Ein versagender Zünder hat womöglich ein Inferno auf dem Flughafen Leipzig/Halle verhindert. Deutsche Sicherheits- und Geheimdienste haben den mutmaßlichen Drahtzieher des versuchten Drohnenanschlags identifiziert: den russisch-lettischen Doppelstaatler Oleg Lewuschkin.
Lewuschkin soll den Anschlag geplant und vorbereitet haben. Ausführen sollte ihn nach Erkenntnissen der Ermittler ein zweiter Mann: der Belarusse Andrei K., den die Behörden intern als „Wegwerf-Agenten“ führen.
In der Nacht zum 5. August traf eine mit 1,8 Kilogramm Semtex beladene Drohne den Flügel einer ukrainischen Antonow An-124 und stürzte ohne Detonation auf das Rollfeld. Nach bisherigen Erkenntnissen verhinderte ein defekter Zünder die Explosion.
Ein Wegwerf-Agent aus Belarus
An einer improvisierten Antennenanlage sicherten die Ermittler DNA-Spuren von Andrei K. Der Belarusse, mit bürgerlichem Namen Karschakou, wird zudem mit einem Brandanschlag in Łódź im Jahr 2024 in Verbindung gebracht.
Der Weg des Sprengstoffs: 1,8 Kilogramm Semtex sollen über Bulgarien und Serbien nach Deutschland geschmuggelt worden sein – versteckt in Hohlräumen von Lastwagen.
Der Fall steht in einer Serie. Am 20. Juli 2024 entzündete sich ein Brandsatz-Paket beim Verladen am Flughafen Leipzig/Halle. Zwei Tage später brannte ein Paket in Birmingham.
Die Spur führt zur Einheit 29155
Als organisatorischer Hintergrund gilt die GRU-Einheit 29155. Ein litauisches Dossier beschreibt sie als Einheit, die mit Tötungen, Infrastrukturzerstörung und Terrorakten in westlichen Staaten beauftragt sein soll. Auch US-Geheimdienste sehen eine GRU-Handschrift hinter der Leipziger Sprengdrohne.
Eine Schlüsselfigur ist GRU-Oberst Denis Smoljaninow. Die EU setzte ihn im Oktober 2024 auf ihre Sanktionsliste. Ein litauischer Geheimdienstbericht bezeichnete ihn im Dezember 2025 als Leiter der Ukraine-Abteilung des GRU.
Zwischen Lewuschkin und Smoljaninow besteht eine alte Verbindung. Dokumente des Dossier Center zeigen, dass der Oberst im Juni 2007 bei einem finanziellen Streit um Lewuschkins Firma LLC Iva vermittelte. 2009 soll er sich dafür eingesetzt haben, dass die Firma mit den russischen Streitkräften ins Geschäft kommt. 2016 ging es um Lewuschkins russischen Aufenthaltstitel – später erhielt er einen russischen Pass.
Von der ersten Begegnung bis zum Drohnenflug
- Juni 2007Beginn der Bekanntschaft
Smoljaninow vermittelt laut Dossier-Center-Dokumenten bei einem finanziellen Streit um Lewuschkins Unternehmen LLC Iva.
- 2019Motorradrennen bis zur Krim
Lewuschkin nimmt an einem 11.000 Kilometer langen Rennen quer durch Russland bis zur Krim teil.
- Januar bis August 202313 Grenzübertritte nach Lettland
Grenzdaten zufolge pendelt Lewuschkin 13 Mal zwischen Russland und der EU-Außengrenze; im Juli 2023 hält er sich in Mariupol und auf der Krim auf.
- Oktober 2024EU sanktioniert GRU-Oberst Smoljaninow
Die Europäische Union setzt den Oberst auf ihre Sanktionsliste.
- November 2025Litauisches Dossier zur Einheit 29155
Der Bericht beschreibt die Einheit als mit Tötungen und Terrorakten in westlichen Staaten beauftragt.
- 4./5. August 2026Drohne trifft die Antonow An-124
Eine mit 1,8 Kilogramm Semtex beladene Drohne trifft den Flügel des Frachters und stürzt ohne Detonation ab.
Sprengstoffdosen in Kaunas und ein Mietwagen
Schon am 20. August 2024 gruben litauische Ermittler auf einem Friedhof in Kaunas zwei mit Sprengstoff gefüllte Dosen aus. Im Januar und im Juni 2025 wurden weitere solcher Dosen in Litauen gefunden – vier davon mit identischen gestanzten Metallplatten.
Die Vorbereitung in Leipzig lässt sich inzwischen datieren. Am 27. Juli 2026 mietete Lewuschkin laut Ermittlungsakten ein Auto am Flughafen Berlin-Brandenburg. Am 31. Juli wurde das Fahrzeug in der Nähe des Flughafens Leipzig/Halle geortet – nach Einschätzung der Behörden eine Aufklärungsfahrt.
Berlin macht Russland verantwortlich
Am 1. September machte die Bundesregierung Russland offiziell für den Anschlagsversuch verantwortlich und schloss das russische Generalkonsulat in Bonn. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte die Beweise gegen Moskau später „gerichtsfest“.
Anfang September berichteten WDR, NDR und die Süddeutsche Zeitung über zwei identifizierte Tatverdächtige mit Verbindungen nach Russland. Am 2. Oktober nannten „The Telegraph“ und die „Welt am Sonntag“ die Namen; zunächst war nur von „Oleg L.“ die Rede. Der Tagesspiegel berichtete über die Identifikation des mutmaßlichen Hintermanns.
Robin Wagener von den Grünen, Mitglied im Verteidigungsausschuss, sagt: „Der russische Staatsterror gegen EU-Mitglieder soll die Ukraine und unseren Verteidigungswillen schwächen.“ Der frühere Chef des österreichischen Inlandsgeheimdienstes, Omar Haijawi-Pirchner, sagt: „Der Kreml versteht sein Verhältnis zu Europa als systemischen Konflikt.“
Behörden rechnen mit weiteren Anschlägen
Sicherheitsbehörden rechnen mit einer Verschärfung russischer Sabotageakte in Europa. Ein NATO-Vertreter sagt, Russland stehe unter einem Druck, der so hoch sei wie nie zuvor während dieses Krieges.
Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler, sieht darin ein psychologisches Ziel.
„Die Bevölkerung soll Angst haben vor einer direkten kriegerischen Auseinandersetzung und daher am Sinn der Hilfen für die Ukraine zweifeln.“
Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sagt: „Die Angriffe haben klar eine militärische Komponente. Russland sieht sich im Krieg mit der Nato, der EU und uns.“ Die Ermittlungen führt die Bundesanwaltschaft mit einem eigenen Verfahren; offen ist, ob die Spur über Lewuschkin hinaus bis zu Smoljaninow reicht.
