Eine Waffenruhe, von der eine Kriegspartei erst aus dem Internet erfährt: US-Präsident Donald Trump hat am Sonntag eine „Energie-Waffenruhe“ zwischen Russland und der Ukraine verkündet – beide Seiten hätten zugestimmt. Aus Kiew kam umgehend Widerspruch.
In seinem Post auf Truth Social schrieb Trump, die Waffenruhe gelte „mit sofortiger Wirkung“; beide Seiten hätten zugestimmt, und er mahnte: „Do not break it“. Wie lange sie gilt, wann genau sie begann und wer ihre Einhaltung prüft, ließ er offen.
Aus Moskau kam zunächst keine Reaktion. Die russische Staatsagentur TASS veröffentlichte Trumps Post, ohne eine Stellungnahme der russischen Seite hinzuzufügen; die Meldung der Tagesschau zur Energie-Waffenruhe verzeichnet keine Bestätigung aus dem Kreml.
Kiew erfährt davon aus dem Netz
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte dem US-Portal Axios, die Ankündigung sei „neu für mich“ gewesen. Der CNN-Bericht über die Reaktion in Kiew zitiert einen ukrainischen Beamten mit den Worten, man habe Trumps Post lediglich gelesen.
Kiews Zustimmung hängt damit an einer Bedingung, die Moskau bislang nicht erfüllt hat: einer eigenen Bestätigung.
Selenskyj schrieb auf X, die Ukraine unterstütze die Waffenruhe und warte nun auf Details von amerikanischer Seite. Er habe mit Kanadas Premier Mark Carney, Finnlands Präsident Alexander Stubb und NATO-Generalsekretär Mark Rutte telefoniert. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unterstützen den Vorstoß.
Angriffe auf Kraftwerke gehen weiter
Selenskyj berichtete, Russland habe nach Trumps Ankündigung weiter ukrainische Energieanlagen angegriffen – darunter das Heizkraftwerk CHPP-5 in Charkiw und eine Anlage in Kiew. In Charkiw wurden nach seinen Angaben sechs Menschen verletzt.
Es ist nicht die erste Waffenruhe dieser Art. Bereits Mitte September 2026 hatte Trump eine Energie-Waffenruhe verkündet; bestätigt wurde sie von keiner Seite, die Angriffe gingen weiter. Einen Tag später folgte der Drohnenangriff auf die Rosneft-Raffinerie Syzran.
Diesel-Deal und Druck auf Kiew
Vorangegangen war ein Geschäft, das Kiew und europäische Verbündete kritisierten: Nach einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verkündete Trump am Freitag eine Diesel-Einigung. Russland soll zunächst mehr als 300.000 Tonnen Diesel für die USA und den Weltmarkt liefern; das US-Finanzministerium erlaubte dafür befristete Sanktionserleichterungen.
In Miami begannen Gespräche mit Jared Kushner und Steve Witkoff. Am Samstag forderte Trump dann einen neuen Präsidenten in der Ukraine: „Ich schlage vor, sie holen sich einen neuen Anführer, der einen Deal machen kann.“ Zugleich machte er Selenskyj für die hohen US-Dieselpreise verantwortlich.
Selenskyj konterte mit Verweis auf die Wähler: „With all respect to President Trump, it's up to our society, up to our people to choose one or another leader.“ Im ABC-Interview „This Week“ bot er zugleich an, russische Raffinerien zu verschonen, wenn Moskau die ukrainische Energieinfrastruktur schont, und bat Trump um ein Signal an den Kreml.
Von der Blockade in Hormus bis zur Energie-Waffenruhe
- Februar 2026Krieg gegen den Iran treibt die Dieselpreise
Mit dem Beginn des von den USA und Israel geführten Kriegs gegen den Iran wird die Straße von Hormus faktisch geschlossen. Die Weltmarktpreise für Rohöl und Diesel steigen stark.
- 14. September 2026Erste verkündete Energie-Waffenruhe
Trump erklärt eine Energie-Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine. Moskau bestätigt sie nicht, beide Seiten setzen die Angriffe fort.
- 9. Oktober 2026Diesel-Einigung mit Putin
Nach einem Telefonat mit Putin verkündet Trump, Russland liefere mehr als 300.000 Tonnen Diesel; das US-Finanzministerium erlaubt befristete Sanktionserleichterungen. In Miami beginnen Gespräche mit Kushner und Witkoff.
- 10. Oktober 2026Trump fordert einen neuen Anführer in Kiew
Trump verlangt einen neuen ukrainischen Präsidenten, der einen Deal machen kann. Bei einem russischen Bombenangriff auf Saporischschja sterben 23 Menschen, darunter vier Kinder.
- 11. Oktober 2026Selenskyj bietet Wahlen und Schonung der Raffinerien an
Im ABC-Interview erklärt Selenskyj, die Ukraine sei bereit, russische Raffinerien zu verschonen, wenn Moskau die ukrainische Energieinfrastruktur schont. Für eine 60-tägige Waffenruhe stellt er Wahlen in Aussicht.
- 11. Oktober 2026Trump verkündet die Waffenruhe mit sofortiger Wirkung
Auf Truth Social erklärt Trump die Energie-Waffenruhe für sofort gültig. Für Kiew ist die Ankündigung neu, Moskau reagiert nicht, und Selenskyj meldet neue russische Angriffe auf Kraftwerke.
Keine Bestätigung aus Moskau
Ungeklärt bleibt, woran die Einhaltung gemessen werden soll: Trumps Ankündigung nennt weder Frist noch Kontrollinstanz noch Zeitpunkt des Inkrafttretens, und aus Moskau gibt es bislang weder Zusage noch Absage. Selenskyj formuliert die Bedingung so: „Wenn Präsident Trump das mit Putin ausgehandelt hat – sagen Sie uns bitte, wann die Waffenruhe beginnt – wir sind bereit und werden sie akzeptieren.“
Unterstützung kommt aus Paris und Brüssel: Macron und von der Leyen begrüßten den Vorstoß, ohne eine Bestätigung aus Moskau abzuwarten. Für Kiew bleibt die Reihenfolge entscheidend – erst die russische Zusage, dann die eigene.
Die Entscheidung liegt damit zuerst in Moskau: Bestätigt der Kreml die Waffenruhe, steht die Ukraine nach Selenskyjs Worten bereit. Bleibt die Bestätigung aus und treffen russische Drohnen weiter ukrainische Kraftwerke, war Trumps Verkündung so folgenlos wie die im September.
