Gegen 2 Uhr nachts ist in der Perleberger Straße in Berlin-Moabit ein 22-jähriger Mann aus einem vorbeifahrenden Auto heraus angeschossen worden. Die Schüsse fielen unmittelbar gegenüber dem Eingang des Polizeiabschnitts 27 – praktisch vor der Tür einer Polizeiwache.
Laut Polizei fielen die Schüsse auf einen Mann in Moabit auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Abschnitts. Der Schütze soll aus einem älteren grauen Pkw heraus mehrfach geschossen haben. Ein weiterer Schuss traf eine geparkte Mercedes-E-Klasse in Höhe der Hausnummer 9, direkt gegenüber dem Wacheneingang.
Mindestens ein Projektil wurde am Tatort gesichert; wie viele Schüsse insgesamt abgegeben wurden, ist bislang unklar. Der 22-Jährige wurde am Bein getroffen und musste operiert werden. Lebensgefahr bestand nach Angaben der Berliner Zeitung nicht; aus Ermittlerkreisen erfuhr WELT, dass das Projektil eine Arterie nur knapp verfehlte.
Vor dem Polizeiabschnitt fanden Ermittler eine etwa 50 Meter lange Blutspur und mehrere größere Blutlachen. Die Kriminalpolizei der Direktion 2 übernahm die Ermittlungen, die Tatverdächtigen sind flüchtig. Polizeisprecher Stefan Petersen sagte am frühen Montagmorgen am Tatort, weil die Tat direkt vor dem Abschnitt geschah, hätten die Kräfte den Mann schnell erreichen und erstversorgen können.
„Wir sind hier in der Perleberger Straße in Moabit, hier vor einem Polizeiabschnitt. Da kam es um kurz nach zwei auf der gegenüberliegenden Seite aus einem fahrenden Auto heraus zu Schüssen auf eine Person.“
Erst der Bruder brachte den Verletzten in die Wache
Wie der Angriff entdeckt wurde und wer den Verletzten zuerst zur Polizei brachte, ist nach den vorliegenden Angaben nicht vollständig geklärt. Polizeisprecher Stefan Petersen sagte am Tatort, die Kräfte hätten den Mann wegen der Nähe zur Wache schnell erreichen und erstversorgen können. Anschließend wurde der 22-Jährige unter Polizeibegleitung in eine Notaufnahme gebracht.
Der Angeschossene war nach Polizeiangaben einer von drei Männern, die zuvor nach der Auseinandersetzung in der Torfstraße vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen und später wieder entlassen worden waren. Die drei Männer waren zuvor in der Wache erkennungsdienstlich behandelt worden. Die Polizei bezeichnete den 22-Jährigen gegenüber rbb24 jedoch als nicht an der Schussabgabe beteiligt.
Die Eskalation am Sonntagabend
Als möglicher Auslöser gilt eine Auseinandersetzung, die bereits am Sonntagabend eskalierte – vor dem Café und der Bar „Lambo“ in der Torfstraße in Wedding. Nach Angaben der Polizei gerieten gegen 19.45 Uhr zunächst vier Jugendliche im Alter von zwölf bis 16 Jahren und ein 28-Jähriger in einen verbalen Streit.
Im weiteren Verlauf soll der 28-Jährige einem 16-Jährigen Stichverletzungen am Oberkörper zugefügt haben; der Jugendliche kam zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus. Die B.Z. berichtet abweichend, ein 28-Jähriger sei schwer verletzt worden. Auch bei der Schusszahl gibt es unterschiedliche Angaben: Die Polizei sicherte mindestens ein Projektil, die B.Z. berichtet von zwei Schüssen. Drei Tatverdächtige kamen zunächst in Polizeigewahrsam, wurden später jedoch wieder entlassen.
Zudem soll ein Beteiligter zahlreiche Schüsse abgegeben haben, vermutlich mit einer Schreckschusswaffe – teilweise noch, während Polizisten bereits in der Nähe waren. Vor der Shishabar in der Torfstraße lagen anschließend kaputte Einrichtungsgegenstände sowie als Wurfgeschosse genutzte Teller, Besteck und Aschenbecher.
Racheakt oder Zufallsopfer?
Die Ermittler prüfen, ob die Schüsse vor dem Polizeiabschnitt 27 Teil derselben Auseinandersetzung waren oder eine spätere Vergeltungsaktion im Zuge des Konflikts. Nach WELT-Informationen könnte der Bandenkrieg vor Berliner Polizeiwachen mit einer zuvor eskalierten Auseinandersetzung rivalisierender türkischer Gruppen zusammenhängen.
Die B.Z. berichtet unter Berufung auf eigene Informationen, bei dem Angeschossenen handele es sich um einen völlig unbeteiligten Menschen, der weder mit der vorangegangenen Tat noch mit den daran beteiligten Personen in Verbindung stehe – ein mutmaßlicher Racheakt, der ein Zufallsopfer traf. Eine Clan-Beteiligung kann nach B.Z.-Informationen derzeit nicht ausgeschlossen werden.
Der Ablauf stellt sich nach B.Z.-Informationen so dar: Ein 37-jähriger Tatbeteiligter sei mit auf den Polizeiabschnitt Perleberger Straße genommen worden; als dieser gegen 2 Uhr die Wache verließ, soll ein Auto angefahren gekommen sein, aus dem dann geschossen wurde. Insgesamt zwei Schüsse seien abgefeuert worden – einer traf einen abgestellten Pkw, der andere den Oberschenkel des 22-Jährigen.
Die GdP warnt vor der Durchbewaffnung
Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin, Stephan Weh, nannte die Tat eine „Dimension, die niemand mehr schönreden kann“. Die fortschreitende Entwicklung sei besorgniserregend, sagte er mit Blick auf die Schüsse direkt vor einer Wache.
Weh warnte vor einer zunehmenden Bewaffnung krimineller Milieus. Die GdP fordert mehr Personal, bessere technische Ausstattung und schärfere Gesetze – unter anderem solle der Umgang mit illegalen Waffen auf Bundesebene künftig als Verbrechen eingestuft werden.
„Wir haben eine Durchbewaffnung der Szene, international agierende Banden sehen Berlin als Biotop, in welchem man mit Waffengewalt Geschäftsfelder neu ausloten kann. Wer hier von Abrüstung der Polizei spricht, hat den Verstand verloren.“
Ein Fall in einer ganzen Serie
Der Fall reiht sich in eine Serie von Schusswaffendelikten in Berlin ein. 2025 registrierte die Polizei 1.119 Fälle von Schusswaffengebrauch – darunter auch Drohungen ohne tatsächlichen Schuss. Das Landeskriminalamt hat mit seiner Sondereinheit „Ferrum“ inzwischen weit mehr als 600 Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Mehr als 4.000 Fahrzeuge und Hunderte Lokale und Geschäfte wurden überprüft, mehrere hundert Menschen vorübergehend festgenommen. Erst am Donnerstag zuvor war ein 17-Jähriger in Berlin-Steglitz durch Schüsse schwer verletzt worden; im September wurde zudem ein Mann in der Nacht auf der Sonnenallee erschossen, ohne dass bislang Tatverdächtige ermittelt wurden.
In dieselbe Reihe gehören die tödlichen Schüsse am Hardenbergplatz vor dem Bahnhof Zoo und die Schüsse auf den Friseursalon von Rapper Samra. Die Schützen aus dem grauen Pkw in Moabit sind weiterhin flüchtig. Ob die Attacke vor der Wache eine Vergeltung für die Messerstecherei in Wedding war und wer feuerte, ist bislang offen.
