3,3 Prozent Teuerung im September – und jetzt will die Ökonomin Isabella Weber die Preise im Supermarkt deckeln. Im „Spiegel“ fordert sie staatlich gedeckelte Preise für Grundnahrungsmittel.
Nach ihrem Modell könnte die Bundesregierung große Handelsketten auffordern, Hauptnahrungsmittel zu stabilisierten Preisen anzubieten. Im Gegenzug gäbe es Subventionen und Steuervergünstigungen.
Haupttreiber der Teuerung waren die Energiepreise, Lebensmittel verteuerten sich im Durchschnitt um rund 0,4 Prozent. Die September-Zahlen wurden am 30. September bekannt – zwei Tage vor dem Interview.
Ein Bericht über Webers Preisdeckel-Plan im Supermarkt verweist zugleich auf einen kritischen Gegenkommentar mit dem Titel „Das Märchen von der erfolgreichen ‚antifaschistischen Wirtschaftspolitik‘“.
Wie das Modell funktionieren soll
Vorbild ist für Weber das „Jedermann-Programm“ des früheren Wirtschaftsministers Ludwig Erhard. Der Staat solle sich an den Grundbedürfnissen der Bevölkerung organisieren, sagt sie: bezahlbarer Wohnraum, stark verbilligter Nahverkehr, günstige Lebensmittel.
„Natürlich kann es nicht darum gehen, die Preise von 97 Kaugummiarten festzulegen. Aber für einen Warenkorb von Grundnahrungsmitteln.“
Der Satz begrenzt den Anspruch: Weber will Preise nicht für jedes Produkt festlegen, sondern für einen definierten Warenkorb. Für die Handelsketten formuliert sie eine Bedingung – „Sie dürfen nur keine Übergewinne erwirtschaften“, sagt sie.
Von der Gaspreisbremse zum Grundnahrungsmittel
Weber treibt das Thema seit Jahren um. Bereits im Februar 2021 fragte sie im Guardian, ob strategische Preiskontrollen helfen können, die Inflation zu bekämpfen. 2022 führte Deutschland die Gaspreisbremse ein, als deren Vordenkerin sie gilt.
Ganz neu ist der staatliche Eingriff in Preise damit nicht. Beim Sprit hat sich die Politik zuletzt auf Tankrabatt und einen staatlichen Preisdeckel verständigt.
Der Begriff hat inzwischen politische Träger. Im November 2024, einen Tag nach dem Wahlsieg von Donald Trump, brachte Weber eine „antifaschistische Ökonomie“ ins Gespräch. Kurz darauf kündigte die Linke um Jan van Aken und Ines Schwerdtner ein eigenes Konzept „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ an.
Von der Preiskontrolle zur Buchveröffentlichung
- Februar 2021Erster Vorstoß für Preiskontrollen
Isabella Weber fragt im Guardian, ob strategische Preiskontrollen helfen können, die Inflation zu bekämpfen.
- 2022Gaspreisbremse in Deutschland
Der Bund deckelt Gaspreise; Weber gilt als Vordenkerin des Instruments.
- November 2024Debatte um antifaschistische Ökonomie
Nach dem Wahlsieg Donald Trumps bringt Weber den Begriff ins Gespräch, die Linke greift ihn auf.
- 30. September 2026Inflationszahlen für September
Die Verbraucherpreise liegen 3,3 Prozent über dem Vorjahr, getrieben von Energie; Lebensmittel im Schnitt plus 0,4 Prozent.
- 1. Oktober 2026foodwatch fordert Debatte über Preisobergrenzen
Die Verbraucherorganisation plädiert in ihrer „Frage des Monats“ dafür, Preisobergrenzen für Grundnahrungsmittel zu diskutieren.
- 2. Oktober 2026Spiegel-Interview erscheint
Weber fordert Preisdeckel und staatliche Vorräte für Grundnahrungsmittel.
- 13. Oktober 2026Buchveröffentlichung
„Antifaschistische Wirtschaftspolitik. Warum unsere Demokratie auch von der Wirtschaftspolitik abhängt“ erscheint im Suhrkamp Verlag.
Warum Weber die AfD ins Spiel bringt
Weber verkauft ihre Vorschläge nicht als reine Preispolitik, sondern als Antwort auf den Aufstieg der AfD. Wer rechtsextrem wählt, leide häufig unter finanzieller Unsicherheit und suche einen Ausweg aus einem unerträglichen Status quo, argumentiert sie.
„Wir sehen, dass diejenigen, die die AfD wählen, häufig unter finanzieller Unsicherheit leiden. Sie wollen eine Alternative zu einem unerträglichen Status quo, und da erscheinen die Mythen der Rechtsextremen als Ausweg.“
In der AfD-Debatte verweisen Ökonomen des DIW und des IWH auf eigene Rechnungen: Setzt die AfD ihre Wirtschaftspolitik um, drohen Sachsen-Anhalt Einkommensverluste von 1.600 Euro pro Kopf.
Gegen den Vorwurf der Ideologie setzt Weber ihr eigenes Etikett. „Sie können so eine Politik als links abstempeln. Ich würde sagen, sie ist gesunder Menschenverstand“, sagt sie. Ihr Fazit: „Wir müssen aufräumen mit der neoliberalen Prämisse, es gebe keine Alternative.“
„Nötig ist eine gedankliche Wende in der Wirtschaftspolitik“, sagt Weber – und meint damit mehr als den Supermarkt. Die Forderung nach staatlichen Preisdeckeln greift den Satz im Titel auf.
Kritik von rechts – und von links
Kritik kommt aus beiden Lagern. Auf stb-web.de erschien eine „kritische Analyse“ der antifaschistischen Ökonomik, und auf labournet.de heißt es in einer Einschätzung, eine gerechte Sozialpolitik oder eine antifaschistische Wirtschaftspolitik reichten allein gegen den Rechtsrutsch nicht aus.
Die Debatte läuft ohnehin schon. Am 1. Oktober plädierte foodwatch in seiner „Frage des Monats“ dafür, Preisobergrenzen für Grundnahrungsmittel zu diskutieren, und verwies dabei auf Frankreich sowie auf staatlich unterstützte Supermärkte in den USA.
Einen festen Termin gibt es dennoch: Webers Buch „Antifaschistische Wirtschaftspolitik – Warum unsere Demokratie auch von der Wirtschaftspolitik abhängt“ erscheint am 13. Oktober 2026 im Suhrkamp Verlag. Offen bleibt, ob die Bundesregierung Preisdeckel für Grundnahrungsmittel aufgreift – und wer die Subventionen am Ende zahlt.
