Fünf BSW-Abgeordnete, ein Abendessen mit der AfD – und Fotos, die die Partei nicht mehr loswerden. Am 8. Oktober feierte das rechtsextreme Magazin „Compact“ in Magdeburg die Eröffnung eines TV-Studios. Alle fünf Landtagsabgeordneten des BSW aus Sachsen-Anhalt kamen und blieben zum Essen. Mit am Tisch: Landtagspräsident Tobias Rausch, sein Vizepräsident Hans-Thomas Tillschneider und AfD-Fraktionschef Oliver Kirchner sowie „Compact“-Gründer Jürgen Elsässer.
Zu der Runde gehörten auch der frühere AfD-Politiker André Poggenburg, der Ex-Linke-Bundestagsabgeordnete Diether Dehm und der frühere CDU-Kommunalpolitiker Alexander von Bismarck. Wie AfD und BSW in Magdeburg gemeinsam feierten, hielt „Compact“ mit eigenen Fotos fest.
Der Weg zum Dinner in Magdeburg
- 22. August 2026Geplantes Streitgespräch beim „Compact“-Sommerfest
BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig sollte auf dem Rittergut des früheren AfD-Politikers André Poggenburg mit AfD-Fraktionschef Oliver Kirchner diskutieren. Ende Juli sagte sie ab.
- 6. Oktober 2026Rausch wird Landtagspräsident
Mit 48 von 82 Stimmen wählt der Landtag von Sachsen-Anhalt Tobias Rausch (AfD) zum Präsidenten – den ersten AfD-Landtagspräsidenten Deutschlands. Möglich machen das die Stimmen des BSW.
- 8. Oktober 2026„Compact“ eröffnet ein TV-Studio in Magdeburg
Alle fünf BSW-Abgeordneten feiern mit und bleiben zum Abendessen. Dabei sind AfD-Politiker um Landtagspräsident Rausch. „Compact“ veröffentlicht Fotos der Runde.
- 9. Oktober 2026Die Bundespartei distanziert sich
Fabio De Masi warnt auf X vor dem Eindruck der „Kumpanei“. Christian Leye und der BSW-Landesverband NRW fordern: „Es reicht!“ Claudia Wittig verteidigt den Abend zunächst.
- 10. und 11. Oktober 2026Wittig räumt einen Fehler ein
Im „Spiegel“ bedauert Wittig den Abend. Parteigründerin Sahra Wagenknecht kritisiert die Fraktion ebenfalls, Johannes Varwick fordert eine Kursdebatte.
Wie das BSW Rausch zum Präsidenten machte
Am 6. Oktober wählte der Landtag von Sachsen-Anhalt den AfD-Politiker Tobias Rausch mit 48 von 82 Stimmen zum Präsidenten – erstmals stellt die AfD in Deutschland einen Landtagspräsidenten. Die Wahl von Tobias Rausch mit 48 Stimmen fiel nur mit Unterstützung des BSW.
Das BSW in Sachsen-Anhalt suchte diese Nähe schon vor der Wahl: Bereits Ende Juni forderte die Partei ein Ende der Brandmauer zur AfD. Für den 22. August war ein Streitgespräch von Spitzenkandidatin Claudia Wittig mit AfD-Fraktionschef Oliver Kirchner beim „Compact“-Sommerfest auf dem Rittergut des früheren AfD-Politikers André Poggenburg geplant. Ende Juli sagte Wittig ab.
De Masi spricht ein Machtwort
Fabio De Masi stellte am Abend des 9. Oktober auf X klar, es dürfe „nicht der Eindruck der Kumpanei oder einer privilegierten Partnerschaft entstehen“. Einen Tag später sprach der Bundesvorsitzende in der Sache ein Machtwort: Man lehne „Geschichtsrevisionismus und völkisches Gedankengut oder die Abwertung von Menschen mit Behinderungen“ ab.
Der stellvertretende Parteivorsitzende Christian Leye und der BSW-Landesverband NRW forderten auf Instagram: „Es reicht! Diese Distanzlosigkeit und Kumpanei mit der AfD müssen ein Ende haben.“ Leye benannte am selben Tag, wo für ihn die Grenze verläuft:
„Wir suchen deshalb die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD, um sie politisch zu stellen – den Unterschied zu einem netten Abend bei Wein im Querfront-Magazin findet jeder selbst.“
Wittig räumt einen Fehler ein
Claudia Wittig, stellvertretende Fraktionsvorsitzende des BSW in Sachsen-Anhalt, verteidigte den Abend zunächst: „Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten können zusammen essen und auch ein Glas Wein zusammen trinken.“ Erst im Interview mit dem „Spiegel“ räumte sie einen Fehler ein: „Es war unklug, auch zum anschließenden Essen zu bleiben. Wir bedauern den Fehler, so etwas wird sich nicht wiederholen.“
Zur schärfsten Kritikerin wurde Parteigründerin Sahra Wagenknecht. Sie hält Gespräche mit allen im Landtag vertretenen Parteien für richtig, das gemeinsame Essen aber für falsch – und stellte sich damit gegen die eigene Landtagsfraktion.
„Mit allen im Landtag vertretenen Parteien zu reden, ist richtig. Gemeinsame Dinner sind völlig daneben.“
Kursdebatte oder Hysterie
Im BSW tobt seit dem Abend eine Schlammschlacht um den Kurs gegenüber der AfD. Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick, Mitglied der BSW-Grundwertekommission, fordert eine Kursdebatte: „Ich distanziere mich von diesem abstoßenden Gemeinmachen des BSW in Sachsen-Anhalt.“ Frederick Broßart vom BSW-Landesvorstand Niedersachsen hält die Kritik dagegen für übertrieben: „Wie sich hier einige der Hysterie hergeben, ist schon zum Fremdschämen.“
Wittig hat inzwischen zugesagt, dass sich ein solches Essen nicht wiederholen werde. Offen bleibt, was das für den Landtag heißt: Das BSW hat Rausch mitgewählt und will sich nach den Worten von Vizechef Leye inhaltlich mit der AfD auseinandersetzen. Ob die Fraktion ihre Nähe zur AfD verringert und ob die Bundespartei die geforderte Kurskorrektur beschließt, ist nicht entschieden.
