Ilves warnt vor Russlands Plan, den Westen zu zerlegen
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Baltikum

Ilves warnt vor Russlands Plan, den Westen zu zerlegen

Estlands früherer Präsident Toomas Hendrik Ilves warnt, Russland könne den Westen Stück für Stück auseinandernehmen, wenn die NATO keine Antwort auf Putins Eskalation findet. Er wirft Generalsekretär Mark Rutte Untätigkeit vor und fordert für den Fall eines Rechtsrucks in Europa ein Bündnis der Nord- und Ostseestaaten.

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Estlands früherer Präsident Toomas Hendrik Ilves warnt: Russland könne den Westen Schritt für Schritt auseinandernehmen, wenn die NATO auf Putins Eskalation keine Antwort findet. Der 72-Jährige, von 2006 bis 2016 Staatschef des baltischen Landes, sieht darin die größte Gefahr für das Bündnis – und nicht einen unmittelbar bevorstehenden Angriff.

Anlass ist ein Interview, das Onet-Autor Kamil Turecki für die polnische WELT-Partnerpublikation führte. Am 3. Oktober erschien die deutsche Übersetzung des Ilves-Interviews, redaktionell bearbeitet von Jens Wiegmann und Lara Jäkel. Mit Blick auf Putins Vorgehen warnt Ilves:

„Dann kann er anfangen, uns zu zerlegen – ein Land nach dem anderen.“
Toomas Hendrik Ilves, ehemaliger Präsident Estlands (2006 – 2016)

Keine Invasionssignale, aber keine Antwort auf hybride Angriffe

Ilves hält einen großen Angriff auf ein NATO-Land derzeit nicht für unmittelbar bevorstehend. Es fehlten die nachrichtendienstlichen Signale, die 2021 den Überfall auf die Ukraine ankündigten: Truppenkonzentrationen, Logistik, Blutkonserven. „Heute gibt es solche Signale nicht. Ich sehe keine Invasionsgefahr. In der Ukraine läuft ein Krieg, und den Russen gehen die Soldaten aus“, sagt er.

Vor einem begrenzten Schlag auf das Bündnis warnen US-Geheimdienstberichte über Putins Angriffspläne ab Herbst 2026. Ilves sorgt sich jedoch vor allem um die ausbleibende Reaktion von EU und NATO auf hybride Operationen. Er verlangt Visa-Stopps für russische Staatsbürger – blockiert von Frankreich, Spanien und Italien – und Einschränkungen des russischen Immobilienbesitzes nahe strategischer Objekte. An der estnischen Grenze verhängte der Inlandsgeheimdienst FSB Mitte September in den Bezirken Kingisepp und Slantsy ein Nachtbewegungsverbot und Zugangsbeschränkungen am Narva-Fluss.

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Ilves kritisiert Rutte und die USA

Ilves nimmt auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte in die Pflicht. Rutte handle nicht, um die USA nicht vor den Kopf zu stoßen, kritisiert der Ex-Präsident. Washington wiederum wolle sich nicht einmischen – eine Blockade, die das Bündnis lähmt.

Seine Furcht vor einem amerikanischen Ausfall kleidet Ilves in ein Szenario, das auf US-Präsident Donald Trump zielt. Der Ex-Präsident, dessen Land direkt an Russland grenzt, hält eine solche Reaktion Washingtons für die größte Gefahr überhaupt.

„Was, wenn der US-Präsident im Falle einer russischen Aggression sagt: „Ich habe mit meinem Freund Putin gesprochen, und er sagt, er war's nicht“? Ein solches Verhalten der USA wäre das Gefährlichste überhaupt.“
Toomas Hendrik Ilves, ehemaliger Präsident Estlands (2006 – 2016)

Estland schießt auf Bewaffnete ohne Abzeichen

Für Estland selbst wird Ilves konkret: „Wenn Leute hier auftauchen, bewaffnet und ohne Hoheitsabzeichen – dann erschießen wir sie.“ Bei regulären Truppen in russischer Uniform greife dagegen Artikel 5 des NATO-Vertrags „fast augenblicklich“ – der Bündnisfall also sofort.

Wie schnell aus einer Grenzprovokation ein Bündnisfall wird, beschreibt das ISW-Szenario für einen begrenzten Vorstoß nach Narva. Dazu passt die Warnung des dänischen Geheimdienstes vor Nato-Angriffen. Ilves widerspricht zugleich der Annahme, Estlands russischsprachige Bevölkerung würde einen Einmarsch begrüßen: „Die russischsprachigen Bürger in Estland werden auf die Russen schießen, wenn die hier einmarschieren. Sie wollen nicht Teil Russlands sein – deshalb leben sie hier.“

Plan B für den Fall eines Rechtsrucks

Ilves blickt auch auf die Innenpolitik westlicher Staaten. Sollten in Deutschland die AfD und in Frankreich Marine Le Pen an die Macht kommen, hält er die bisherige Bündnissolidarität für nicht mehr gesichert. Für diesen Fall fordert er ein informelles De-facto-Bündnis der skandinavischen und baltischen Staaten, Polens, vielleicht auch Tschechiens und der Niederlande. Polen spielt in seinen Plänen eine zentrale Rolle – schon der Titel des Onet-Gesprächs lautete, der Westen übergehe Polen, und das sei Wahnsinn.

Ob es zu einem solchen Bündnis kommt, ist offen. Einen nächsten Termin gibt es aber schon: Am 12. Oktober wird Ilves als Gast des Warsaw Security Forum 2026 erwartet, das an diesem Tag beginnt und zwei Tage läuft. Dort dürfte genau die Frage auf der Tagesordnung stehen, die er jetzt aufgeworfen hat – ob die NATO auf Putins nächste Eskalation antwortet oder weiter abwartet.