Am 4. Oktober 2026 veröffentlichte die WELT eine Kolumne des Publizisten Harald Martenstein gegen die Palästina-Solidarität in Deutschland. Der Text „Judenhass: Ich bin nicht solidarisch mit Palästina“ erschien um 09:25 Uhr in der Rubrik Meinung, rund vier Minuten Lesezeit, für WELT+ hinter der Bezahlschranke.
„Auch jenseits der Linken gehört Solidarität mit Palästina fast schon zum Mainstream. Ich bin nicht solidarisch.“
Den Anlass liefert der Jahrestag des Hamas-Angriffs auf Israel, den Martenstein als „größtes Massaker an Juden seit 1945“ bezeichnet. Zugleich nimmt der Text Bezug auf den Wahlerfolg der Linken in Berlin und kritisiert deren Haltung zur Palästina-Solidarität.
Der Kolumnist Martenstein schrieb mehr als 30 Jahre für den „Tagesspiegel“ und verließ die Zeitung 2022 nach dem Streit um seine „Judenstern“-Kolumne. Die WELT führt ihn auf ihrer Autorenseite als freien Kolumnisten und Autor, der in Berlin und in der Uckermark lebt und für die Zeitung regelmäßig ein politisches Thema der Woche aufgreift.
Der 7. Oktober als Kriegserklärung
Martenstein erinnert daran, dass Israel seine Besatzungsherrschaft über Gaza 2005 unter Regierungschef Ariel Scharon „freiwillig“ beendete — gegen den erbitterten Widerstand jüdischer Siedler. Gaza sei „der erste Schritt zu einem unabhängigen, arabischen Palästina“ gewesen. Seine Frage: „Ist es so schwer zu begreifen, dass zurzeit nur wenige Juden Lust dazu haben, dieses Experiment zu wiederholen?“
Der 7. Oktober sei dennoch „etwas anderes als die Massenmorde der Nazis“ gewesen, schreibt er. Die Nazis hätten ihre Taten möglichst versteckt, die Hamas sei „stolz auf ihre Morde“ gewesen, habe sie gefilmt und in die Welt geschickt. Viele Opfer seien „langsam zu Tode gequält“ worden, während es bei den Nazis „meist schnell gehen“ musste.
Für Martenstein war der Angriff „eine Kriegserklärung“, auf die jeder Staat der Welt militärisch reagiert hätte. Ziel müsse sein, eine Wiederholung zu verhindern, das heiße: „die Hamas muss zerschlagen werden“. Israel müsse die Mörder entwaffnen, „tot oder lebendig“, und sei „nicht Angreifer, sondern Angegriffener“. Falls es gerechte Kriege gebe — „ich glaube, dass es sie gibt“ —, dann sei dies einer.
Von Gaza 2005 bis zur Kolumne
- 2005Israel beendet die Besatzung Gazas
Unter Regierungschef Ariel Scharon zieht sich Israel laut Kolumne „freiwillig“ aus Gaza zurück — für Martenstein „der erste Schritt zu einem unabhängigen, arabischen Palästina“.
- 7. Oktober 2023Hamas-Angriff auf Israel
Martenstein nennt ihn das „größte Massaker an Juden seit 1945“; drei Jahre später ist er der Anlass der Kolumne.
- 20. September 2026Berlin-Wahl
Die Linke gewinnt mit 25,7 Prozent. Kurz zuvor sei in ihrer „AG Palästinasolidarität“ die Tötung von Juden als „Akt des Widerstands“ bezeichnet worden, schreibt Martenstein.
- 4. Oktober 2026WELT veröffentlicht die Kolumne
Der Text erscheint um 09:25 Uhr in der Rubrik Meinung; um 11:27 UTC ist ein archivierter Seitenstand dokumentiert.
Kriegsverbrechen und der Vergleich mit 1945
Die israelische Armee IDF habe „zahlreiche Kriegsverbrechen begangen“, räumt der Kolumnist ein. Dass dies so gut dokumentiert sei, liege „nur“ an der freien Berichterstattung in Israel. Die Opferzahlen der Hamas dürften „erlogen“ sein, die tatsächliche Zahl der getöteten Unbeteiligten und Kinder aber „sicher hoch“.
Zur Einordnung verweist er auf Verbrechen der Sieger gegen Hitlerdeutschland: bombardierte Flüchtlingstrecks, zerstörte Städte „voller Zivilisten“, Massenvergewaltigungen, erschossene halbwüchsige Kriegsgefangene. Das ändere nichts daran, dass Hitler besiegt werden musste. Der „nachvollziehbare Rachedurst“, den man der Roten Armee zugestehe, müsse auch der IDF zugestanden werden.
„Wieso billigt man der IDF nicht zu, dass es auch dort einen nachvollziehbaren Rachedurst gibt?“
Vorwürfe gegen die Berliner Linke
Der schärfste Angriff gilt der Berliner Linken. In deren „AG Palästinasolidarität“ sei die „langsame, lustvolle Ermordung von Juden, sogar von Kindern“ noch kurz vor der Wahl „problemlos“ als „Akt des Widerstands“ bezeichnet worden, schreibt Martenstein. Inzwischen sei man dort „vorsichtiger, die Macht lockt“.
An dieser Stelle verweist die Kolumne redaktionell auf einen Text des Publizisten Ahmad Mansour. Der schreibt, die Linke marschiere Seite an Seite mit Islamisten, und warnt, jeder Tag sei „ein Grund mehr für deutsche Juden, ihre Koffer zu packen“. Mansours Vorwurf strukturellen Antisemitismus an die Berliner Linke ist damit Teil der Kolumne.
Die Theorie vom Opferschema
Zum Schluss liefert Martenstein seine Antwort auf die Frage, woher der Judenhass kommt. Er zitiert die These, dass Juden „nicht dem üblichen Opferschema entsprechen, das Mitleid generiert“.
Sie seien „einerseits oft erfolgreich und stark“ und würden „andererseits und gerade deshalb seit Jahrhunderten verfolgt und ermordet“, schreibt er. Sie hätten gelernt, „dass niemand ihnen zu Hilfe kommen wird. Sie müssen stark sein.“
„Es gibt im Zweifelsfall eben nur eins, worauf Juden sich verlassen können: Israel und seine starke Armee.“
Den Ruf „From the River to the Sea“ auf Berliner Straßen deutet er als Kriegsansage. Das Ende des Gaza-Kriegs hält er „in ein paar Tagen“ für möglich, das Ende des gesamten Nahostkonflikts „in ein paar Monaten“ — Bedingung sei, dass die radikalen Palästinenserorganisationen die Existenz Israels anerkennen, die für Israel „unverhandelbar“ sei.
Ob die Berliner Linke, der Zentralrat der Juden oder die Antisemitismusbeauftragten auf die Kolumne reagieren, ist bislang nicht dokumentiert. Der Volltext ist nur gegen Bezahlung oder über den archivierten Seitenstand der Kolumne einzusehen.
