Der frühere CSU-Chef Horst Seehofer rechnet unmittelbar vor der Führungsklausur des CDU-Präsidiums mit Bundeskanzler Friedrich Merz ab. In der „Bild am Sonntag“ attestiert er dem Kanzler einen „massiven Glaubwürdigkeitsverlust“ – begründet mit gebrochenen Wahlversprechen.
Bekannt wurde die Abrechnung des Ex-CSU-Chefs mit Kanzler Merz bereits am 10. Oktober. Am 11. und 12. Oktober kommt das rund 25-köpfige CDU-Präsidium nach der Niederlagenserie im September zu seiner zweitägigen Führungsklausur in Berlin zusammen.
Versprechen ohne Folgen
Seehofer sieht darin ein gebrochenes Wahlversprechen: Die angekündigte Entlastung sei ausgeblieben und beschädige das Vertrauen in die Koalition.
„Das Sofortprogramm von CDU und CSU versprach an erster Stelle eine Senkung der Stromsteuer für alle – passiert ist nichts.“
Für Seehofer steht mit dem Vertrauen die Grundlage der Regierungsarbeit infrage. Sein Glaubwürdigkeitsvorwurf gegen Merz richtet sich an die Koalition als Ganzes – und er kommt von einem Mann, der die CSU selbst jahrelang geführt hat.
Verletzende Worte zur Arbeitsmoral
Scharf kritisiert Seehofer Merz’ Äußerungen zur Arbeitsmoral. Der Kanzler hatte erklärt, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet; mit Vier-Tage-Woche und „Work-Life-Balance“ sei kein Wohlstand zu sichern. Seehofer hält dagegen, dass solche Sätze die Menschen verletzen.
„Aussagen, die Deutschen würden zu wenig arbeiten und zu viel krankfeiern, verletzen die Menschen.“
Seehofer prüft die Pauschalkritik an konkreten Fällen. „Was sagen Sie damit einer Krankenschwester, die ohnehin schon Wochenend- und Nachtschichten schiebt?“, fragt er. Bei Audi erlebe er Arbeitnehmer, die gerne mehr arbeiten würden, denen man aber stattdessen Aufhebungsverträge anbiete.
Der Streit um die Arbeitsmoral ist älter als das Interview. Merz hatte seine Absage an die Vier-Tage-Woche mit dem 34-Punkte-Reformprogramm der Koalition verteidigt.
Mehr Tempo, weniger Selbstbeschäftigung
Aus seiner Kritik leitet Seehofer Forderungen ab. Die Koalition brauche „deutlich mehr Tempo und deutlich weniger Selbstbeschäftigung“, sagt er. Von weiteren Expertenkommissionen hält er nichts; die Menschen bräuchten eine echte Entlastung.
Konkret nennt er Schulden, Steuern, Abgaben, Mieten und Energiekosten, die gleichermaßen stiegen. Kleine Lohnerhöhungen würden von der kalten Progression sofort wieder aufgefressen. In der Union, klagt er, sage niemand mehr: „Stopp, so geht das nicht.“
Druck vor der Klausur
Die Kritik fällt in eine angespannte Lage. Anfang Oktober berichtete der „Spiegel“ unter Berufung auf Daten des Instituts Ipsos, die Mehrheit der Deutschen halte die Kanzlerschaft von Merz für gescheitert. Ende August sackten die Zustimmungswerte für Merz auf ein historisches Tief von 16 Prozent.
Von der Arbeitsmoral-Debatte zur CDU-Klausur
- 2025Merz’ Äußerungen zur Arbeitsmoral
Der Kanzler erklärt, in Deutschland müsse mehr gearbeitet werden; mit Vier-Tage-Woche und „Work-Life-Balance“ sei kein Wohlstand zu sichern. Das löst deutliche Kritik aus.
- September 2026CDU verliert drei Wahlen
Niederlagen in Mecklenburg-Vorpommern (erstmals Flug aus dem Landtag), in Sachsen-Anhalt und bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.
- Anfang Oktober 2026Mehrheit hält die Kanzlerschaft für gescheitert
Der „Spiegel“ berichtet unter Berufung auf Daten des Instituts Ipsos, die Mehrheit der Deutschen halte die Kanzlerschaft von Merz für gescheitert.
- 10. Oktober 2026WELT greift das Interview auf
Seehofer attestiert Merz einen massiven Glaubwürdigkeitsverlust. Andere Medien folgen.
- 11. Oktober 2026Interview erscheint, Klausur beginnt
Die „Bild am Sonntag“ veröffentlicht das Gespräch. In Berlin startet die zweitägige Führungsklausur des CDU-Präsidiums.
Als Gegenbeispiel für Glaubwürdigkeit führt Seehofer Altkanzlerin Angela Merkel an: Sie habe in der Weltwirtschaftskrise die Mehrwertsteuer erhöht und dafür Verständnis gefunden. Ob die Union auf ihrer Klausur eine vergleichbar klare Linie findet, entscheidet sich an diesem Wochenende. Offen ist bislang, ob der Kanzler auf Seehofers Vorwurf antwortet.
