Ukraine erobert bei Lyman seit Mai 176 Quadratkilometer zurück
Nördlich von Lyman täuscht das ukrainische 3. Armeekorps die russische Armee mit einem Scheinangriff und holt 51 Quadratkilometer in einer Phase zurück. Mehr als 250 Russen geraten in Gefangenschaft.
Die Ukraine hat nördlich von Lyman 51 Quadratkilometer in einer einzigen Phase zurückerobert – und Moskau dabei ausgetrickst. Mit Nove, Ridkodub und Katerynivka gingen am 28. September drei Orte im Norden der Oblast Donezk an das 3. Armeekorps, Karpivka und Nowomykhajliwka kamen wieder unter ukrainische Kontrolle. Seit Beginn der Operation „Vivaldi“ am 22. Mai summiert Kiew die Geländegewinne auf 176 Quadratkilometer.
Offiziell bekannt ist die Operation erst seit dem 15. September. Der Name folgt Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, angelegt sind vier Phasen – gemeldet bislang drei. Geführt wird der Vorstoß vom 3. Armeekorps unter Brigadegeneral Andrij Bilezkyj, der die Täuschung des Gegners zum Kern seiner Darstellung macht.
Die Operation „Vivaldi“ von Mai bis September
22. Mai 2026
Start im Geheimen
Das 3. Armeekorps beginnt die Operation nördlich von Lyman, öffentlich gemacht wird sie erst Monate später.
1. September 2026
Putins falsche Erfolgsmeldung
Auf dem Gipfel in Bischkek behauptet Putin die Einnahme von Swjatohirsk. Das ISW verifiziert, dass russische Verbände nie näher als 13 Kilometer herankamen.
7. September 2026
Antwort aus Swjatohirsk
Bilezkyj filmt sich auf dem Platz des Ortes und fordert Moskau auf, die „Clownsnasen abzusetzen“.
9. bis 11. September 2026
Frontkeil durchtrennt
Das ISW dokumentiert, dass der russische Vorstoßkeil endgültig getrennt ist.
15. September 2026
Offenlegung
Die Ukraine macht „Operation Vivaldi“ offiziell, Serednje ist befreit.
20. September 2026
Zweite Phase
Schandryholowe und Derylowe werden befreit, Drobyschewe kommt unter Kontrolle. Bilanz: 125 Quadratkilometer.
28. September 2026
Dritte Phase
Nove, Ridkodub und Katerynivka sind befreit, dazu 51 Quadratkilometer. Insgesamt 176 Quadratkilometer.
Ein Bluff, der russische Reserven verbrannte
Der eigentliche Hauptstoß war eine Täuschung. Das Armeekorps ließ einen Angriff in Richtung Schandryholowe und Selena Dolyna vorbereiten und russische Reserven dorthin verlegen. Erst danach kam der Schlag auf Nove – einen Schlüsselort und Höhenrücken am Brückenkopf, der damit das eigentliche Ziel war.
Bilezkyj macht diese Täuschung zum Kern seiner Darstellung: „Der Feind wurde getäuscht und hat den eigentlichen Schlag verpasst.“ Den Namen der Operation erklärt er mit Vivaldis vier Jahreszeiten – und ordnete die ersten Geländegewinne demonstrativ der ersten Phase zu.
„Vivaldi, wie jeder weiß, hat vier Jahreszeiten. Dies ist die erste davon.“
Andrij Bilezkyj, Kommandeur des 3. Armeekorps, Brigadegeneral
Drei Orte, 51 Quadratkilometer, 176 insgesamt
Die dritte Phase brachte Nove, Ridkodub und Katerynivka unter ukrainische Kontrolle, Karpivka und Nowomykhajliwka wurden nach ukrainischen Angaben zurückgewonnen. Bilezkyj beziffert die Gewinne dieser Phase auf 51 Quadratkilometer. Wie Kyiv Posts Bericht zu den befreiten Dörfern festhält, gelten seit Beginn der Operation 176 Quadratkilometer als zurückerobert.
Zuvor waren am 15. September Serednje und am 20. September in der zweiten Phase Schandryholowe und Derylowe befreit worden, dazu kam die Kontrolle über Drobyschewe. Damalige Bilanz: 125 Quadratkilometer. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am 25. September von „positiven Nachrichten“ in Richtung Lyman.
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2.000 Verluste, 250 Gefangene und eine unruhige Armee
Die russischen Verluste der dritten Phase beziffert Kiew auf rund 2.000 Tote und Verwundete, mehr als 250 Russen gerieten in Gefangenschaft – darunter Offiziere, Piloten und Artilleristen. Über die Lage in den russischen Stellungen berichten inzwischen auch Offiziere, Piloten und Artilleristen. Insgesamt summiert Kiew die Verluste der drei Phasen auf über 5.000 Mann. Selenskyj formuliert die Richtung öffentlich:
„Die Besatzer werden weiterhin eliminiert, und die festgelegten Ziele werden erreicht.“
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine
Neue Technik kam ebenfalls zum Einsatz. Die Ukraine baute erstmals sowjetische Schützenpanzer vom Typ BTR-60 zu ferngesteuerten Selbstsprengfahrzeugen um, in Berichten „Zombie-Autos“ genannt. Bodenroboter mit Granatwerfern wurden erstmals von schweren Bomberdrohnen hinter die russischen Linien transportiert. Zuletzt trafen ukrainische Drohnen auch Logistikziele bis zu 120 Kilometer hinter der Front.
Die Angriffe reichen inzwischen bis 120 Kilometer hinter die Front, nach anfänglich 50 Kilometern. Russland legte eine Treibstoffpipeline für die Oblast Luhansk still und verlegte Unterstützungselemente der 144. motorisierten Schützendivision in die Oblast Woronesch. Kremlnahe Militärblogger kritisieren eine Kultur „schöner Berichte“: Übertriebene Erfolgsmeldungen verzerrten die operative Planung und begünstigten ukrainische Vorstöße, so die Analyse des ISW zu russischen Erfolgsmeldungen.
Offen ist, was die vierte Phase bringt. Vier Jahreszeiten hat „Vivaldi“ angelegt, gemeldet sind bislang drei, ein viertes Update steht aus. Ob aus dem begrenzten Gegenangriff bei Lyman eine neue Gegenoffensive wird, entscheidet sich wohl daran, wie viele Reserven Moskau nach den Verlusten der ersten drei Phasen noch in den Norden der Oblast Donezk werfen kann.