCE kritisiert die Schließungen scharf. Landesbezirksleiterin Catharina Clay aus Baden-Württemberg sieht in dem Kauf einen Schritt zur Beendigung der Patentstreitigkeiten auf Kosten der Beschäftigten. Der Leiter des Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser, sagte gegenüber der Tagesschau:

„Im Konzern haben offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen. Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.“
Roland Strasser, IG-BCE-Landesbezirksleiter Rheinland-Pfalz-Saarland

Milliardenverlust und neuer Vorstandschef

Wirtschaftlich steht BioNTech unter Druck: In den ersten sechs Monaten 2026 summierte sich ein Verlust von 1,35 Milliarden Euro, im Vorjahr waren es 802,4 Millionen. Im August senkte das Unternehmen seine Umsatzprognose für 2026 von 2,0 bis 2,3 Milliarden auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro. Nach dem Konsolidierungsprogramm erwartet BioNTech ab 2029 jährliche Einsparungen von rund 500 Millionen Euro.

Die Mitbegründer Uğur Şahin und Özlem Türeci verlassen BioNTech spätestens Ende 2026 und gründen das neue Mainzer mRNA-Unternehmen Arife. Neuer Vorstandschef wird spätestens zum 1. Februar 2027 Guido Oelkers. Im Juni hatte Moderna-Chef Stéphane Bancel deutsche Produktionsstätten als interessante Option bezeichnet – unter der Bedingung einer Partnerschaft mit der Bundesregierung; eine Kaufzusage war das nicht. In Baden-Württemberg prüft eine Task Force, was aus dem Standort wird; Ergebnisse stehen aus.

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