Der Bundestagsvizepräsident beantwortet die Frage, ob Jesus Die Linke wählen würde, mit Ja – und begründet mit dem Buch Mose auch Enteignungen. Wenige Tage zuvor hatte er seine eigene Partei scharf kritisiert.
Der 70-jährige Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow sagt, Jesus würde Die Linke wählen – und begründet damit, warum Reiche aus seiner Sicht abgeben müssen, bis hin zu Enteignungen. Seine Antwort steht in einem Interview, das am 3. Oktober 2026 in WELT (ICONIST) erschien.
Gefragt hatte die WELT-Redakteurin Claudia Becker, ob Jesus Die Linke wählen würde. Ramelows Antwort in dem Interview über Jesus und die Linke fällt eindeutig aus.
„Wenn ich die Bibel ernst nehme, muss ich die Frage mit Ja beantworten. Wir sollten Jesus ernst nehmen, wenn er vom Brechen des Brotes spricht. Er spricht vom Teilen und davon, dass man gemeinsam mehr hat.“
Bodo Ramelow, Vizepräsident des Bundestages (Die Linke)
Ramelow ist kein Hinterbänkler: Zehn Jahre regierte er als erster Linke-Ministerpräsident in Thüringen, seit März 2025 sitzt er erneut im Bundestag und ist Vizepräsident des Parlaments. Zugleich wehrt er den Verdacht ab, er inszeniere seinen Glauben. Der sei „kein Teil einer Wahlkampfmasche“, sagt er.
Bei Mose wird die Nachlese zur Pflicht
Seine Begründung zieht Ramelow nicht aus Parteiprogrammen, sondern aus dem Alten Testament. Bei Mose stehe, dass man nur die erste Ernte nehmen und nicht alles abernten dürfe – die Nachlese sei den Armen und Fremdlingen überlassen. „Die zweite Ernte gehört also denen, denen nichts gehört. Das ist für mich Verantwortungsethik.“
Aus derselben Vorschrift leitet er weitergehende Eingriffe ab: Auch Enteignungen lassen sich aus der Mose-Stelle herleiten, sagt Ramelow in dem Gespräch. Damit verbindet er die biblische Pflicht zum Teilen mit der Umverteilungspolitik seiner Partei.
Ganz neu ist die Verbindung von Glauben und Wahlverhalten nicht. In Berlin wählt mehr als die Hälfte der Muslime die Linke, bei Christen liegt die CDU vorn – die Konfessionsauswertung der Berliner Wahl zeigt, wie stark die Religionszugehörigkeit die Parteiwahl prägt.
Ramelow rechnet mit seiner Partei ab
Zwei Tage vor dem ICONIST-Gespräch hatte Ramelow deutlich härtere Töne gegenüber der eigenen Partei angeschlagen. Im t-online-Gespräch über den Ärger mit seiner Partei sagte er, er werde in der Linken als Zionist beschimpft – und die Partei schweige dazu, als wäre „Zionist“ ein Schimpfwort. Er wünsche sich mehr Solidarität.
Ende September hatte Ramelow bei einem Auftritt des Rosa-Luxemburg-Clubs in Wetzlar von einem Antisemitismusproblem in der Linken gesprochen. Seine Kritik trifft also nicht nur andere Parteien, sondern die eigene. Zu unbequemen Themen sagt er:
„Nichts, was man unter den Teppich kehrt, verschwindet.“
Bodo Ramelow, Vizepräsident des Bundestages (Die Linke)
Für das Zusammenleben in der Hauptstadt formuliert Ramelow eine Regel: Er und seine Co-Autorin seien sich einig, „dass in Berlin die drei K zur Normalität werden müssen“ – gemeint sind Kippa, Kreuz und Kopftuch. Niemand dürfe diskriminiert werden, egal welches dieser Zeichen er trägt.
Vom Kirchentag auf die Domkanzel
Das Jesus-Interview ist Teil einer dichten Veröffentlichungswoche. Am 1. Oktober 2026 erschien der Gesprächsband „Nie den Glauben verlieren. Ein Gespräch über Demokratie und Religion“, den Ramelow mit der Autorin und Sängerin Nina Brunetto (Jahrgang 1991) geschrieben hat.
Das Buch erscheint bei bene! in der Verlagsgruppe Droemer Knaur, ISBN 9783963403750. Kennengelernt hatten sich die beiden 2025 auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover. Der Verlag verspricht „Inseln des Guten bilden – ein Plädoyer für Hoffnung in stürmischen Zeiten“.
Bis zum Tag der Deutschen Einheit blieb Ramelow im Gespräch über Religion und Demokratie: Am 1. Oktober lief ein Interview bei MDR Kultur, am 2. Oktober war er Gast in der MDR-Sendung „Riverboat“. Am 3. Oktober hält er im Berliner Dom die Kanzelrede beim Festgottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit – unter dem Motto „Gemeinsam Brot brechen“.
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Mit der Kanzelrede schließt sich der Bogen: Vom Teilen des Brotes spricht Ramelow auch in dem Interview, in dem er Jesus zum Wähler seiner Partei erklärt. Offen ist, wie die Linke auf seinen Vorwurf reagiert, sie schweige zu Beschimpfungen und Antisemitismus in den eigenen Reihen.