Cansın Köktürk ist die erste Bundestagsabgeordnete, die nach der verschärften Geschäftsordnung ein Ordnungsgeld zahlen muss: 2.000 Euro. Das Etikett „linksradikal“ trägt die Linken-Politikerin trotzdem mit Selbstbewusstsein. In dem stern-Porträt über Cansın Köktürk heißt es, sie stehe für eine „laute Linkspartei“ – populistisch, provokant und palästinasolidarisch.
„Ich bin gerne linksradikal, wenn das bedeutet, dass ich mich für Menschen einsetze.“
Angst, damit Wählerinnen und Wähler zu vergraulen, habe sie nicht, heißt es in dem Porträt weiter. Dass die Abgeordnete regelmäßig aus dem Plenarsaal gewiesen wird, gehört zu diesem Bild.
Die erste Geldstrafe nach der neuen Geschäftsordnung
Am 11. September 2026 unterbrach Köktürk in der Haushaltsdebatte den AfD-Abgeordneten René Springer mehrfach, unter anderem mit dem Ruf „Jetzt schützen Sie die Faschisten!“. Dafür erteilte das Plenum zwei Ordnungsrufe. Da die verschärfte Geschäftsordnung nach drei Ordnungsrufen in drei Sitzungswochen ein Ordnungsgeld vorsieht, kürzte der Bundestag ihre Diät um 2.000 Euro – es war das erste Ordnungsgeld gegen eine Abgeordnete.
Vorausgegangen war ein erster Ordnungsruf am 25. Juni 2026 nach ihrem Satz über „gewaltbereite Faschisten“ im Plenum. Köktürk sieht in der Geldstrafe den Versuch, sie zum Schweigen zu bringen.
„Ich wehre mich gegen die Normalisierung rassistischer und menschenfeindlicher Inhalte der AfD im deutschen Parlament. Mich kann niemand mit kapitalistischen Geldstrafenandrohungen einschüchtern oder mundtot machen.“
Von Bochum in den Bundestag
Köktürk wurde 1993 in Hattingen als Tochter türkischer Eltern geboren und wuchs in Bochum auf. Sie ist Sozialarbeiterin und Autorin des Buchs „Unsozialstaat Deutschland“. 2021 trat sie den Grünen bei, 2023 kehrte sie aus Protest gegen die Asylpolitik und die Räumung Lützeraths zur Linken zurück. Seit 2025 sitzt sie über die NRW-Landesliste im Bundestag und ist sozialpolitische Sprecherin der Fraktion.
Im Plenarsaal fiel sie mehrfach auf. Bei der konstituierenden Sitzung des Bundestages im März 2025 trug sie eine Kufiya. Am 4. Juni 2025 verwies Julia Klöckner sie des Saals, weil sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Palestine“ trug. Am 25. September 2025 folgte der nächste Verweis – zusammen mit drei weiteren Linken-Abgeordneten, weil die Gruppe eine Palästina-Flagge hochhielt.
Von der Kufiya zur ersten Geldstrafe
- Februar 2025Einzug in den Bundestag
Köktürk holt 9,4 Prozent der Erststimmen in Bochum I und kommt über die NRW-Landesliste der Linken ins Parlament.
- März 2025Kufiya bei der konstituierenden Sitzung
Bei der ersten Sitzung des 21. Bundestages trägt sie eine Kufiya und erntet dafür Kritik.
- 4. Juni 2025Rauswurf wegen „Palestine“-Shirt
Julia Klöckner verweist sie wegen ihres T-Shirts des Plenarsaals.
- 25. September 2025Verweis mit Palästina-Flagge
Köktürk und drei weitere Linken-Abgeordnete werden aus dem Saal gewiesen.
- 1. November 2025Verschärfte Geschäftsordnung
Drei Ordnungsrufe in drei Sitzungswochen ziehen künftig ein Ordnungsgeld nach sich.
- 11. September 2026Zwei Ordnungsrufe, 2.000 Euro Strafe
Nach Zwischenrufen gegen René Springer (AfD) kürzt der Bundestag ihre Diät – erstmals nach den neuen Regeln.
Fast 18.000 Euro Spenden für Sea-Watch
Die Strafe löste Solidarität in der eigenen Partei aus: Am 15. September stellte sich der Linken-Kreisverband Bochum hinter Köktürk. Ein Spendenaufruf, den sie nach dem Ordnungsgeld für die Organisation Sea-Watch startete, brachte rund 18.000 Euro zusammen.
Köktürk deutet die Reaktionen als Rückenwind: „Die Mails, die Briefe, die Anrufe zeigen genau das Gegenteil“, sagte sie. In der Fraktion blieb es derweil unruhig: Im September veröffentlichte Firas Remmo, Sohn des Berliner Clan-Chefs Issa Remmo, einen Chat mit dem Linken-Abgeordneten Koçak.
Der nächste Vorwurf kam zwei Tage später
Zwei Tage nach dem Porträt meldete das Portal nius einen weiteren Vorwurf: Köktürk habe Israel einen „völkermordenden Apartheidstaat“ genannt; nius spricht von einem Antisemitismusskandal. Der Vorwurf trifft damit genau den Punkt, den das Porträt als ihr Markenzeichen beschreibt – die Palästinasolidarität.
Köktürk will das Etikett nicht abstreifen. Ob die Linkspartei mit diesem Kurs Wählerinnen und Wähler gewinnt oder verliert, ist offen. Fest steht bislang nur: Die Geschäftsordnung, die den Ton im Plenarsaal schärfen sollte, hat vor allem eine Abgeordnete in die Schlagzeilen gebracht.
