Russische Drohnen treffen Kiews Südbrücke an zwei Tagen hintereinander
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Strategiewechsel

Russische Drohnen treffen Kiews Südbrücke an zwei Tagen hintereinander

Russland hat seinen Ukraine-Kurs umgestellt: Statt die Front zu durchbrechen, lässt der Kreml Düsen-Drohnen auf Städte und Kraftwerke fliegen und will die Ukraine bis Frühjahr 2027 zur Kapitulation zwingen. Die Abschussquote der ukrainischen Luftabwehr sank im September auf 55 Prozent.

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Mehr als 2730 Düsen-Drohnen hat Russland nach ukrainischen Angaben allein im September 2026 auf die Ukraine abgefeuert. Die Ziele liegen nicht mehr an der Front, sondern in den Städten: Kraftwerke, Wohnhäuser, Brücken.

Am 1. und 2. Oktober trafen russische Drohnen die Stützpfeiler der Südbrücke, einer zentralen Verkehrsader in Kiew. Erstmals rückt damit eine wichtige Brücke der Hauptstadt massiv ins Visier. Bei einem Treffer in einem Wohnhaus starb ein Mensch, Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko spricht von einem „sehr dramatischen“ Zustand der Stadt.

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Wir wissen aus Geheimdienstinformationen und von einigen Leuten um Putin, dass Putin Anfang September sagte: „Jetzt gibt es keine Regeln mehr.“ Die Russen konnten uns nicht besetzen. Also führen sie jetzt massive Angriffe und massives Töten durch. Und natürlich wollen sie auf unsere Brücken losgehen und, soweit wir verstehen, auf unsere Rechenzentren, Internet, Mobilfunknetz, Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Universitäten – alles. Sie wollen, dass die Menschen aus ihren Städten fliehen, und wir müssen alles tun, um unsere Menschen und Städte zu retten. F-16s zerstören jetzt 50 bis 60 % der Jet-Drohnen. Das ist ein Weg, und wir arbeiten viel daran, Waffen für F-16s zu bekommen. Der zweite Weg sind schnelle Abfangjäger. Jetzt haben wir fünf Abfangjäger im Test. An einem Tag sind sie 70 % effektiv, am anderen Tag – 30 %. Also, um die Frage zu beantworten „Wann können wir die Produktion hochskalieren?“ – wir haben nicht Milliarden, um eine Million Abfangjäger zu produzieren, die nicht funktionieren werden. Motoren sind der Schlüssel. Wir importieren viel und produzieren einige, aber diese Zahlen sind nicht genug. Also von diesen 5 Mustern wurden einige fünfmal verwendet, einige zehnmal und einige nur einmal. Aber du hattest einen und hast eine russische Drohne zerstört. Das ist das Problem. Ich kenne das genaue Datum nicht, aber im Oktober werden wir 400 dieser Abfangjäger haben. Und es ist normal, wenn du 400 Abfangjäger über mehrere Tage von Angriffen einsetzt und du sagst: „Schaut, Leute, sorry, aber es zerstört nur 10 %. Es funktioniert nicht.“ Oder zum Beispiel, wenn es 30 % oder mehr ist: „Großartig, Leute, ihr müsst ein bisschen daran arbeiten, und wenn der Prozentsatz 60–70 % ist – riesiger Erfolg.“ Aus einem Interview mit der Financial Times.

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Hinter den Angriffen steht ein Strategiewechsel des Kremls. Russland setzt nicht mehr auf den Durchbruch an der Front, sondern auf einen „Krieg der Städte“ – wie die FAZ-Analyse zu Putins neuem Siegesplan beschreibt.

Putins alter Plan ist gescheitert

2024 hatte Putin seinen Siegesplan so formuliert: „Unsere Truppen stoßen auf der ganzen Kontaktlinie vor. Jeden Tag, mehr oder weniger.“ Vorrücken, bis die Ukraine keine Soldaten mehr hat – das war die Rechnung.

Sie ist nicht aufgegangen. Die Netto-Geländegewinne der russischen Armee liegen seit dem Frühjahr bei ungefähr null. Aus diesem Stillstand folgt der Strategiewechsel, sagt die Russland-Expertin Sarah Pagung von der Körber-Stiftung.

Die Verluste sind enorm. Nach britischen Angaben hat Russland rund 1,5 Millionen Soldaten verloren – 500.000 Tote und eine Million Verletzte. Die ukrainischen Verluste sind laut der FAZ-Analyse vermutlich drei- bis viermal geringer.

Raketen sind billiger als Rekruten

Der kremlnahe Propagandakanal „Rybar“ nennt die Front inzwischen offen „statisch“. Er begründet den neuen Kurs mit den Kosten: Raketen und Drohnen seien günstiger als Hunderttausende neue Frontsoldaten.

Die Russland-Expertin Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik sieht darin den Kern der Strategie: „Die weitreichenden Luftschläge sollen militärischen Druck auf die Ukraine ausüben, ohne dass Russland eine neue größere Zwangsmobilmachung durchführen müsste.“

Möglich wurde das durch einen Technikwechsel. Von Juni bis August 2026 verachtfachte sich der Einsatz strahlgetriebener Drohnen, insgesamt rund 7700 seit Ende April 2026. Am 2. Oktober ließ Putin sich in Tschebarkul die neuen Strahltriebwerks-Drohnen „Geran-4“ und „Geran-5“ vorführen.

