Ein 15-Jähriger hat am Montag am Berufsgymnasium Auguste Béhal in Lens eine Hand verloren. Die Explosion einer Polizeigranate riss sie ihm ab, als sich vor der Schule 200 bis 250 Jugendliche versammelt hatten. Der Schüler der Seconde Bac Pro wurde mit schweren Verletzungen ins CHU Lille gebracht; sein Leben ist nicht in Gefahr.
Zwischen 10 und 11 Uhr standen die Schüler vor dem Lycée, als die Lage kippte. Nach Darstellung der Präfektur warfen sie Steine, Feuerwerkskörper und Mörsergeschosse auf Polizisten, woraufhin eine CRS-Kompanie anrückte. Wie es dabei zu der Explosion kam, ist strittig.
Wer hob die Granate auf?
Eine Polizeigewerkschaftsquelle und der Präfekt von Pas-de-Calais gehen davon aus, dass der Jugendliche die Granate aufhob, um sie zurückzuwerfen. Mehrere Augenzeugen widersprechen dieser Version; eine Mitschülerin stand nach eigenen Angaben direkt neben ihm.
„Ich stand neben dem Mitschüler, der verletzt wurde. Plötzlich traf etwas seine Hand und es explodierte. Ich habe gesehen, wie seine Hand explodierte.“
Die Staatsanwaltschaft Béthune schaltete daraufhin die Polizeiaufsicht IGPN ein; ermittelt wird wegen „Gewalt mit dauerhafter Verstümmelung“. Staatsanwalt Étienne Thieffry verweigerte eine Festlegung: „Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich nicht in der Lage, Ihnen zu sagen, ob dieser Jugendliche tatsächlich eine Granate aufgenommen hat, die in seiner Hand explodiert ist, oder ob die Granate auf ihn gefallen ist.“
Sechster Fall für die Polizeiaufsicht
Welche Granate den 15-Jährigen traf, ist weiter offen. Die Ermittler prüfen eine Blend- und Schallgranate ebenso wie eine Desenkernierungsgranate, die 18 Gummiprojektile mit rund 340 Kilometern pro Stunde verschießt – was zum Fall in Lens bislang bekannt ist.
Es ist die sechste IGPN-Befassung seit Beginn der Proteste. Zuvor verlor ein 16-Jähriger in Tours ein Auge, der 14-jährige Eden in Saint-Ouen-l’Aumône erlitt einen doppelten Kieferbruch. Auch der Schuss auf einen 14-jährigen Schüler beschäftigt die Justiz seit August.
Fernunterricht und ein neuer Aktionstag
Das Lycée Auguste Béhal stellte sofort auf Fernunterricht um und richtete eine Anlauf- und Beratungsstelle ein; die Opferhilfe France Victimes 62 betreut den Verletzten und seine Familie. Bürgermeister Sylvain Robert nannte den Vorfall ein „Drama“ und sagte, es sei nicht logisch, dass man bei legitimen Forderungen zu solchen Gewaltausschreitungen komme.
Die Tat fällt in die zweite Woche landesweiter Schülerproteste gegen Lehrermangel, marode Schulgebäude und Unterrichtsausfall. Am Montag waren nach Behördenangaben 400 bis 500 Schulen betroffen, 589 Einrichtungen gestört, 30 bis 40 Hochschulen beteiligt. Seit Wochen schwankt die Bewegung zwischen legitimem Protest und ausufernder Gewalt an Frankreichs Schulen.
Seit Beginn der Bewegung wurden rund 5.000 Menschen festgenommen, 85 bis 87 Prozent von ihnen minderjährig; 190 Schüler wurden verletzt. Am 1. Oktober wurden bei einer Gewaltnacht 1.949 Menschen festgenommen. Bildungsminister Édouard Geffray sagte zu Lens: „Ich weiß nicht, was passiert ist und unter welchen Umständen es dazu kam.“
Die Protestwelle seit Mitte September
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Ein 15-Jähriger verliert durch eine Polizeigranate eine Hand; die Staatsanwaltschaft Béthune schaltet die IGPN ein.
Für diesen Dienstag riefen Schülervertretungen und Bildungsgewerkschaften einen landesweiten Aktionstag aus; allein im Großraum Paris sollen 200 Gymnasien vorsorglich geschlossen bleiben. Offen bleibt, welcher Granatentyp den 15-Jährigen traf – und ob die IGPN zu dem Ergebnis kommt, dass ein Polizist für die abgerissene Hand verantwortlich ist.
