Kristina Schröder nennt die politische Mitte erstaunlich radikal
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Krise der Volksparteien

Kristina Schröder nennt die politische Mitte erstaunlich radikal

Kristina Schröder rechnet mit der politischen Mitte ab: In Energiewende, Migration und Corona habe sie nur ein Ziel absolut gesetzt und andere ignoriert. Der WELT-Beitrag erscheint zwei Wochen nach den Landtagswahlen, bei denen die AfD in zwei Ländern stärkste Kraft wurde.

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183 Tage Schulschließung, eine 2015 geöffnete und nie wieder geschlossene Grenze, ein Klimaziel ohne Vorbild: In all dem sieht Kristina Schröder keine Vernunft – sondern Radikalität. Die frühere Bundesfamilienministerin rechnet in einem Meinungsbeitrag mit der politischen Mitte ab, jener Mitte, der sie selbst angehörte.

Der Beitrag zur Krise der Mitte erschien am Sonntag, dem 4. Oktober 2026, in der WELT. Darin greift Schröder den Anspruch der Mitte an, ein Hort der praktischen Vernunft zu sein, der unterschiedliche Interessen abwägt und ausgleicht. Ihr Urteil fällt vernichtend aus.

„In der Mitte. Wer, der etwas auf sich hält, möchte dort nicht politisch stehen? Die Mitte versteht sich als Hort der praktischen Vernunft. […] Ich behaupte: In den vergangenen 15 Jahren wurde sie es hierzulande in mindestens drei wesentlichen Politikfeldern nicht. Da war die Mitte erstaunlich radikal.“
Kristina Schröder, frühere Bundesfamilienministerin und WELT-Kolumnistin

Ihre Beispiele reichen von der Energiewende 2011 über die Grenzöffnung 2015 bis zur Corona-Politik ab 2020. In allen drei Feldern habe die Mitte jeweils nur eine einzige Zieldimension absolut gesetzt.

Drei Entscheidungen, ein Muster

2011 legte sich Deutschland auf 100 Prozent erneuerbare Energien fest. Kein anderes großes, hochindustrialisiertes Land ohne nennenswerte Wasserkraft habe sich je ein solches Ziel gesetzt, schreibt Schröder. Selbst der Wasserstoff, der die wetterabhängigen Lücken von Sonnen- und Windkraft schließen soll, müsse am Ende ausschließlich mit erneuerbarer Energie hergestellt werden.

Für 2015 spricht sie von einer Grenzöffnung, die Deutschland nicht mehr rückgängig gemacht habe – einem „monatelangen Kontrollverlust“. Aus ihrem Wahlkreis schildert Schröder, von angekündigten 400 Flüchtlingen seien nur die Hälfte angekommen; der Rest sei „unterwegs ausgestiegen“, hieß es schulterzuckend. Gekommen seien ganz überwiegend junge Männer. Die Antwort der Politik sei lapidar gewesen: „Wir schaffen das.“

In der Pandemie sei Deutschland „immer radikaler“ geworden, schreibt Schröder. 183 Tage lang waren Schulen geschlossen – nach Polen so lange wie in keinem anderen europäischen Land. Kindern sei die Hauptlast auferlegt worden, obwohl sie selbst kaum gefährdet waren. Im Winter 2021/22 schloss der Staat Ungeimpfte nahezu vollständig vom gesellschaftlichen Leben aus. Der damalige Kanzler habe gesagt, es gebe „keine roten Linien“; Schröder verweist auf Artikel 19 des Grundgesetzes.

Von der Energiewende bis zur WELT-Kolumne

  1. 2011
    Deutschland beschließt die Energiewende

    Das Land legt sich laut Schröder auf 100 Prozent erneuerbare Energien fest – ein Sonderziel unter den großen Industriestaaten ohne Wasserkraft.

  2. 2015
    Grenzöffnung und „monatelanger Kontrollverlust“

    Schröders zweites Beispiel: Deutschland lässt die Grenzen offen, die Politik antwortet mit „Wir schaffen das“.

  3. 2020 – 2022
    Corona-Politik wird „immer radikaler“

    183 Tage Schulschließung und der Ausschluss Ungeimpfter vom gesellschaftlichen Leben im Winter 2021/22.

  4. 6. September 2026
    AfD wird stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt
  5. 20. September 2026
    CDU verliert in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern

    AfD und Linke legen stark zu; die CDU fährt in Berlin ihr schlechtestes Landtagswahlergebnis ein.

