Grafing hat seinen Bürgermeister verloren – binnen weniger Minuten, mitten in einer Ausschusssitzung. Christian Bauer (CSU) brach am Dienstagabend, 29. September 2026, kurz nach Eröffnung des Bau-, Umwelt- und Werkausschusses im Grafinger Rathaus ohne äußeren Anlass bewusstlos zusammen und starb am frühen Abend im Alter von 57 Jahren im Klinikum Ebersberg München Ost.
Ausschussmitglieder begannen sofort mit Herzdruckmassage, Beatmung und Defibrillator. First Responder und Notarzt übernahmen die Reanimation; die Feuerwehr barg den Bewusstlosen mit einer Drehleiter über ein großes Rathausfenster, der Marktplatz wurde kurzfristig gesperrt. Laut dem Merkur-Bericht über den Zusammenbruch in der Sitzung hatte Bauer kürzlich eine Lungenentzündung überstanden und war weiter gesundheitlich angeschlagen.
Die Sitzung leitete Bauer selbst, weil sein Stellvertreter Christian Einhellig (FW) mit einer schweren Erkältung im Bett lag. Am Vortag hatte er Einhellig gesagt, er solle sich erholen – er könne die Bauausschusssitzung selbst übernehmen.
Ein Rathaus unter Schock
Am Mittwoch blieb das Rathaus für den Parteiverkehr geschlossen. Vor dem Gebäude legten Grafinger Kerzen und Blumen nieder, Flaggen hingen mit Trauerflor, die Beschäftigten gedachten ihres Bürgermeisters. Die Stadtverwaltung wies auf ihrer Internetseite auf die Schließung des Rathauses am 30. September hin.
Landrat Robert Niedergesäß (CSU) brach am Dienstagabend eine Arbeitsgruppensitzung der Kreistagsfraktionen ab. „Wir sind alle fassungslos, bestürzt, voller Traurigkeit und in Gedanken bei Christian Bauer und bei seiner Familie“, sagte er.
„Mit ihm verlieren die Stadt Grafing und der gesamte Landkreis Ebersberg einen engagierten Bürgermeister und Kreisrat, einen überzeugten Kommunalpolitiker und vor allem einen herzlichen und lebensfrohen Menschen, der von allen sehr geschätzt wurde.“
Politiker im Landkreis Ebersberg, Vereine, Feuerwehr und Bevölkerung reagierten mit großer Bestürzung. Thomas Huber, Landtagsabgeordneter und CSU-Kreisvorsitzender, brachte die Stimmung auf einen Satz: „Heute steht Grafing still.“
In Gauting ist in diesem Jahr die erste Bürgermeisterin der Gemeinde gestorben: der Tod von Gautings erster Bürgermeisterin liegt gut drei Monate zurück.
Ein Leben für Grafing
Bauer kam über die Kämmerei in die Politik. 1997 zog er mit seiner Frau Andrea nach Grafing und übernahm die Stadtkämmerei; mehr als 20 Jahre lang verantwortete er die Finanzen der Stadt – nach Angaben der Ebersberger Zeitung waren es 22 Jahre.
2020 trat er für die CSU gegen die amtierende Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) an und gewann die Stichwahl mit 54,0 Prozent der Stimmen. Bei der Kommunalwahl im März 2026 wurde er als Amtsinhaber bereits im ersten Wahlgang mit 60,8 Prozent wiedergewählt und trat seine zweite Amtszeit an.
Bauer hinterlässt seine Ehefrau Andrea, mit der er seit 1994 verheiratet war, und drei erwachsene Kinder: zwei Töchter und einen Sohn.
Vom Kämmerer zum Bürgermeister – und der Tag, an dem alles endete
- 1997Ankunft in Grafing
Christian Bauer zieht mit seiner Frau Andrea nach Grafing und übernimmt die Stadtkämmerei. Er leitet die Finanzen der Stadt mehr als 20 Jahre lang.
- 2020Erfolg in der Stichwahl
Bauer kandidiert für die CSU gegen Amtsinhaberin Angelika Obermayr (Grüne) und gewinnt mit 54,0 Prozent der Stimmen.
- März 2026Wiederwahl im ersten Wahlgang
Mit 60,8 Prozent der Stimmen wird Bauer als Amtsinhaber bestätigt und beginnt seine zweite Amtszeit.
- 28. September 2026Einhellig soll sich erholen
Bauer sagt seinem erkrankten Stellvertreter Christian Einhellig, er könne die Bauausschusssitzung selbst leiten.
- 29. September 2026Zusammenbruch und Tod
Bauer eröffnet die Sitzung, verliert kurz danach ohne äußeren Anlass das Bewusstsein und stirbt am frühen Abend im Klinikum Ebersberg München Ost.
- 30. September 2026Rathaus bleibt geschlossen
Die Amtsgeschäfte gehen an die Stellvertreter Einhellig und Biesenberger über; binnen drei Monaten soll ein Nachfolger gewählt werden.
Was die Weggefährten sagen
Auch politische Gegner trauern. Der SPD-Stadtrat Christian Kerschner beschrieb die Ohnmacht der Sitzungsteilnehmer, die mit der Wiederbelebung begonnen hatten: „Ich habe mich selten so hilflos gefühlt.“
Kathrin Alte, Bürgermeisterin von Anzing, verband ihre Trauer mit dem letzten Treffen im Kreis der Rathauschefs: „Lieber Christian, es ist unfassbar, dass du mitten aus dem Leben gerissen wurdest. Noch vergangene Woche hatten wir im Kreis der Bürgermeister Pläne und Ideen für die kommenden Monate diskutiert und auch viel gelacht. Du hinterlässt eine große Lücke.“
Ulrich Proske, Bürgermeister von Ebersberg, hob Bauers Art hervor: „Der Christian war ein sehr geradliniger, ehrlicher Mensch, der zu vielen Dingen eine Meinung hatte, die er ausgesprochen klar vertreten hat. Man hat sich immer auf ihn verlassen können.“
Für Thomas Huber, Landtagsabgeordneter und CSU-Kreisvorsitzender, geht der Verlust über das Amt hinaus. Er nannte Bauer „ein Menschenfreund“ – und schrieb einen persönlichen Nachruf:
„Für Grafing ist sein Tod ein unermesslicher Verlust. Für mich aber ist heute nicht nur der Bürgermeister unserer Stadt gegangen, ich habe einen guten Freund verloren.“
Wer führt Grafing jetzt?
Die Amtsgeschäfte gehen automatisch auf die beiden Stellvertreter über: Christian Einhellig (FW), der am Dienstag selbst krank im Bett lag, und Josef Biesenberger (Grüne).
Nach Angaben des Bayerischen Gemeindetags muss binnen drei Monaten ein Nachfolger gewählt werden. Wer die Wahl gewinnt, bleibt bis zur Kommunalwahl Anfang 2032 im Amt.
Bis zur Wahl führen Einhellig und Biesenberger die Amtsgeschäfte. Offen ist, wann Grafing die Neuwahl ansetzt – und wer sich in einer Stadt, die gerade ihren Bürgermeister verloren hat, für dieses Amt zur Wahl stellt.
