Die iranischen Revolutionsgarden greifen nach eigener Darstellung jeden Tag Schiffe in der Straße von Hormus an – und die Ölexporte der Golfregion laufen trotzdem wieder fast so stark wie vor dem Krieg. Im September gingen dort rund 16,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag auf den Weg, wie aus dem Focus-Bericht zu den wieder anziehenden Ölexporten hervorgeht.
Erreicht wird dieses Niveau über Umwege. Rund 40 Prozent der regionalen September-Exporte umgingen die Meerenge, vor dem Krieg waren es 17 Prozent. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate leiten einen Teil ihrer Lieferungen über Pipelines und alternative Häfen an Hormus vorbei – die Passage selbst bleibt ein Risiko.
Der Ölpreis reagiert nicht auf die Erholung. Brent notierte am 2. Oktober bei 101,76 US-Dollar je Barrel, WTI bei 92,25 Dollar. Zum Monatsende September lag der Preis bei rund 105 Dollar – rund 30 Prozent über dem Stand von Ende Februar, als der Krieg begann.
Pipelines und Shuttle-Tanker umgehen die Meerenge
Saudi-Arabien hat seine Ost-West-Pipeline am 22. September wieder angefahren – zunächst mit niedriger Rate, Ziel sind vier Millionen Barrel pro Tag. Am 13. September hatten Drohnenangriffe die Pipeline und die Verladungen im Hafen Yanbu gestoppt, wie Saudi-Arabiens Pipeline-Stopp und Brent bei 107 Dollar einordnen.
Vor der Küste Omans übernehmen Shuttle-Tanker die Ladung: In der Woche bis zum 30. September wurden im Golf von Oman im Schnitt über vier Millionen Barrel pro Tag von Schiff zu Schiff umgeladen, meldet das Analysehaus Kpler. Satellitenbilder vom 24. September zeigten sechs Schiffspaare nahe dem omanischen Hafen Sohar.
Anteil der Golf-Exporte, die an Hormus vorbeigeleitet werden
Vergleich der Zeit vor dem Krieg mit September 2026
Ganz leer ist die Meerenge nicht: In der Woche bis zum 27. September passierten 19 Tanker die Straße, darunter 17 VLCC. Für Ana Subasic, Handelsrisiko-Analystin bei Kpler, bleibt das ein Zwischenstand: „Die Erholung der Transportmengen bedeutet nicht, dass sich die Ölströme normalisiert haben.“
Revolutionsgarden greifen weiter an
Die Angriffe gehen weiter: Am 29. September bestätigten die iranischen Revolutionsgarden erstmals selbst Attacken in der Straße von Hormus – ein Sprecher sagte im Staatsfernsehen, Iran greife dort alle 24 Stunden Ziele an. Seit dem 10. September zählt eine von der britischen Marine betriebene Monitoring-Gruppe mindestens 13 beschädigte Schiffe.
Al Jazeeras Überblick über die täglichen Angriffe und steigenden Ölexporte führt beides zusammen. Am 1. Oktober traf um 17:50 Uhr (UTC) ein unbekanntes Projektil einen Tanker in der Meerenge, an Bord brach ein Feuer aus, die Besatzung blieb unverletzt. In der Nacht zum 3. Oktober wurde rund vier Seemeilen östlich der Küste des Oman ein Rohöltanker an Backbord getroffen; Stunden zuvor war ein weiterer Tanker beschossen worden.
Militärisch bleibt die Lage angespannt: Am 14. September verletzte iranischer Raketenbeschuss in der Meerenge acht US-Marines. Die USA verlegten drei Flugzeugträger, zwei amphibische Verbände und rund 2.000 Marineinfanteristen in die Golfregion. Für Ian Ralby, Experte für Nahost und Seerecht, ist eine Rückkehr zur Ruhe unwahrscheinlich – die Angriffe richteten sich nicht nur gegen Schiffe mit US-Besatzung:
„Es ist ziemlich sicher, dass Angriffe auf Schiffe Teil von Irans Vorgehen bleiben werden – ob US-Personal an Bord ist oder nicht.“
Der Markt traut dem Status quo nicht
Warum der Ölpreis trotz der steigenden Exporte hoch bleibt, bringt Naveen Das, Senior-Ölanalyst bei Kpler, auf eine Formel: „Der Ölmarkt traut dem Status quo nicht.“ Wie schnell der Preis nach oben ausschlägt, zeigen die Analysten-Warnungen vor einem Barrelpreis von 150 Dollar.
Selbst über die Menge herrscht Uneinigkeit. US-Energieminister Chris Wright nannte am 28. September knapp 13 Millionen Barrel Rohöl pro Tag, die die Meerenge passieren. Finanzminister Scott Bessent schätzte 15 bis 22 Millionen.
Admiral Brad Cooper erklärte am 19. September in einem Video, in den vergangenen Monaten seien eine Milliarde Barrel Öl durch die Meerenge gegangen. Esfandyar Batmanghelidj, Iran-Experte beim Beratungsunternehmen Bourse & Bazaar, warnt dagegen: Die Infrastruktur für die Energiegewinnung am Golf bleibe akut bedroht. Bessent sieht den Iran wirtschaftlich am Limit – das Regime könne seine Kriegsmaschinerie nicht mehr finanzieren.
Von der Blockade bis zur Erholung
Hinter der Erholung liegt ein halbes Jahr Krieg, Blockade und Umleitung. Die wichtigsten Stationen:
Die Stationen seit Kriegsbeginn
- 28. Februar 2026Kriegsbeginn
USA und Israel greifen iranische Ziele aus der Luft an.
- 2. März 2026Iran sperrt die Meerenge
Teheran schließt die Straße von Hormus für den internationalen Schiffsverkehr.
- 22. Juli 2026US-Seeblockade
Die USA verhängen eine Seeblockade gegen iranische Häfen. Irans Ölexporte brechen nahezu ein.
- 13. September 2026Drohnen treffen die Ost-West-Pipeline
Saudi-Arabien schaltet die Ost-West-Pipeline und die Verladungen in Yanbu ab.
- 22. September 2026Pipeline läuft wieder an
Saudi-Arabien fährt die Pipeline mit niedriger Rate; Ziel sind vier Millionen Barrel pro Tag.
- 29. September 2026Revolutionsgarden bestätigen Angriffe
Ein Sprecher sagt im Staatsfernsehen, Iran greife in der Meerenge alle 24 Stunden Ziele an.
- 4. Oktober 2026Fast Vorkriegsniveau
Im September exportiert die Golfregion rund 16,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag.
Die Revolutionsgarden wollen weiter alle 24 Stunden angreifen. Für die Reeder bleibt damit eine Frage offen: Bleibt die Passage nutzbar, wenn der nächste Tanker brennt?
