Katherina Reiche hebt Wachstumsprognose auf 1,3 Prozent an
Die Bundesregierung hebt ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,5 auf 1,3 Prozent an. Doch zwei Drittel des Wachstums stammen aus staatlichen Investitionen – und ohne Reformen droht der Sozialversicherungsbeitrag auf 47,1 Prozent zu steigen.
Die Bundesregierung hebt ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,5 auf 1,3 Prozent an – mehr als das Doppelte. Doch zwei Drittel dieses Wachstums stammen laut Wirtschaftsministerin Katherina Reiche aus staatlichen Investitionen, und ohne Reformen droht der Gesamtsozialversicherungsbeitrag auf 47,1 Prozent zu steigen.
Vorgestellt wurde die Herbstprojektion am 8. Oktober in Berlin. Reiche präsentierte die Zahlen gemeinsam mit Abteilungsleiter Benjamin Weigert; am Nachmittag debattierte der Bundestag über die Projektion.
Reiche sagte: „Wir haben die Talsohle hinter uns gelassen, die deutsche Wirtschaft wächst wieder. Das ist ein wichtiges Signal, aber es ist nur der Anfang.“ Einen Tag zuvor, in der Regierungsbefragung des Bundestages, hatte sie noch gewarnt: „Die Lage bleibt fragil.“
Ein Aufschwung auf Zeit
Die Anhebung der Wachstumsprognose auf 1,3 Prozent hatte sich seit dem 25. September abgezeichnet. An diesem Tag legten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihr Gemeinschaftsgutachten vor und kamen für 2026 ebenfalls auf 1,3 Prozent – die Regierung lag bis dahin bei 0,5 Prozent.
Wachstumsprognose der Bundesregierung: 1,3 Prozent 2026, 0,6 Prozent 2028
Erwartetes Wirtschaftswachstum in Prozent
Quelle: Herbstprojektion der Bundesregierung, 8. Oktober 2026
Nach dem Höhepunkt geht es abwärts: Für 2027 erwartet die Regierung 1,1 Prozent statt bisher 0,9, für 2028 nur noch 0,6 Prozent.
Noch aufschlussreicher ist der langfristige Wert: Das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft beziffert Reiche nur noch auf durchschnittlich 0,4 Prozent. Das liegt weit unter dem, was die Projektion für die nächsten zwei Jahre zeigt.
Zwei Drittel des Wachstums zahlt der Staat
Zwei Drittel des erwarteten Wachstums stammen laut Reiche aus staatlichen Investitionen – aus dem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität und aus den Verteidigungsausgaben. Nur ein Drittel kommt aus Exporten.
Der private Konsum bleibt mit 0,3 Prozent Plus schwach, der Staatskonsum legt um 2,6 Prozent zu. Die Erwerbstätigkeit sinkt demografiebedingt. Die vollständige Rechnung steht in der Herbstprojektion der Bundesregierung als PDF.
Genau hier setzt die Kritik von Helena Melnikov an, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Sie hält den Aufschwung nicht für eine Trendwende, sondern für teuer bezahlt.
„Dieser Aufschwung ist teuer erkauft. Ohne substanzielle wirtschaftspolitische Reformen hat dieser Aufschwung nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum.“
Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin des DIHK
Beiträge sollen Richtung 40 Prozent
Die zweite große Baustelle sind die Sozialabgaben. Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag liegt bei 42,3 Prozent; ohne Reformen droht er auf 47,1 Prozent zu steigen. Reiche will ihn Richtung 40 Prozent drücken.
Die schwarz-rote Koalition steht deshalb vor umstrittenen Entscheidungen: beim Arbeitsmarkt und bei der Rentenreform. Beide Vorhaben betreffen Millionen Beitragszahler und sind bislang nicht entschieden.
Umfrage
Lädt
Der Weg zur Herbstprojektion 2026
23. September 2026
Stichtag der technischen Annahmen
Die Terminnotierungen für Energie werden festgeschrieben und bilden die Grundlage der Rechnung.
25. September 2026
Institute legen Gemeinschaftsgutachten vor
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute heben ihre Prognose für 2026 auf 1,3 Prozent an.
3. Oktober 2026
Erste Berichte über den Aufschwung
Medien berichten, die Bundesregierung erwarte für 2026 und 2027 ein stärkeres Wachstum.
7. Oktober 2026
Reiche dämpft die Erwartungen
In der Regierungsbefragung des Bundestages sagt die Ministerin, das Wachstum stehe auf wackligen Beinen; die Lage bleibe fragil.
8. Oktober 2026
Herbstprojektion und Bundestagsdebatte
Reiche stellt mit Abteilungsleiter Benjamin Weigert 1,3 Prozent für 2026, 1,1 Prozent für 2027 und 0,6 Prozent für 2028 vor. Am Nachmittag debattiert der Bundestag.
Die Parlamentszeitung „Das Parlament“ fasste die Vorlage am 9. Oktober unter dem Titel „Zartes Pflänzchen Wachstum“ zusammen – gewachsen, aber empfindlich.
Die Opposition sieht ein Strohfeuer
Im Bundestag blieb die Zustimmung aus. Der AfD-Abgeordnete Mathias Weiser nannte den Aufschwung „ein einziges Strohfeuer“.
Auch Marie-Christine Ostermann, Präsidentin des Verbands der Familienunternehmer, warnt vor zu viel Zuversicht: „Ein kleines Wolkenloch darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere Großwetterlage weiterhin auf den perfekten Sturm zusteuert.“
Ob die 1,3 Prozent mehr sind als ein Zwischenhoch, entscheidet sich damit nicht in der Prognose, sondern in den Gesetzen zu Rente und Arbeitsmarkt. Solange diese Entscheidungen ausstehen, trägt den Aufschwung vor allem der Staat – und damit der Bundeshaushalt. Wie lange er das kann, ist offen.