Therapeut Andreas Haase sieht Arbeit als größten Identitätsfaktor
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Therapeut Andreas Haase sieht Arbeit als größten Identitätsfaktor

Der Gestalttherapeut Andreas Haase sagt, viele Männer könnten auf tiefe Lebenseinschnitte nicht emotional reagieren – am härtesten trifft es sie kurz vor dem Ruhestand. Grund sei die Arbeit als größter Identifikationsfaktor.

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Kurz vor dem Ruhestand kippen viele Männer in eine Krise, für die ihnen die Worte fehlen. Das sagt der Gestalttherapeut Andreas Haase in dem WELT-Interview über Männer in der Krise, das am 3. Oktober 2026 erschienen ist. Die Fragen stellte WELT-Innenpolitik-Redakteurin Uma Sostmann.

Haase, 65, arbeitet als Berater und Gestalttherapeut bei der männerberatung man-o-mann in Bielefeld; er ist auf der Mitarbeiterseite der Beratungsstelle man-o-mann geführt. Dort reicht das Themenspektrum von häuslicher Gewalt über Trennung, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Rente bis zum Tod nahestehender Menschen. Bei Gewalt berät die Stelle Männer als Täter und als Opfer.

Seine Beobachtung: Viele Männer können auf tiefe Lebenseinschnitte emotional nicht angemessen reagieren. Sie versuchen, alles rational zu verarbeiten, geraten ins Straucheln, werden leistungsschwächer – und ecken an, mit der Partnerin oder mit dem Chef.

Warum es Männer kurz vor der Rente trifft

Verstärkt tritt die Krise laut Haase bei Männern kurz vor dem Ruhestand auf. Der Grund: Arbeit ist für viele von ihnen der größte Identifikationsfaktor. Mit ihrem Wegfall fehlt die Orientierung, die der Beruf über Jahrzehnte geliefert hat.

Haase kennt das Feld seit Langem: Von 1999 bis 2014 war er Gesellschafter der männerwege GbR und Herausgeber von „Switchboard – Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit“. 2008 begann seine freiberufliche Tätigkeit als Coach, Berater, Gestalttherapeut, Organisationsberater und Gendertrainer. Im April 2020 ging das Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ für NRW in Betrieb; Haase ist Projektleiter.

Schmalspurbahn zwischen Karriere und Geld

Für Haase verläuft das Leben vieler Männer auf einer engen Spur. Im Interview bringt er das auf eine Formel:

„Das Leben vieler Männer erschöpft sich in einer Schmalspurbahn zwischen Karriere und Geld.“
Andreas Haase, Berater und Gestalttherapeut bei der männerberatung man-o-mann in Bielefeld

Die Bilanz, die er daraus ableitet: halbwegs guter Kontakt zu den eigenen Kindern, ein Scheidungswunsch der Frau, oberflächliche Freundschaften, keine Hobbys. Der Psychologe Björn Süfke warnt Männer vor Einsamkeit nach der Trennung, weil bei vielen die Partnerin der einzige Mensch ist, dem sie wirklich etwas erzählen.

Nicht toxisch, aber vergiftend

Auf den Vorwurf der toxischen Männlichkeit reagiert Haase differenziert. Es sei „nicht so, als seien Männer per se toxisch – das aber, was sie tun, vergiftet häufig ihr Umfeld“, sagt er. Der Unterschied ist ihm wichtig: Nicht der Mann sei das Problem, sondern sein Verhalten.

Konkret nennt Haase Machtspiele, Liebesentzug als Mittel zur Verunsicherung und einen scheuklappenartigen Konkurrenzkampf.

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Die Tat ächten, nicht den Täter

In der Beratung geht es auch um häusliche Gewalt, um Männer als Täter und Männer als Opfer. Aus dieser Praxis stammt Haases Credo:

„Unser Credo ist: „Ächte die Tat, aber nicht den Täter.““
Andreas Haase, Berater und Gestalttherapeut bei der männerberatung man-o-mann in Bielefeld

Der Satz verlangt, die Tat zu ächten und den Menschen dennoch nicht fallen zu lassen. Haase plädiert zugleich dafür, unterschiedliche männliche Lebensentwürfe nebeneinander zu akzeptieren. Er weiß, warum das schwerfällt: „Männer wollen Klarheit, weil Klarheit Sicherheit bedeutet – Vielfalt auszuhalten, kostet hingegen Energie.“

Der Begriff Heterofatalismus ist Haase geläufig; das Phänomen dahinter sei allerdings milieu-spezifisch – also nicht überall gleich ausgeprägt.

Offen lässt Haase, ob jüngere Männer später anders auf den Ruhestand blicken. Seine Beispiele werfen eine Frage auf, die sich vorher beantworten lässt: Woran merkt ein Mann, dass die Krise begonnen hat – bevor Scheidungswunsch, oberflächliche Freundschaften und fehlende Hobbys die Rechnung präsentieren?