Russland hat in der Nacht zum 4. Oktober 135 Kampfdrohnen auf die Ukraine geschossen. Während die Luftwaffe den Angriff abwehrte, schlug in Kyjiw eine Drohne in die Nordbrücke über den Dnipro ein – das war der vierte Tag in Folge mit einem Angriff auf die Brücken der Hauptstadt.
Nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte begann der Angriff am Samstag, dem 3. Oktober, um 18:00 Uhr. Neben Shahed-Drohnen, darunter 52 mit Düsenantrieb, setzte Russland Gerbera-Drohnen, Banderol/Dan-T-Waffen und Parodija-Täuschdrohnen ein. Die Starts erfolgten aus den russischen Regionen Orjol, Kursk, Millerowo und Primorsko-Achtarsk, aus dem besetzten Donezk und von der besetzten Krim.
123 von 135 – der Angriff lief weiter
Nach dem vorläufigen Stand vom 4. Oktober, 08:30 Uhr, machte die Luftabwehr 123 russische Drohnen unschädlich und zerstörte zwei Banderol/Dan-T-Waffen. Zusammen sind das 125 Ziele. Das entspricht rund 91 Prozent der gestarteten Drohnen. Abgewehrt wurde der Angriff von Fliegerkräften, Flugabwehrraketen-Truppen, Einheiten der Elektronischen Kriegsführung und der unbemannten Systeme sowie von mobilen Feuer-Gruppen.
Trotz der hohen Quote registrierten die Behörden Treffer an fünf Orten und den Niedergang von Trümmern an fünf weiteren. Zum Zeitpunkt der Meldung war der Angriff nach Darstellung der Luftstreitkräfte nicht beendet – weitere Drohnen befanden sich im Luftraum, die Bevölkerung wurde aufgerufen, die Sicherheitsregeln zu beachten.
Fünf Tote und rund 30 Verletzte landesweit
Über den Tag verteilt meldeten die ukrainischen Behörden fünf Tote und 30 Verletzte in der Ukraine durch russische Angriffe.
In der Oblast Sumy traf ein Drohnenangriff ein Lager für medizinische Güter, ein 52-jähriger Mitarbeiter wurde getötet, drei weitere Menschen verletzt. Gleitbombenangriffe auf Sumy und Umgebung verletzten 13 Menschen, darunter ein Kind.
In Dnipro schlug ein russischer Angriff in ein Unternehmen der Kommunikationsbranche ein, mindestens sechs Menschen wurden verletzt. In der Oblast Charkiw starben zwei Menschen, fünf wurden verletzt. Die Oblast Dnipropetrowsk zählte mehr als 50 Angriffe und drei Verletzte, auch aus Saporischschja, Cherson und Donezk wurden Verletzte gemeldet.
Kyjiw: Nordbrücke zum vierten Mal getroffen
Am Morgen des 4. Oktober schlug eine russische Drohne in die Nordbrücke (Pivnichnyi) in Kyjiw ein und beschädigte die Fahrbahn. Bürgermeister Vitali Klitschko bestätigte den Einschlag und zwei Verletzte.
Russlands Angriffe auf die Brücken von Kyjiw dauern damit den vierten Tag an: Am 1. und 2. Oktober traf es die Südbrücke, am 3. und 4. Oktober die Nordbrücke. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die Brücke sei Teil der ukrainischen Militärlogistik – eine von Moskau erhobene, unabhängig nicht bestätigte Behauptung.
Die Angriffe behindern den zivilen Verkehr erheblich, weil der Dnipro Kyjiw in eine Ost- und eine Westhälfte teilt.
Jet-Drohnen sind schwerer abzufangen
Der Massenangriff fällt in eine Phase, in der Russland verstärkt schnelle, jetgetriebene Angriffsdrohnen einsetzt. Sie fliegen höher und schneller und sind für mobile Bodenabwehr schwerer abzufangen. Wie schwierig das ist, zeigte sich schon Mitte September, als nur noch 60 Prozent der russischen Jet-Drohnen abgefangen werden konnten.
Präsident Wolodymyr Selenskyj bilanzierte für die zurückliegende Woche mehr als 1.900 Angriffsdrohnen, 1.700 Gleitbomben und 25 Raketen, davon über 800 jetgetriebene Drohnen. Die Ukraine fordert deshalb gezielt Abfangmittel gegen Düsen-Drohnen. Selenskyj sagt: „Es ist entscheidend, dass die Ukraine in diesem Terror nicht allein dasteht.“
Russlands Luftangriffe in der Woche bis 4. Oktober
Davon mehr als 800 jetgetriebene Drohnen
Merz bringt 1,3 Milliarden Euro nach Kyjiw
Der Angriff fiel mit dem überraschenden Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Kyjiw zusammen. Am 4. Oktober waren während des Besuchs Luftalarm und Explosionen zu hören. Merz kündigte militärische Hilfe von rund einer Milliarde Euro an – darunter Mittel zur Abwehr schneller russischer Jet-Drohnen, Kampfdrohnen, Satellitentechnik und Abwehrraketen – sowie rund 350 Millionen Euro für den Energiesektor.
Nach Angaben Selenskyjs wurden zudem 15 Abkommen und Dokumente mit einem Volumen von mehr als 8,5 Milliarden Euro unterzeichnet; deutsche Angaben nennen 14 Abkommen im Wert von rund 6,6 Milliarden Euro. Der ukrainische Präsident lobte die deutsche Rolle: „Deutschland zeigt konsequent Führung beim Schutz des Lebens der Ukrainer vor russischen Angriffen.“
Beide Seiten meldeten eigene Abwehrerfolge: Russland gab an, zwischen Samstagabend und Sonntagmorgen 559 ukrainische Drohnen über russischem Gebiet sowie über dem Asowschen und Schwarzen Meer abgefangen zu haben – eine Zahl, die Reuters nicht unabhängig überprüfen konnte. Alle ukrainischen Abfangzahlen sind militärische Angaben, die im laufenden Krieg nicht vollständig unabhängig verifiziert werden können.
Der Angriff auf die Nordbrücke war bereits der vierte innerhalb von vier Tagen. Offen ist, wie Kyjiw die Brücken über den Dnipro künftig sichern will – und ob Deutschland über die zugesagten Mittel hinaus Abfangwaffen für Jet-Drohnen liefert.
