Schwuler Student begründet AfD-Wahl nach CSD-Anschlag in Berlin
Ein 20-jähriger schwuler Student mit osteuropäischem Migrationshintergrund sagt, er habe die AfD gewählt – wegen misslungener Integration, homophober Angriffe und des islamistischen Anschlags beim Berliner CSD. Die WELT veröffentlichte seinen Bericht nach einem Leseraufruf; unabhängig geprüft ist er nicht.
Ein 20-jähriger Student aus Köln ist offen schwul, in Dortmund aufgewachsen, hat osteuropäische Wurzeln – und sagt, er habe bei der Bundestagswahl 2025 die AfD gewählt; frühere Wahlen habe er anders entschieden. Der Erfahrungsbericht über den schwulen AfD-Wähler erschien am 24. September in der WELT, am 30. September folgte der Nachdruck in der Printausgabe. Sein Name wurde auf seinen Wunsch geändert: Jamie Florescu.
Der Text steht quer zur Erwartung, die er selbst beschreibt: In einem links-grün geprägten akademischen Umfeld werde aus seiner Queerness und seiner Migrationsgeschichte abgeleitet, welche politischen Überzeugungen er haben müsse. Er dreht das um – und begründet seine Wahl mit misslungener Integration, homophoben Anfeindungen und islamistischer Gewalt. Für die Partei ist das kein Randphänomen: der Report über den Rechtsruck bei jungen Wählern.
Ein Leseraufruf, kein geprüftes Porträt
Grundlage ist der Aufruf an junge AfD-Wähler, den WELT-Redakteurin Uma Sostmann am 11. September veröffentlichte. Gesucht wurden Menschen unter 25, „die AfD wählen oder es vorhaben“. Der Aufruf nennt für Sachsen-Anhalt einen AfD-Anteil von etwa 42 Prozent in dieser Altersgruppe.
Dort hieß es, eingesandte Geschichten würden „leicht gekürzt und für die Lesbarkeit redigiert“ veröffentlicht; anonyme Einsendungen waren ausdrücklich möglich. Die Redaktion erklärt zugleich, sie gehe davon aus, „dass sich die Situation so wie beschrieben zugetragen hat“. Ein unabhängig geprüftes Porträt ist der Ich-Text damit nicht, sondern ein redigierter Erfahrungsbericht. Bereits am 18. September war ein Reihenbeitrag mit sieben jungen AfD-Wählern erschienen.
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Der Bruch kam nach 2015
Seine Kindheit beschreibt Florescu als „heile Welt“: Kinder unterschiedlichster Herkunft seien gemeinsam schwimmen gegangen, hätten am christlichen Religionsunterricht teilgenommen und auf Initiative einer jüdisch-russischen Mitschülerin die Synagoge im Viertel besucht. Den Bruch markiert für ihn die Zeit nach 2015, als „die ersten Flüchtlingsklassen“ an seine Schule kamen. Als später seine Schwester dieselbe Schule besuchte, habe sie „trotz eigener Migrationsgeschichte“ zu den wenigen Kindern ihrer Klasse gehört, die Deutsch als Muttersprache hatten.
In der Schulkantine sei Schweinefleisch abgeschafft worden, und es habe Diskussionen gegeben, ob Mitschüler während des Ramadans aus Rücksicht ihre Wasserflaschen weglassen sollten. Solche Beobachtungen anzusprechen sei schwierig gewesen, weil viele Lehrer „politisch eher links oder grün orientiert“ gewesen seien. Als Gegenbild nennt er ein Austauschjahr an einer öffentlichen Highschool in den US-Südstaaten und ein Auslandssemester in Polen. Leitkultur bedeute für ihn „Sprache, gegenseitige Rücksichtnahme, Rechtsstaatlichkeit, Respekt vor dem öffentlichen Raum“.
„Deutsch ist meine erste Sprache, Deutschland das Land meiner Sozialisation.“
Jamie Florescu, Student (Name auf Wunsch geändert)
Der Anschlag als Wendepunkt
Als zweiten entscheidenden Faktor nennt Florescu seine Queerness: In seiner Dortmunder Jugend sei er mehrfach homophob angefeindet, auf der Straße als „Schwuchtel“ beschimpft und einmal mit einem Messer bedroht worden. Solche Situationen seien „besonders häufig von jungen Männern aus stark konservativ geprägten, migrantischen Milieus“ ausgegangen. Auf der deutschen Seite seiner Familie sei sein Schwulsein kein Problem gewesen, auf der osteuropäischen habe es erheblichen Widerstand gegeben; seine Großeltern wüssten bis heute nichts davon.
Als „entscheidenden Wendepunkt“ beschreibt er den 25. Juli 2026: Am Rande des Berliner CSD steuerte ein 21-Jähriger einen Kleintransporter in eine Menschenmenge und griff Menschen mit einer Machete an. Eine Frau starb, 31 Menschen wurden teils schwer verletzt; der Täter, nach Angaben der Sicherheitsbehörden als islamistischer Gefährder eingestuft, wurde einen Tag später bei einem Festnahmeversuch erschossen. Florescu befand sich nach eigenen Angaben in unmittelbarer Nähe. Der Bremer Verfassungsschutzchef Thorge Koehler warnt, die Gefahr komme von zwei Seiten.
„Leider geht von beiden eine sehr große Gefahr aus. Es gab den schrecklichen Anschlag in Berlin, aber genauso in den letzten zwei, drei Jahren immer wieder mal von rechtsextremistischen Jugendgruppen gewalttätige Proteste gegen CSD-Veranstaltungen sowie Angriffe auf queere Menschen.“
Thorge Koehler, Leiter des Landesamts für Verfassungsschutz Bremen
Tabu, Distanz – und die Parteispitze
Florescu betont, seine Entscheidung sei keine Identifikation mit der ganzen Partei: Die AfD sei für ihn „lange ein absolutes Tabu“ gewesen und in seinem studentischen Umfeld weitgehend noch immer; mit Positionen, Aussagen und Personen der Partei habe er „erhebliche Probleme“. Gegen das Bild einer grundsätzlich homophoben Wählerschaft führt er die Parteispitze an. Seine Motive decken sich mit einem Muster, das Zuwanderungsangst als stärksten Antrieb der AfD-Wähler beschreibt.
„Solange an der Spitze der AfD eine offen lesbische Frau steht, die mit einer Frau mit Migrationsgeschichte verheiratet ist und mit ihr Kinder großzieht, fällt es mir jedenfalls schwer, das einfache Bild einer Partei zu übernehmen, deren Wähler grundsätzlich etwas gegen Menschen wie mich hätten.“
Jamie Florescu, Student (Name auf Wunsch geändert)
Einordnend griff die tschechische Zeitung iDNES.cz die WELT-Geschichte am 26. September auf und verband sie mit einer ZDF-Umfrage vom 25. September: Danach stieg die AfD bundesweit um einen Punkt auf 28 Prozent, CDU/CSU verlor einen Punkt und sank auf 21 Prozent. Übersetzt wurden auch Florescus Kernbeobachtungen – von der Sorge, Zugewanderte identifizierten sich nicht mit Deutschland, bis zum Schweinefleisch in der Schulkantine. Ob die WELT weitere dieser Berichte veröffentlicht und ob die AfD auf die beschriebenen Widersprüche eingeht, ist offen.