Elif Eralp unterschrieb 2020 Aufruf zum Sturz des Kapitalismus
Bild: KI-generiert
Berliner Linke

Elif Eralp unterschrieb 2020 Aufruf zum Sturz des Kapitalismus

Rund zwei Wochen nach dem Wahlsieg der Berliner Linken ist bekannt geworden, dass Spitzenkandidatin Elif Eralp 2020 einen Aufruf mitunterzeichnet hat, in dem Migranten als Verbündete gewonnen werden sollen, „mit denen wir gemeinsam das kapitalistische System stürzen“. Der Text fordert Wahlrecht für Migranten und die Legalisierung aller Illegalisierten.

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Zwei Wochen nach dem Wahlsieg der Berliner Linken steht Spitzenkandidatin Elif Eralp vor einer unbequemen Frage: Im Januar 2020 hat sie einen Aufruf mitunterzeichnet, der Migranten als Verbündete gewinnen will, „mit denen wir gemeinsam das kapitalistische System stürzen“. Der Text trägt den Titel „Für eine antirassistische und migrantische Klassenpartei“ und ist nach übereinstimmenden Berichten bis heute im Netz abrufbar.

Öffentlich gemacht hat die Unterschrift der Politik-Blog Ruhrbarone mit dem Beitrag zu Eralps Radikalität vom 30. September 2026. Danach griffen BILD und oe24 am 2. Oktober, Tichy's Einblick am 1. Oktober und FOCUS online am 4. Oktober den Vorgang auf. Der frühere WELT-Außenpolitikchef Clemens Wergin wertet die späte Berichterstattung als Versagen seiner Branche:

„Es ist ein Versagen der deutschen Medien all das nicht vor der Wahl in Berlin aufgedeckt zu haben.“
Clemens Wergin, ehemaliger Außenpolitikchef der WELT

Was in dem Aufruf steht

Der Text formuliert sein Ziel unmissverständlich: Migranten sollen als Verbündete gewonnen werden, „mit denen wir gemeinsam das kapitalistische System stürzen“ – das sei die politische „Handlungsmaxime“. Eine „erfolgreiche linke Partei“ müsse zugleich „eine migrantische Partei“ sein.

Als „konkrete erste Schritte“ nennt der Aufruf das Wahlrecht für Migrant*innen; in Berlin sind davon rund eine Million Menschen ausgeschlossen, für die der Verein WahlheYmat einen eigenen Vertreter für eine Million Ausländer fordert. Weiter verlangt der Text die „Legalisierung des Aufenthalts aller Illegalisierten“, einen vereinfachten Zugang zur Einbürgerung, anonymisierte Bewerbungsverfahren und die Beseitigung „institutionellen Rassismus“.

Strategie und Unterzeichner

Der Aufruf enthält eine ausführliche Mobilisierungsstrategie: Statt des „Absackers“ in der linken Kneipe empfehlen die Verfasser den „Besuch in der Shishabar, der Teestube oder eines kleinen Imbiss“. Statt „ausschließlich linken Punkrock“ sollen „Hymnen der migrantischen Jugend“ laufen. „Überakademisierung“ und „linke Szenecodes“ wirkten auf Migranten „wenig ansprechend“.

Unter dem Aufruf stehen Namen von Akteuren, die heute Teil der Berliner Linken sind: Anwalt Moheb Shafaqyar, Ramsis Kilani, 2024 aus der Partei ausgeschlossen, und Jules El-Khatib vom Vorgängerportal der Plattform ETOS. Auch Hamze Bytyçi, Belma Bekos und Niema Movassat haben unterschrieben. marx21, bei dem Kilani aktiv ist, führt der Verfassungsschutz als trotzkistische Struktur. Der Ruhrbarone-Blog sieht nicht die Unterschrift allein als Belastung, sondern die über Jahre gewachsene Zusammenarbeit.

Radikal oder gemäßigt?

Der Streit dreht sich um die Frage, wie radikal die Frau denkt, die Berlin regieren will – und ob ihre Selbstdarstellung als moderate, volksnahe „Anwältin Berlins“ zu ihren früheren Unterschriften passt. Eralp ist keine Neuankömmlingin: Die 45-Jährige sitzt seit 2021 im Abgeordnetenhaus, war 2018 im Landesvorstand und ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Bis 2025 war sie Mitglied im Verein „Rote Hilfe“, den der Verfassungsschutz beobachtet.

Schon 2019 gründete sie als Erstunterzeichnerin des Gründungsmanifests das Netzwerk LINKS*KANAX mit, das die „migrantisch-progressive Stimme“ in der Partei stärken und „offene Grenzen für alle Menschen“ durchsetzen will. Was sie selbst dazu sagt, steht in ihrer Darstellung der LINKS*KANAX-Gründung:

„Im Juni 2019 habe ich gemeinsam mit Genoss*innen und Freund*innen der Linken, als Erstunterzeichnende des Gründungsmanifests, das Netzwerk LINKS*KANAX gegründet, um Themen marginalisierter Gruppen hörbarer und sichtbarer zu machen.“
Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Berliner Linken

Wahlsieg und muslimische Wähler

Die Linke gewann die am 20. September 2026 mit 25,7 Prozent klar vor der CDU, die von 28,3 auf 18,8 Prozent abstürzte. Nach Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen stimmten 51 Prozent der muslimischen Wähler für die Linke – ein Zuwachs von 36 Prozentpunkten gegenüber 2023. Genau dieses Kalkül, Wähler mit Migrationshintergrund stärker an die Partei zu binden, formulierte der Aufruf von 2020 bereits.

Wahlergebnis der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026

Stimmenanteile in Prozent

Offene Fragen

Eine öffentliche Reaktion Eralps auf den Aufruf von 2020 ist bislang nicht dokumentiert; die Unterzeichnerliste liegt nur in Auszügen vor. Ob sie sich heute von einzelnen Forderungen distanziert, bleibt offen – das Papier steht weiterhin unkommentiert im Netz. Linke, SPD und Grüne beginnen ihre Sondierungsgespräche laut Tichy's Einblick ausgerechnet mit den Themen Antisemitismus und Rassismus. Der Zentralrat warnt SPD und Grüne vor dieser Koalition.

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