Nur 24 Prozent der Deutschen halten die Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften für ein geeignetes Mittel gegen hohe Mieten. 73 Prozent verneinen das, drei Prozent wissen es nicht. Das ergab eine Forsa-Umfrage für Stern und RTL unter 1.009 Befragten am 24. und 25. September, über die die n-tv-Zusammenfassung der Umfragewerte berichtet.
Die Zahlen treffen mitten in einen offenen Streit. Die Linke in Berlin will große Wohnungskonzerne vergesellschaften. Auf Bundesebene steht ein möglicher Stopp solcher Vergesellschaftungen per Bundesgesetz in der Debatte.
Vom Volksentscheid zum Umfrageergebnis
Die Forderung ist nicht neu. Am 26. September 2021 stimmten in Berlin 57,6 Prozent für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne im Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“. Bei der Berliner Wahl 2026 machte die Linke genau das zu ihrem zentralen Vorhaben und wurde damit Wahlsiegerin, wie der Sieg der Linken bei der Berlin-Wahl zeigt.
Kurz darauf rückte auch die Bundesebene in den Blick: Erste Meldungen zur Forsa-Umfrage und zum Vorhaben des Kanzlers erschienen am 28. September, die Zahlen selbst veröffentlichte der Stern am 29. September.
Von der Abstimmung 2021 bis zur Umfrage 2026
- 26. September 2021Volksentscheid in Berlin
57,6 Prozent stimmen für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne.
- 20. September 2026Linke wird bei der Abgeordnetenhauswahl Wahlsiegerin
Die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne wird zum zentralen Vorhaben der Partei.
- 24.–25. September 2026Forsa befragt bundesweit 1.009 Deutsche
Im Auftrag von Stern und RTL geht es um Enteignungen als Mittel gegen hohe Mieten.
- 27. September 2026Debatte über die Wirkung auf die Mieten
Deutschlandfunk und BR24 kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass eine Vergesellschaftung keinen neuen Wohnraum schafft.
- 28. September 2026Erste Meldungen zur Umfrage
Zeitgleich steht der Plan von Kanzler Merz in der Debatte, Vergesellschaftungen per Bundesgesetz zu stoppen.
- 29. September 2026Der Stern veröffentlicht die Zahlen
73 Prozent halten Enteignungen nicht für geeignet, 24 Prozent dafür, drei Prozent wissen es nicht.
Zustimmung nur bei Linke-Anhängern
Die Aufschlüsselung nach Parteianhängern zeigt, wie einsam die Befürworter dastehen. Einzige Wählergruppe mit mehrheitlicher Zustimmung sind die Anhänger der Linkspartei: 78 Prozent halten die Enteignung für geeignet, 20 Prozent nicht. Bei den Anhängern der AfD lehnen 92 Prozent ab, nur 7 Prozent stimmen zu.
Bei der Union stehen 88 Prozent dagegen und 9 Prozent dafür. Bei den SPD-Anhängern sind 23 Prozent dafür und 73 Prozent dagegen, bei den Anhängern der Grünen 30 Prozent dafür und 65 Prozent dagegen. Auch in den Reihen der Regierungsparteien trägt das Instrument keine Mehrheit.
Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften: Zustimmung nach Parteianhängerschaft
Antworten auf die Frage, ob Enteignungen ein geeignetes Mittel gegen hohe Mieten sind
Artikel 15 statt Artikel 14
Streitpunkt ist die Rechtsgrundlage. Die Berliner Pläne setzen nicht auf die Enteignung nach Artikel 14 Grundgesetz, die eine Entschädigung zum Marktwert verlangt. Sie setzen auf die Vergesellschaftung nach Artikel 15, die eine Überführung in Gemeineigentum erlaubt – und die in der Bundesrepublik nie angewandt wurde.
Der Unterschied ist der Preis: Weil Artikel 15 keine Entschädigung zum Marktwert vorschreibt, könnten die Zahlungen an die Konzerne deutlich niedriger ausfallen als bei einer Enteignung nach Artikel 14.
Die Linke in Berlin macht daraus keinen Hehl. Spitzenkandidatin Elif Eralp sagt: „Wenn die Linke regiert, wird vergesellschaftet. Das habe ich so gesagt und dabei bleibe ich auch.“ An dieser Zusage wird sich der künftige Senat messen lassen müssen – und an ihr entzündet sich der Widerstand in Bund und Opposition.
Ost und West: neuer Wohnraum entsteht nicht
Regional fällt die Ablehnung unterschiedlich scharf aus. In Ostdeutschland halten 30 Prozent die Enteignung für ein geeignetes Mittel, 67 Prozent nicht. In Westdeutschland sind es 22 Prozent dafür und 74 Prozent dagegen.
Ob die Vergesellschaftung die Mieten drückt, bezweifeln die Befragten: 73 Prozent halten den Weg nicht für geeignet – wie die Auswertung der Jungen Freiheit zu den Forsa-Zahlen zeigt. Deutschlandfunk und BR24 diskutierten am 27. September die mögliche Wirkung und kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass eine Vergesellschaftung keinen neuen Wohnraum schafft.
Auch die Kosten sind umstritten. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft warnt Berlin vor der Vergesellschaftung von 220.000 Wohnungen; seine Berechnung der Entschädigung von 20,1 Milliarden Euro ist Teil der Debatte.
Merz will Vergesellschaftungen per Gesetz stoppen
Der Widerstand reicht bis in die Bundesregierung. Seit dem 28. September steht der Plan von Kanzler Merz in der Debatte, Vergesellschaftungen per Bundesgesetz zu stoppen. Damit würde der Bund das Instrument ausschließen, auf das die Linke in Berlin setzt.
Der AfD-Politiker Markus Buchheit verweist in einem Beitrag vom 30. September auf die 73 Prozent der Umfrage:
„73 Prozent der Deutschen glauben nicht, dass Enteignungen die Mieten senken.“
Offen ist, wann Merz einen Gesetzentwurf vorlegt und ob Berlin bis dahin eigene Schritte einleitet. Für den künftigen Senat wird die Entschädigungsfrage zur ersten großen Belastungsprobe: Für die Pläne gibt es im Bund keine Mehrheit – außer bei den Anhängern der Linken selbst.