Für die ukrainische Luftabwehr sind die Jet-Drohnen deutlich schwerer zu treffen als Propellermodelle. Das Abwangergebnis russischer Langstreckendrohnen sank von früher 90 Prozent auf 55 Prozent im September 2026.

Abschussquote russischer Langstreckendrohnen

Anteil der abgefangenen Drohnen in Prozent

Quelle: Ukrainische Angaben, September 2026

Russlands Ziel: Kollaps im Winter

Die US-Denkfabrik ISW liest die Angriffe als Plan für einen Kollaps der Ukraine im Winter 2026/27: Heizungen, Industrie und Kraftwerke sollen ausfallen, bis das Land kapituliert – nach Einschätzung der Analyse bis zum Frühjahr 2027.

Putin hatte am 25. September erklärt, die Ukraine müsse Russlands „Vergeltungsschläge“ „spüren“. Am 30. September fiel in mehreren Regionen der Strom aus, ein Schulgebäude in Kiew wurde getroffen, eine Atomforschungsanlage beschädigt. Schon Ende August zerstörten russische Raketen und Drohnen ein Kraftwerk in Cherson, wie der Bericht über den Angriff auf Cherson zeigt.

Klitschko beschreibt die Folgen für den Alltag. Der WELT-Bericht über Klitschkos Lagebeschreibung zitiert den Bürgermeister mit den Worten: „Es ist nicht mehr möglich, so zu tun, als ob wir jetzt noch so wie in Friedenszeiten leben könnten. Der Feind reißt Kiew auseinander.“

Von Putins altem Plan zum Krieg der Städte

  1. 2024
    Putin kündigt den alten Siegesplan an

    Russische Truppen würden „auf der ganzen Kontaktlinie“ vorstoßen, bis die Ukraine keine Soldaten mehr hat.

  2. Ende April 2026
    Massiver Einsatz von Düsen-Drohnen beginnt

    Russland intensiviert den Einsatz strahlgetriebener Drohnen deutlich.

  3. Juni bis August 2026
    Einsatz verachtfacht sich

    Insgesamt feuert Russland rund 7700 strahlgetriebene Drohnen seit Ende April ab.

  4. 25. September 2026
    Putin fordert spürbare Vergeltung

    Die Ukraine müsse Russlands „Vergeltungsschläge“ „spüren“ – laut ISW ein Signal für eine Winter-Eskalation.

  5. 30. September 2026
    Stromausfälle in mehreren Regionen

    Ein Schulgebäude in Kiew wird getroffen, eine Atomforschungsanlage beschädigt.

  6. 1. und 2. Oktober 2026
    Südbrücke in Kiew getroffen

    Die Stützkonstruktionen werden beschädigt, die Brücke gesperrt, ein Mensch stirbt in einem Wohnhaus.

Luftabwehr, Ölgeld, Milliarden

Die FAZ nennt drei Gegenmittel: mehr westliche Luftabwehrhilfe für die Ukraine, weniger Einnahmen für Russland und ausreichende Finanzhilfe. Beim Geld klafft für 2026 eine Lücke von 24 Milliarden Euro, für 2027 von 69 Milliarden Euro.

Der Militäranalyst Franz-Stefan Gady verweist auf den Preis jeder Entscheidung: „Jedes Flugabwehrsystem, das eine Stadt schützt, fehlt an der Front.“ Wer Kiew schützt, schwächt also den Schutz der Truppen im Osten.

Gegen Russlands Einnahmen soll vor allem die Tanker-Schattenflotte angegangen werden, mit der Moskau Öl am Embargo vorbei exportiert. Die EU verhängte nach der Duma-Wahl neue Sanktionen, in Brüssel drängt die Ukraine zudem auf die Nutzung der eingefrorenen 210 Milliarden Euro.

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Der Wettlauf wird in Europa entschieden

„Wer länger durchhält, gewinnt. Nicht, ob Russland bis 2027 durchhalten kann. Sondern ob die Ukraine und ihre Unterstützer länger durchhalten. Dieser Wettlauf wird auch in Europa entschieden.“
Franz-Stefan Gady, Militäranalyst

Für Gady entscheidet sich der Ausgang nicht allein in Moskau oder Kiew, sondern bei den Lieferungen und Milliarden, die Europa bereitstellt. Genau dort setzt auch die Kritik an: Ohne neue Luftabwehrsysteme bleiben die Städte dem Beschuss ausgesetzt.

Der Russland-Experte Stefan Meister erwartet: „Brechen werden sie die Ukrainer nicht. Aber sie werden Städte aufgeben müssen.“ Präsident Selenskyj sagt: „Die Russen konnten uns nicht besetzen. Deshalb verüben sie jetzt massive Angriffe und massive Tötungen.“

In Kiew läuft die Zeit gegen die Stadt: Der Winter beginnt, die Südbrücke ist beschädigt, die Luftabwehr ist dünn. Putins Kalkül mit einem Sieg bis 2027 hängt an einer Frage, die in Berlin, Brüssel und Washington entschieden wird: Kommen die Systeme und die Milliarden vor dem Frost?