  6. 4. Oktober 2026
    Schröders Kolumne erscheint in der WELT

    Am selben Morgen verbreitet sie die These auf X unter dem Hashtag #radikaleMitte.

Ein Ziel, alles andere außen vor

Schröders eigentliche Zuspitzung ist eine Zuschreibung: Alle drei Entscheidungen hätten jeweils weitgehend nur einer Zieldimension gefolgt – CO2-Minderung, Gewährung von Schutz, Vermeidung von Infektionen. Andere, mindestens ebenso gewichtige Ziele wie Wohlstand, gesellschaftlicher Frieden und psychische Gesundheit seien außen vor geblieben. „Insofern waren sie radikal.“

Bemerkenswert sei die Einigkeit in dieser Radikalität. Keine politische Kraft der Mitte habe vernehmbare Zweifel angemeldet – so Schröders Bilanz der eigenen Partei.

„Angeführt von einer CDU-Bundeskanzlerin, in der Geisteshaltung inspiriert von den Grünen, sekundiert von der SPD und hingenommen von der FDP, gab es keine politische Kraft der Mitte, die vernehmbare Zweifel anmeldete. Alles war alternativlos, angeblich. Und ließ sich daher in Wahlen auch nicht korrigieren.“
Kristina Schröder, frühere Bundesfamilienministerin und WELT-Kolumnistin

Weil alles „alternativlos, angeblich“ gewesen sei, habe sich der Kurs auch in Wahlen nicht korrigieren lassen: „Egal, was der Souverän tat, er bekam immer den gleichen Kurs.“ Die Wähler hätten daraus ihre Schlüsse gezogen – durch die Wahl solcher Parteien, die den radikalen Gegenentwurf versprechen. Wie AfD-Chefin Weidel die Regierung attackiert, zeigt, wie scharf dieser Gegenentwurf ist. Die AfD nennt Schröder nicht beim Namen.

Zwei Wochen nach den Landtagswahlen

Der Zeitpunkt ist politisch aufgeladen. Schröders Beitrag erscheint knapp zwei Wochen nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. September und in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD stärkste Kraft, in Berlin lag die Linke vorn. Die CDU fuhr in Berlin ihr schlechtestes Landtagswahlergebnis überhaupt ein.

Bundeskanzler Friedrich Merz sagte nach den Exit Polls: „Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen sinkt. Und radikale Parteien links und rechts nutzen das aus.“ Damit beschreibt der CDU-Politiker dasselbe Phänomen, das Schröder auf die Politik der Mitte zurückführt – nur mit umgekehrter Ursache.

Die Debatte über die Krise der Mitte läuft parallel in mehreren Medien. Der Deutschlandfunk widmete ihr am 23. September die Sendung „Zur Diskussion“ mit der Politologin Julia Reuschenbach, dem Juso Benedict Lang und dem CDU-Politiker Norbert Lammert. Dass auch der Kanzler betroffen ist, zeigt der Absturz von Merz im Politbarometer auf minus 1,9 Punkte.

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Die Kritikerin saß selbst im Kabinett

Schröder ist keine neutrale Beobachterin. Von 2002 bis 2017 saß sie für die CDU im Bundestag, von 2009 bis 2013 war sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie gehörte jener Partei an, deren Pandemie- und Migrationspolitik sie heute kritisiert. Heute arbeitet sie als Unternehmensberaterin, Publizistin und WELT-Kolumnistin.

Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Denkfabrik REPUBLIK21. Nach Einschätzung der Schweizer Wochenzeitung WOZ arbeitet diese daran, die Brandmauer zur AfD einzureißen – was die WOZ über die Denkfabrik schreibt.

Der Beitrag in der WELT ist Teil einer längeren publizistischen Serie, nicht ein einmaliger Vorstoß. Schröder hat sich in der Zeitung wiederholt zu Corona-Aufarbeitung, Kernkraft, Migration und dem Umgang mit der AfD geäußert. Offen ist, ob die Union ihrer Diagnose folgt: Wenn die Mitte tatsächlich radikal war – wie will sie dann die Wähler zurückgewinnen, die wegen dieser Politik zu AfD und Linken gegangen sind?