Es ist ein Novum in der deutschen Parlamentsgeschichte: Mit 48 von 82 Stimmen hat der Landtag von Sachsen-Anhalt den 35 Jahre alten AfD-Politiker Tobias Rausch am Dienstag zu seinem Präsidenten gewählt. Rausch ist der erste AfD-Landtagspräsident und der erste Parlamentspräsident einer rechtsextremen Partei in Deutschland.
Vizepräsident wurde der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider, der SPD-Kandidat scheiterte. Über die Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten stritten am Abend in der ARD der Linke Gregor Gysi und der Historiker Andreas Rödder, der auch CDU-Mitglied ist.
Die Sendung lief unter dem Titel „Zusammenarbeit mit den politischen Rändern“. Gysi behauptete, das Abstimmungsverhalten der 14 anwesenden CDU-Abgeordneten exakt zu kennen, und nannte die CDU „völlig zerstritten“. Für Rödder war das der Anlass, über einen ganz anderen Tag zu reden.
Von der Landtagswahl zum Streit bei Maischberger
- 6. September 2026Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
AfD und BSW kommen zusammen auf die Mehrheit der Wählerstimmen. Für Rödder fällt die Brandmauer an diesem Tag, nicht erst im Oktober.
- 6. Oktober 2026Erster AfD-Landtagspräsident
Bei der konstituierenden Sitzung in Magdeburg wird Tobias Rausch mit 48 von 82 Stimmen gewählt, Hans-Thomas Tillschneider Vizepräsident.
- 6. Oktober 2026, 22:50 UhrStreitgespräch in der ARD
Gysi und Rödder diskutieren bei „maischberger“ über die Zusammenarbeit mit den politischen Rändern.
- 7. Oktober 2026Berichte über den Eklat
Die Medien greifen Gysis These von der schützenden Linken und Rödders Chrupalla-Vergleich auf.
Wie die CDU abgestimmt haben soll
Für seine Behauptung lieferte Gysi konkrete Zahlen. Demnach hätten sich die 14 anwesenden CDU-Abgeordneten in drei Lager geteilt – ein Befund, der die Fraktion als tief gespalten zeigt.
Gysis Rechnung: So soll die CDU-Fraktion abgestimmt haben
Angaben aus der Sendung – die Wahl war geheim und nicht überprüfbar
Maischberger hielt ihm entgegen, aus einer geheimen Wahl ließen sich keine Rückschlüsse auf einzelne Abgeordnete ziehen: „Wissen Sie nicht, es war eine geheime Wahl.“ Gysi blieb dabei – er kenne geheime Wahlen und wisse trotzdem, wie abgestimmt werde.
Für die CDU ist der Vorwurf heikel. Stimmen aus ihrer eigenen Fraktion für den AfD-Kandidaten hießen, dass die Brandmauer zur AfD in Sachsen-Anhalt bereits Löcher hat – genau darauf zielte Gysi mit seiner Rechnung.
Für Rödder fiel die Brandmauer schon am 6. September
Rödder verweigerte die Spekulation über die geheime Wahl. Sein Befund setzt einen Monat früher an: Die Brandmauer sei mit der Landtagswahl am 6. September gefallen, als AfD und BSW zusammen die Mehrheit der Wähler hinter sich brachten.
„Die Brandmauer ist doch nicht heute gefallen. Die Brandmauer ist doch am 6. September dieses Jahres gefallen, mit der Mehrheit der Wähler, die AfD und BSW gewählt haben.“
Der Historiker sieht die Union in einem Dilemma, das er in der Sendung benannte: Wenn sie mit der AfD zusammenarbeite, drohe ihr „die Spaltung nach links“.
Gysi hielt mit einem Satz dagegen, den er mehrfach variierte: „Wir schützen die CDU mehr als die AfD sie schützen kann.“ Lasse die CDU die Brandmauer zur Linken fallen, werde sie deshalb nicht links. Gysis Begründung für die schützende Brandmauer bestimmte am Folgetag die Berichte über die Sendung.
Bereits vor der Landtagswahl gab es in der CDU von Sachsen-Anhalt Streit über Sven Schulzes Abrücken von der Brandmauer.
Der Vorwurf: Sie reden wie Chrupalla
Rödders schwerster Vorwurf des Abends galt nicht der Abstimmung, sondern Gysis Umgang mit der eigenen Partei. Auslöser war, dass Gysi den Fall des Neuköllner Linken-Abgeordneten Ferat Koçak und den Besuch von Issa Remmo, der als Kopf des Remmo-Clans gilt, auf einer Wahlparty der Linken als Einzelfälle bezeichnet hatte.
Rödder warf ihm Verharmlosung von Antisemitismus vor.
„Sie reden wie Tino Chrupalla über die Extremisten in der AfD. Und ich finde: gleiches Recht für alle.“
Gysi wies den Vergleich scharf zurück: „Also erstens rede ich nie wie Chrupalla. Diese Unverschämtheit weise ich zurück.“ Wie Gysi den Chrupalla-Vergleich zurückwies, stand im Zentrum der Berichte über die Sendung.
Sarkastisch setzte Gysi hinzu: „Meine ganze Partei gehört einem arabischen verbrecherischen Clan an, wenn ich Sie richtig verstehe.“
Einig beim Parteiverbot
Gysi brachte zum Schluss eine historische Parallele ins Spiel: In der ersten Regierung von Adolf Hitler habe es nur zwei NSDAP-Mitglieder gegeben, alle anderen seien aus bürgerlichen Parteien gekommen. „Was ist daraus geworden?“, fragte er.
Beim Parteiverbot lagen beide nah beieinander: Wenn die AfD gesichert verfassungsfeindlich agiere, gehöre sie verboten, sagte Gysi. Rödder kritisierte, dass die Union ein solches Verfahren scheut, weil es scheitern könnte.
Über Bundeskanzler Friedrich Merz sagte Rödder, dieser habe die Chance, ein großer Kanzler zu werden – dafür brauche es aber „eine Umkehr der Politik“.
Ob die CDU in Sachsen-Anhalt bei den nächsten Abstimmungen im Landtag auf Abgrenzung setzt oder AfD-Stimmen in Kauf nimmt, entscheidet sich in den kommenden Sitzungen. Ein Verbotsverfahren gegen die AfD, das Rödder anmahnt, ist bislang nicht auf den Weg gebracht.
