65.000 Euro hat Ferdinand H. an eine Investmentplattform überwiesen, die nach Erkenntnissen der Ermittler nie existierte. Aufmerksam wurde er auf einen Artikel, der aussah wie ein Beitrag der tagesschau – darin hieß es, eine ZDF-Talkshow mit Bundeskanzler Friedrich Merz sei abgebrochen worden, weil der Kanzler nicht über die Plattform „Immediate Edge“ sprechen lassen wollte, mit der die „Elite“ angeblich seit Jahren Geld verdient. Verlinkt war aber eine Seite namens „Nexus Advisor“.
Ein Anruf nach 20 Minuten, 250 Euro zum Einstieg
H. hielt den Text für echt: „Ich habe den Text gelesen und fand es interessant.“ Er tippte seine Kontaktdaten in ein Formular. Zwanzig Minuten später meldete sich eine vermeintliche Mitarbeiterin telefonisch, machte einen seriösen Eindruck und fragte nach seinem Jahreseinkommen. Sie kündigte einen persönlichen Broker an: „M. Hoffman“. Der habe erklärt, wie man auf der Plattform investiert – „alles hochprofessionell aufgebaut“, sagt H.
H. überwies zunächst 250 Euro. Für Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck von der Zentralstelle Cybercrime Bayern ist das der absolute Standardbetrag dieser Masche – niedrigschwellig genug zum Ausprobieren. Binnen weniger Tage zeigte das Portfolio daraus rund 1.000 Euro an. H. ließ sich Geld auszahlen und erhielt es tatsächlich. Für Jörn Rehren vom Bundesverband der Verbraucherzentrale schaffen solche kleinen Auszahlungen Vertrauen, wenn die Betrüger sicher sind, dass beim Opfer viel Geld zu holen ist.
H. investierte 5.000 Euro, kurze Zeit später weitere 30.000. Als er erneut Geld auszahlen lassen wollte, drängte ihn „Hoffman“, eine Krypto-Wallet zu eröffnen und dort 30.000 Euro als Sicherheit zu hinterlegen. Weil H. nicht wusste, wie das geht, erlaubte er dem Broker den Fernzugriff auf seinen PC. Am nächsten Tag fand er in der Wallet statt 30.000 Euro nur noch 32 Cent. Seine Frau brachte ihn zur Polizei, die den Betrug bestätigte – die 65.000 Euro sind vermutlich für immer verloren.
„Als die Polizei mir das gesagt hat, war mein Lebenswille nicht mehr sehr hoch. Ich war vollkommen fertig.“
Netzwerke wie global agierende Konzerne
Goldbeck beschreibt die Täter als „hochkomplexe Täter-Netzwerke“ – „industriegleiche Syndikate, gewissermaßen global agierende Konzerne, die häufig aus Hunderten Personen bestehen“. Die Zentren liegen meist in Georgien, der Ukraine, Albanien, Israel oder Zypern. Von dort werde nicht nur der deutsche Markt attackiert, sondern auch viele andere Staaten und Sprachräume.
Allein in Bayern gibt es mehr als 120 rechtskräftige Verurteilungen; 2025 erstatteten dort rund 5.000 bis 6.000 Menschen Anzeige. Der Schaden, den die Anlagebetrug-Masche mit gefälschten Nachrichtenseiten anrichtet, geht in die Milliardenhöhe. Goldbeck sagt: „Das Geld steht nicht für die Altersvorsorge zur Verfügung.“ Verluste lägen häufig im fünf- und sechsstelligen Bereich, sogar manchmal in Millionenhöhe.
ARD-aktuell gegen den Markenmissbrauch
ARD-aktuell-Chefredakteur Marcus Bornheim sagt: „In Fällen wie diesen wird das tagesschau-Logo missbräuchlich verwendet – ganz klar ohne Zustimmung der tagesschau.“ Sobald ein Hinweis auf eine solche Seite eingehe, gehe man dagegen vor. Seit Anfang 2026 arbeitet ARD-aktuell dafür mit einem externen Dienstleister, der Markenrechtsverstöße im Internet verfolgt.
Verbreitet werden die Fälschungen über bezahlte Anzeigen: Der BR-#Faktenfuchs dokumentierte im Sommer 2026 mindestens 40 betrügerische Anzeigen mit Fake-Nachrichtenseiten auf X sowie Anzeigen auf Facebook und Instagram. Die Plattformbetreiber erfüllen ihre Transparenzpflicht nach dem EU-Digital-Services-Act laut dieser Recherche nur unzureichend.
Von den ersten Fake-Seiten bis zur neuen Welle
- 28. April 2022Erste Berichte über gefälschte Nachrichtenseiten
Der ARD-Faktenfinder berichtet über Fälschungen unter Marken wie tagesschau, Spiegel und BBC.
- 18. August 2025Betrug mit Fake-Seiten bleibt hoch im Kurs
Ein Kontextbeitrag beziffert die Schäden in Milliardenhöhe.
- Anfang 2026ARD-aktuell schaltet externen Dienstleister ein
Der Anbieter soll Markenrechtsverstöße im Internet verfolgen.
- Sommer 2026BR-#Faktenfuchs findet Anzeigen mit Fake-Seiten
Mindestens 40 betrügerische Anzeigen auf X sowie Anzeigen auf Facebook und Instagram.
- 28. September 2026Der Fall Ferdinand H. wird publik
Der Anleger verlor 65.000 Euro über die Plattform Nexus Advisor.
Was Betroffene jetzt tun können
Betroffenen rät Rehren, keinen weiteren Euro zu zahlen und Anzeige zu erstatten – gut vorbereitet mit allen Informationen über Betrüger und Plattform. Ein Online-Tool der Verbraucherzentrale prüft Investment-Angebote auf Seriosität. Auch H. wurde ein zweites Mal bedrängt: „Hoffman“ verlangte weitere 10.000 Euro, um das verlorene Geld zurückzuholen.
Solche „Recovery Scams“ setzen Opfer ein zweites Mal unter Druck. „Darauf habe ich natürlich nicht mehr reagiert“, sagt H. Er hofft, mit seiner Geschichte andere zu warnen. Ähnlich hart traf es Ältere bei anderen Betrugsmaschen: 90-Jähriger verliert 450.000 Euro an falsche Polizisten. Wie viele weitere Menschen auf die Fälschungen hereinfallen, wissen die Ermittler nicht – sie rechnen weiter mit Zehntausenden Opfern pro Jahr.
